[Rezension] Stefan Nink – „Donnerstags im fetten Hecht“

66002622Nink_Hecht_FIN.inddTitel: Donnerstags im fetten Hecht

Autor: Stefan Nink

Broschiert: 416 Seiten
Verlag: Limes Verlag (August 2012)
ISBN: 978-3809026228

Erster Satz:

„Der Arzt hielt die Feder noch einmal unter die Nasenlöcher und wartete.“

Inhalt:

Der spannendste Tag in Siebeneisens eintönigem Leben ist der Donnerstag: da trifft er sich mit seinen Kumpels Schatten und Wipperfürth im „Fetten Hecht“, ihrer Oer-Erkenschwicker Stammkneipe.

Als Schatten, der eigentlich O’Shady heißt und aus Irland stammt, vom Tod einer entfernten Verwandten und einem damit verbundenen kolossalen Erbe erfährt, wird Siebeneisens Leben kräftig auf den Kopf gestellt. Denn die stattliche Summe von 50 Millionen Euro pro Erbe werden nur dann ausgezahlt, wenn alle – sieben! – erbberechtigten O’Shadys ausfindig gemacht werden. Und die sind überall auf dem Erdball verstreut.

Sofort machen sich Schatten und Wipperfürth an die Planung der Reise rund um den Globus – die kein anderer als Siebeneisen antreten muss. Weil er beruflich fexibel ist, Englisch kann und sich durch seine Sammlung von 120 National Geographic Heften das nötige Hintergrundwissen angelesen hat. Finden zumindest Schatten und Wipperfürth. Also bleibt Siebeneisen keine andere Wahl und es beginnt ein abgedrehter Roadtrip durch die entlegendsten Winkel der Erde, der einige Überraschungen parat hält …

Meine Meinung:

Selbst reisebegeistert, hat mich „Donnerstags im fetten Hecht“ sofort angesprochen. Und tatsächlich habe ich mich in einigen Situationen wiedergefunden, die sich in fremden Ländern und anderen Kulturen immer wieder gern ergeben. Es macht Spaß, den etwas introvertierten, aber erstaunlich unerschrockenen Siebeneisen auf seiner Reise zu begleiten, auf der er gerne mal in das ein oder andere Fettnäpfchen tritt und immer wieder in abstruse und abenteuerliche Situationen gerät. Auch die eigenbrötlerischen und verrückten Charaktere, die er unterwegs trifft, tragen zum Lesespaß bei.

Trotzdem war Stefan Ninks literarischer Erstling für mich nicht perfekt. Trotz der natürlich überspitzten Handlung war die ein oder andere Begebenheit doch ziemlich abstrus und comichaft und es wird immer mal wieder der Deus ex Machina bemüht, um Siebeneisen ans Ziel zu führen. Außerdem hat es mir deutlich an Beschreibungen der Personen gefehlt. Kaum eine Figur wird äußerlich beschrieben, abgesehen vielleicht von einer eigenartigen Sprechweise gibt Nink keiner von ihnen etwas wirklich Charakteristisches mit, was ich besonders schade fand, weil es sich bei den Menschen aus fremden Ländern und Kulturkreisen angeboten hätte.

Desweiteren hatte der Roman für mich die ein oder andere Länge und nicht alle Witze (obwohl ich den komischen Erzählton Ninks durchaus schätze) haben bei mir funktioniert. Vor allem ein Running Gag verursachte bei mir wiederholt Kopfschütteln. Der lief ungefähr so: Immer, wenn Lawn, Siebeneisens Bekannte aus New Orleans, die sich beruflich mit dem Aufspüren von Geistern befasst, erzählt, dass sie über „besondere Fähigkeiten“ verfügt, sagt ihr Gegenüber (egal aus welchem Teil der Welt) prompt: „Wie in dem Film mit Dan Aykroyd, in dem am Ende das Michelin-Männchen durch Manhattan stapft?“ Und Siebeneisen: „Ghostbusters. In der Originalfassung war das der Marshmallow-Mann.“

