[Rezension] Matthew Goodman – In 72 Tagen um die Welt

In 72 Tagen um die Welt von Matthew GoodmanTitel: In 72 Tagen um die Welt: Wie sich zwei rasende Reporterinnen im 19. Jh. ein einmaliges Wettrennen lieferten

Autor: Matthew Goodman

Gebundene Ausgabe: 719 Seiten
Verlag:
btb
ISBN:
978-3442753994

Erster Satz:

“Sie war eine junge Frau im karierten Mantel und mit einer Kappe auf dem Kopf, weder groß noch klein, weder dunkelhaarig noch blond und nicht so hübsch, dass man sich nach ihr umdrehte: die Sorte Frau, die, falls notwendig, in einer Menge untertauchen konnte.”

Inhalt:

In Amerika wurde sie in den 1890’er Jahren als Volksheldin gefeiert und galt als berühmteste Frau der USA: Nellie Bly, die es als erste schaffte, die Erde in einer Rekordzeit von nur 72 Tagen zu umrunden.

Bis heute ist der Name Nellie Bly noch vielen ein Begriff. Dass sie damals eine Konkurrentin hatte, die am selben Tag in die entgegengesetzte Richtung startete und sich bald einen Wettlauf gegen die Zeit und ein von der Öffentlichkeit heißdiskutiertes Rennen mit der berühmten Reporterin Nellie Bly lieferte, weiß heute kaum noch jemand. Ihr Name war Elizabeth Bisland.

Sachbuchautor Matthew Goodman hat das Rennen der beiden Reporterinnen gründlich recherchiert und erzählt von zwei abenteuerlustigen, grundverschiedenen Frauen, die Geschichte schreiben sollten.

Meine Meinung:

Mit seinem Buch ist es Matthew Goodman nicht nur gelungen, auf spannende Weise das revolutionäre Wettrennen zwischen Bly und Bisland zu dokumentieren, sondern auch das Leben und die Karriere zweier Journalistinnen und das vieler anderer Frauen, die sich zu dieser Zeit in dem von Männern dominierten Metier durchsetzen mussten.

Sowohl Bly als auch Bisland verschlägt es nach New York, wo sie, obwohl von unterschiedlicher sozialer Herkunft, mehr oder weniger mittellos ihr Glück bei den großen Zeitungen der Stadt versuchen. Bly ergattert eine Anstellung bei der World und macht sich bald einen Namen als investigative Journalistin, während Bisland bei dem monatlich erscheinenden Magazin Cosmopolitan unterkommt und, ihrem Charakter entsprechend, in relativer Anonymität hochwertige Aritkel verfasst.

Im November 1889 nimmt alles seinen Anfang. Um die etwas kränkelnde Auflage seiner Zeitung zu steigern, entschließt sich der Herausgeber der World, eine von Blys früheren Ideen für eine sensationsheischende Reportage in die Tat umzusetzen und schickt sie, ohne jeden Aufschub, auf ein Rennen um die Welt. Das Ziel: die 80 Tage, die die Figur des Phileas Fogg in Jules Vernes berühmten Roman brauchte, zu unterbieten.

Als der Herausgeber des konkurrierenden Blatts Cosmopolitan von Blys Abreise Wind bekommt, überredet er seine Reporterin Elizabeth Bisland dazu, das Rennen in die entgegengesetzte Richtung – nach Westen – anzutreten mit dem Ziel, Bly zu schlagen. Nach einigem Zaudern willigt Bisland ein und startet noch am selben Tag und nur wenige Stunden nach Bly ihre Tour.

Was folgt, ist eine beispiellose Hatz über Ozeane und Kontinente per Schiff und Bahn unter dem enormen Interesse der Öffentlichkeit. Jede Verzögerung durch maschinelle Defekte oder Widrigkeiten der Natur kann den verpassten Anschluss an das nächste Verkehrsmittel und somit die Niederlage bedeuten. Die Eindrücke, die Bly und Bisland auf Schiffen, in Eisenbahnen und in den zu durchreisenden Ländern wie Japan, China, Indien, Nordafrika, Italien, Frankreich und England erleben, liest sich vor allem aufgrund ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten und den daraus resultierenden verschiedenen Eindrücken sehr unterhaltsam. (In Frankreich konnte Bly sogar Bekanntschaft mit Jules Verne höchstpersönlich machen, was ihr zu Hause nur noch mehr Ruhm einbrachte.)

Goodman hat