Kapier ich nicht. Erstens, weshalb jeder Mensch „besondere Fähigkeiten“ sofort mit „Ghostbusters“ in Verbindung bringt. Warum das für jeden „der Film mit Dan Aykroyd“ ist, nie aber jemand Bill Murray auch nur erwähnt. Und welche Fassungen die Leute von Australien bis in die Mongolei bitte gesehen haben, wenn alle geschlossen der Meinung sind, das Ding am Ende sei das Michelin-Männchen. Funktioniert irgendwie nicht. Und es hat mich genervt, weil dieser Gag wirklich immer wieder auftaucht. Und dabei liebe ich „Ghostbusters“.

Abgesehen von diesem und den anderen Kritikpunkten hatte ich aber meinen Spaß mit „Donnerstags im fetten Hecht“ – vor allem, weil ich ihn im Urlaub mithatte und somit gedanklich UND in echt herumreisen konnte.

Fazit:

Obwohl ich ein paar Abstriche machen muss, hatte ich Spaß beim Lesen. Eine nette, amüsante Lektüre über die Faszination des Reisens – inklusive all der chaotischen, haarsträubenden und nervenaufreibenden Erlebnisse, die das Unterwegssein in fremden Ländern gern mit sich bringt.

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[Rezension] Jojo Moyes – Eine Handvoll Worte

Moyes, eine handvoll worteTitel: Eine Handvoll Worte

Autor: Jojo Moyes

Gebundene Ausgabe: 592 Seiten
Verlag: rororo (Oktober 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3499267765

Erster Satz:

“Ellie Haworth hat ihre Freunde in der dichtgedrängten Menge entdeckt und bahnt sich einen Weg durch die Bar.”

Inhalt:

London 1960. Jennifer Stirling lebt sorgenfrei mit ihrem wohlhabenden Ehemann in einem wunderschönen Haus. Sie hat Freundinnen und schwimmt im Geld, doch sie ist nicht glücklich. Eines Abends lernt sie Anthony O’Hare kennen und ihr ganzes Leben verändert sich.

London 2003. Ellie Haworth arbeitet in ihrem Traumjob als Journalistin bei der Nation und führt eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Jeden Tag aufs Neue versucht sie sich einzureden, dass sie glücklich ist und alles genau so wollte, wie es ist. Bis sie bei der Recherche für einen Artikel auf die Liebesbriefe von Jennifer Stirling stößt. Die dramatische Liebesgeschichte lässt Ellie nicht mehr los und sie versucht herauszufinden, was damals geschehen ist.

Meine Meinung:

So sehr, wie ich mich durch die ersten 150 Seiten (glücklicherweise ist es so dick!) gekämpft habe, so sehr bin ich durch den Rest des Buches geflogen. Gott sei Dank hat mich jemand vorgewarnt, dass das erste Stück des Buches sehr langatmig ist, sonst hätte ich wohl nicht so tapfer durchgehalten.

Jojo Moyes lässt uns an den Leben zweier Frauen aus unterschiedlichen Zeiten teilhaben. Jennifer, die 1960 lebt und an ihren Mann gebunden und der Gesellschaft ausgliefert ist, die sich nach Respekt und Ebenbürtigkeit sehnt. Und Ellie Haworth, Journalistin, alleinlebend, Single und eine Affäre führend, die sich irgendwie selbst verloren hat und so gerne glücklich wäre. Moyes beginnt 1960 und ermöglicht uns einen wunderbaren Einblick in diese Zeit, in die Gepflogenheiten und Tabus. Sie erzählt eine wundervolle Liebesgeschichte und lässt den Leser gespannt weiterlesen. Später im Buch macht Moyes dann den Zeitsprung zu 2003 und Ellie wird die Hauptprotagonistin. Authentisch beschreibt sie das Leben einer jungen Frau, die nicht genau weiß, was sie vom Leben eigentlich möchte. Auch hier kommt rasch Liebe ins Spiel und so bilden sich zwei Spannungsbögen. Einer für Ellie und ihr Leben und einer für Jennifer, denn ihre Geschichte ist noch nicht vorbei und wird durch Ellie wieder angekurbelt.

Moyes‘ gefühlvollen Schreibstil habe ich wieder sehr genossen. Sie weiß einfach, welche Worte sie benutzen und wie sie die Sätze anordnen muss, um den Leser völlig für sie einzunehmen. Gerade durch das letzte Viertel des Buches bin ich nur so geflogen.

Was mir nicht so gut gefallen hat, waren die Liebesbriefe / SMS o.ä., die zwischen den Kapiteln für Auflockerung sorgen sollten. Die Idee an sich war wirklich schön, aber die Auswahl hat mich gar nicht überzeugt. Für mich persönlich hätten diese Auszüge romantischer, gefühlvoller oder irgendwie interessanter sein können.

Fazit:

Wer den Ehrgeiz hat sich durch die ersten 150 Seiten zu beißen, der wird von diesem Buch begeistert sein. Eine interessante und spannende Geschichte, Gefühl pur und der wunderbare Schreibstil Jojo Moyes‘ haben mich „Eine Handvoll Worte“ sehr gern lesen lassen.

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[Rezension] Colum McCann – Transatlantik

McCann, TransatlantikTitel: Transatlantik

Autor: Colum McCann

Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Rowohlt (7. März 2014)
ISBN: 978-3498045227

Erster Satz:

„Das Haus stand am Ufer des Loughs.“

Inhalt:

Eine Geschichte über vier Generationen, zwischen Irland und Amerika, über persönliche Schicksalsschläge und die Suche nach dem Glück, über den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wandel innerhalb der letzten anderthalb Jahrhunderte.

1845 unternimmt der schwarze Freiheitskämpfer Frederick Douglass eine Reise nach Großbritannien und ins von Armut gebeutelte Irland, um sich in glühenden Reden gegen die Sklaverei einzusetzen. Das irische Dienstmädchen Lily Duggan, von seiner Präsenz fasziniert, wandert kurz darauf nach Amerika aus, verliert ihren ersten Sohn im Sezessionskrieg und geht schließlich in die Eisproduktion auf einer Farm im Norden. Ihre Tochter Emily, eine intelektuelle und belesene Frau, wird eine erfolgreiche Reporterin, die jedoch gezwungen ist, jahrelang unter männlichem Pseudonym zu veröffentlichen.

1919 wagen Alcock und Brown den ersten Flug über den Atlantik von Neufundland nach Irland und gehen damit in die Geschichte ein. Emily und ihre Tochter Lottie, inzwischen eine Fotografin, dokumentieren den historischen Start für die Zeitung. Schließlich kehren die beiden nach Nordirland zurück, der Heimat ihrer Vorfahrin. Dort muss sich Hannah, Lotties Tochter, in den Siebziger Jahren mit den Folgen der politischen Unruhen auseinandersetzen und erlebt sowohl persönliche Verluste als auch finanziellen Ruin infolge der Wirtschaftskrise .

1998 reist der amerikanische Senator George Mitchell nach Nordirland, um an den Friedensverhandlungen teilzunehmen. Im Jahr 2011 schließlich ist es ein ungeöffneter Brief, der mit Alcock und Brown über den Atlantik geflogen und von Generation zu Generation bis in Hannahs Hände weitergegeben worden ist, der den erzählerischen Bogen schließt.

Meine Meinung:

Colum McCann, geboren in Dublin, lebt heute in New York. „Transatlantik“ schaffte es auf die Longlist des Man Booker Prize 2013.

Vorweg muss erwähnt werden, dass McCann sein irisch-amerikanisches Familienepos, das drei bedeutende historische Ereignisse miteinander verknüpft – Douglass‘ Kampf gegen die Sklaverei, Alcocks und Browns Transatlantik-Flug, den Friedensprozess im Nordirland-Konflikt – bewusst nicht chronologisch erzählt. Er springt zwischen Schicksalen und Zeiten, erzählt Episoden der Reihenfolge nach aus den Jahren 1919, 1845, 1998, 1863, 1929, 1978 und 2011, wobei der Fokus zumeist auf das Leben der weiblichen Protagonisten gerichtet ist. Zusammen mit einem Prolog, der im Jahr 2012 spielt, schließt sich am Ende der Kreis und einzelne Fäden laufen zusammen.

Obwohl ich die Geschichte und McCanns Sprache genossen habe, empfinde ich den sprunghaften Plot aus sehr locker miteinander verbundenen Episoden im Nachhinein als etwas spröde. Zudem kamen mir die einzelnen Geschichten in ihrer erzählerischen Qualität sehr unterschiedlich vor. Mit Abstand am stärksten empfand ich die Einstiegssequenz  über Alcock und Brown, 50 Seiten, die ich wie gebannt in einem Stück verschlungen habe und die mit außerordentlich starken Beschreibungen auftrumpft. Auch die Reise Frederick Douglass‘ nach Irland gefiel mir sehr gut; das Aufeinanderprallen zweier Welten, die Überraschung des Freiheitskämpfers, sich jenseits des Atlantiks in solch ernüchternder Armut wiederzufinden. Alle anderen Erzählstränge fallen im Vergleich ab, die Passage über Mitchells Flug nach Irland las sich für mich in seinen stark assoziativen Beschreibungen anstrengend wirr. Ein Lichtblick dann wieder die Geschichte Lily Duggans, die sich ein neues Leben an der Seite eines Eis-Farmers im Norden der USA aufbaut. Alles, was danach kam, erschien mir ungleich zäher. Im Großen und Ganzen lässt sich also sagen, dass McCanns Kapitel bis 1919 die stärkeren sind, alles zeitlich danach angesiedelte empfand ich als weniger spannend, handlungsärmer und deutlich weniger konzentriert.

Fazit:

Ein starker Einstieg, der in meinen Augen mehr verspricht, als die Geschichte am Ende hält. Die einzelnen und nicht chronologisch erzählten Episoden ergeben mehr einen unebenen Flickenteppich als ein rundes Ganzes. Die weiter in der Vergangenheit angesiedelten Geschichten empfand ich als deutlich stärker als die in der jüngeren Geschichte, weshalb sich für mich ein Buch aus exzellenten bis befriedigenden Passagen ergibt, eine angenehme Lektüre, die aber Wünsche offenlässt.

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[Rezension] Jean Echenoz – 14

Echenoz_24500_MR1.inddTitel: 14

Autor: Jean Echenoz

Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag: Hanser Berlin (24. Februar 2014)
ISBN: 978-3446245006

Erster Satz:

„Da das Wetter sich ganz ausgezeichnet dafür eignete und es Samstag war, ein Tag, an dem seine Tätigkeit ihm erlaubte, nicht arbeiten zu müssen, war Anthime nach dem Mittagessen zu einer Radtour aufgebrochen.“

Inhalt:

Völlig unverhofft platzt der Erste Weltkrieg in das beschauliche Alltagsleben des 23jähirgen Anthime. Ehe er es sich versieht, findet er sich zusammen mit seinen Freunden in einer Uniform in der Kaserne wieder. Auf geht es zu einem beschwerlichen Marsch an die belgische Grenze und mitten hinein in das Kriegsgetümmel zwischen den Schützengräben, einem Apltraum aus Schlamm, Kälte, Hunger und Tod.

Meine Meinung:

Der neue, kleine Roman von Jean Echenoz begleitet Anthime und seine Gefährten durch die Jahre des Ersten Weltkriegs. 128 Seiten umfasst diese Geschichte bloß, Echenoz konzentriert den Schrecken und die Willkür des Krieges auf das Schicksal von fünf Soldaten, indem er als nüchterner und lakonischer Beobachter erzählt.

Durch seine knappe, sachliche Sprache gelingt es Echenoz, die Brutalität des Krieges direkt und unmittelbar darzustellen, den Leser mit einem Gefühl der Fassungslosigkeit zurückzulassen. Besonders eindringlich auch die Beschreibungen des Alltags der Soldaten: Auf zwei Seiten listet er auf, was im und auf dem Tornister alles mitgeschleppt werden musste, was sehr interessant ist – und dem Leser förmlich die Schultern schmerzen lässt.

Gerade die absichtlich holzschnittartigen, austauschbaren Figuren des Romans, mit denen Echenoz ein universelles wie kompaktes Bild des Soldatenlebens im ersten Weltkrieg zeichnet, haben die ansonsten sehr eindringliche Erzählung für mich am Ende doch etwas flüchtig werden lassen – gemessen am Thema des Buches fehlte mir etwas Nachdrückliches. Die Distanz zu den blassen Charakteren ist vielleicht Schuld daran, dass die Geschichte nach der Lektüre in mir nicht recht nachwirken wollte.

Fazit:

Eine kleine, universelle Erzählung über das Soldatenleben im Ersten Weltkrieg, deren emotionale Kraft sich wegen der blassen Protagonisten bei mir leider wieder allzu schnell verflüchtigt hat.

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[Rezension] Anthony Marra – Die niedrigen Himmel

Marra, Die niedrigen HimmelTitel: Die niedrigen Himmel

Autor: Anthony Marra

Gebundene Ausgabe: 489 Seiten
Verlag: Suhrkamp (17. Februar 2014)
ISBN: 978-3518424278

Erster Satz:

„Am Morgen nachdem die Förderalen ihr Haus niedergebrannt und ihren Vater abgeholt hatten, erwachte Hawah aus Träumen von Seeanemonen.“

Inhalt:

Als im tschetschenischen Krieg 2004 der Vater der achtjährigen Hawah von den Förderalen verschleppt wird, beschließt ihr Nachbar und Freund der Familie, Ahmed, sie in Sicherheit zu bringen – denn auch hinter dem Mädchen sind sie her. Die junge Ärztin Sonja, die mit wenigen Helfern die Stellung im halb zerstörten Krankenhaus hält, nimmt Hawah widerwillig auf. In einem zerbomten Land voller Tod, Verrat und Verschleppungen suchen diese drei Menschen nach einem letzten Funken Hoffnung.

Meine Meinung:

Anthony Marras (geb. 1984) Debüt begeisterte die Kritiker, schoss kurz nach Erscheinen auf die Bestsellerliste der New York Times und brachte ihm mehrere renommierte Preise ein, inklusive glühender Lobworte von Autoren wie T.C. Boyle und Adam Johnson („Das geraubte Leben des Waisen Jun Do„), bei dem er u.a. an der Universität Stanford studierte.

Marras Schreibe hat mich begeistert, das von ihm gezeichnete Bild eines zerrütteten Landes in Kriegszeiten und der Menschen, die inmitten von Hoffnungslosigkeit verzweifelt ums Überleben kämpfen, hat mich tief berührt und erschüttert. Sein Wissen um die jüngere tschetschenische Geschichte ist herausragend, seine Recherche muss enorm gewesen sein (er bereiste u.a. selbst das Land und war einer der ersten Touristen nach Ende des Krieges). Es sind Marras ungewöhnliche, klingende Wortbilder, die einen zwischen Schrecken und Hoffnung tief in die Geschichte ziehen und das Leseerlebnis zu etwas Außergewöhnlichem machen. Das Ganze ist zudem unheimlich raffiniert geplottet, die feinen Handlungsfäden verlaufen kreuz und quer durch die Zeiten und Biographien der einzelnen Protagonisten und bilden am Ende ein beinahe geometrisches Netz, Nebensächliches gewinnt plötzlich an Bedeutung, alles scheint letztlich eine Art Gleichgewicht zu finden. Dieser Roman ist wirklich meisterhaft komponiert von einem Autor, dessen zukünftigen Werken man mit Spannung entgegensehen kann. Unglaublich, dass der Junge zur Zeit der Veröffentlichung erst 28 Jahre alt war.

Trotzdem habe ich ungewöhnlich lange an „Die niedrigen Himmel“ geknabbert, teilweise ging das Lesen sehr schleppend voran, und ich kann nicht einmal genau festmachen, woran das lag. Vielleicht, weil ich vor Beginn der Lektüre – schändlicher Weise – überhaupt nichts über Tschetschenien wusste. Weil ich mich an all den kleinen Schnipselchen, die Marra über sowjetische/tschetschenische Politik und den Verlauf der beiden letzten Kriege in die Handlung streut, entlang hangeln und mir nebenbei mühsam ein Bild des Ganzen zusammenpuzzeln musste. Dass die Handlung aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird und kontinuierlich innerhalb eines Handlungszeitraums von zehn Jahren hin und her springt, hat mir das Ganze sicher nicht gerade erleichtert.

Fazit:

Ein herausragendes Debüt, das mich mit seiner Sprache begeisert, mich tief in die Handlung hat eintauchen und mit den Protagonisten hat mitleiden und -hoffen lassen. Ein Buch über die Sinnlosigkeit und das Grauen des Krieges, das sich zu lesen lohnt. Ich selbst habe sehr lange an diesem Buch gelesen und musste mich zwischendurch immer wieder durchbeißen. Belohnt wurde ich mit einem Stück wahrlich großer Literatur.

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[Rezension] Kai Meyer – Die Sturmkönige – Dschinnland Teil I

die_sturmkoenigeAutor: Kai Meyer

Sprecher: Andreas Fröhlich

Titel: Die Sturmkönige – Dschinnland Teil I

Audio CD: 6 CD’s
Verlag: Bastei Lübbe [Lübbe Audio]  (November 2008)
ISBN: 978-3785737514

Inhalt: Tarik al-Jamal ist der beste Teppichreiter in Samarkand. Früher schmuggelte er Waren von Bagdad durch die Dschinnwüste, bis er dort seine große Liebe Maryam verlor. Als plötzlich die hübsche Sabatea auftaucht und Tariks Bruder Junis mit ihr in das gefährliche Dschinnland aufbricht, muss Tarik über seinen Schatten springen und reist den beiden nach.

Meine Meinung:

Das Hörbuch zu Kai Meyers „Die Sturmkönige“ hat mir sehr gut gefallen. Gleich zu Anfang wurde ich mitten in die Geschichte gezogen. Trotz kleinerer und größerer Macken der Hauptcharaktere waren sie mir alle sofort sympathisch und haben mein Interesse geweckt. Die Geschichte ist spannend und gut erzählt, meine Konzentration ist beim Zuhören nicht abgerissen. Vor allem der Sprecher Andreas Fröhlich hat mich sehr begeistert. Seine Stimme habe ich als sehr angenehm empfunden und im Dialog konnte er die verschiedenen Charaktere gut differenzieren, ohne ins Alberne abzurutschen. Gut gefallen hat mir auch die musikalische Untermalung.

Mein einziger Kritikpunkt ist Andreas Fröhlichs Umsetzung des Narbennarrs. Wenn dieser sprach, rollten sich mir jedes Mal die Fußnägel hoch. Fröhlich atmete beim Sprechen übertrieben ein und aus und das hat mich beim Zuhören fast wahnsinnig gemacht.

Anzumerken ist vielleicht noch, dass der erste Teil der Dschinnland Reihe keinen eigenen Abschluss hat. Wenn man nicht vorhat sich alle Teile zuzulegen sollte man sich den ersten vielleicht nicht kaufen.

Fazit:

Spannende Geschichte und fantastischer Sprecher! Ich habe es sehr gerne gehört.

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[Rezension] Michel Bussi – Das Mädchen mit den blauen Augen

blaue AugenAutor: Michel Bussi

Titel: Das Mädchen mit den blauen Augen

Taschenbuch: 416 Seiten
Verlag: Rütten & Loening (Februar 2014)
ISBN: 978-3352008764

Erster Satz:

“Ganz plötzlich verlor der Airbus 5403 auf dem Weg von Istanbul nach Paris an Höhe.”

Inhalt:

Frankreich 1980. Auf dem Weg von Istanbul nach Paris kollidiert der Airbus 5403 mit dem Mont Terrible. Alle Insassen sterben am Unfallort, nur ein 3 Monate altes Baby wird lebendig geborgen. Als das kleine Mädchen aus dem Krankenhaus abgeholt werden soll tauchen auf einmal zwei vermeintliche Großeltern auf, denn an Bord waren zwei gleichaltrige Babys: Emilie und Lyse-Rose. Monatelang wird versucht herauszufinden, zu welcher Familie die kleine Lylie gehört, die mittlerweile schon eine Kombination aus ihren beiden möglichen Namen trägt. Als die Entscheidung endlich aufgrund recht instabiler Beweise gefällt wird, engagiert eine der Familien einen Privatdetektiv, der 18 Jahre lang an der Identitätssuche des Mädchens arbeiten wird.

Meine Meinung:

Angelockt hat mich „Das Mädchen mit den blauen Augen“ mit dem wunderschönen Cover, überzeugt hat der Roman mit seinem Schreibstil und viel Spannung! Bussi schockierte mich gleich mit seinen ersten Seiten, einer Art Vorwort. Nach einigen Seiten solider Einführung in die Geschichte, die sich ganz gut weglesen, verfolgt man das aktuelle Geschehen aus der Sicht von Marc, Lylies vermeintlichem Bruder und bekommt immer wieder Auszüge aus dem finalen Bericht des Privatdetektives zu lesen. Der Autor beginnt recht früh das Geschehen immer spannender werden zu lassen. Spätestens ab der Hälfte des Buches wollte ich es eigentlich gar nicht mehr beiseite legen. Tatsächlich steigert sich die Spannung immer mehr, bis sie kurz vor Schluss zum Höhepunkt kommt, wenn sich der Leser endlich alles zusammenreimen kann, und endet in einem angenehmen Ende, in welchem die Spannung langsam ausklingt. Auf dem Weg dorthin hat der Autor hier und da eine kleine falsche Fährte eingebaut, aber im Dunkeln lässt er den Leser eigentlich nie tappen.

Der Schreibstil von Michel Bussi war solide und hat mich das ganze Buch hinweg überzeugt. Der Roman ließ sich sehr angenehm lesen. Die Charaktere waren allesamt interessant und auch sehr verschieden. Es war wohl gewollt, dass der Leser von Lylie selbst eigentlich nichts über sie erfährt und sie im Geschehen selten vorkommt. Ich wusste bis zum Schluss nicht, was ich davon halten sollte und kann mir auch jetzt noch keine Meinung darüber bilden. Vielleicht hätte ich Lylie gerne etwas sympathischer gefunden, aber dazu kannte ich sie zu wenig.

Der Kaffeetassenabzug basiert auf meinem einzigen richtigen Kritikpunkt. Ich hatte das Gefühl, dass Bussi selbst seine Geschichte nicht spannend genug fand und deswegen unbedingt ständig Pistolen und Gewaltandrohungen in aller Öffentlichkeit einbauen musste. Leider wirkte das etwas aufgesetzt und vor allem unglaubwürdig! Nicht nur einmal wird jemanden in absoluter Öffentlichkeit (zum Beispiel am Bahnsteig!!) eine Waffe an den Körper gedrückt und alle Passanten sollen nur denken, es wäre ein aneinander geschmiegtes Paar! Für mich einfach übertrieben. Und wenn dann auch noch an betreffender, bedrohter Person rumgefingert wird, um es dramatischer zu machen.. denke ich mir: Manchmal ist weniger einfach mehr. Auch wurde meiner Meinung nach teilweise kräftig übertrieben, was die Besessenheit auf die Suche nach Lylies Wurzeln angeht und die Zerstörungskraft der Geschichte für einzelne Personen.

Fazit:

Spannender und interessanter Roman, der mir viel Lesefreude bereitet hat. Hier und da etwas übertrieben, aber sonst wirklich überzeugend.

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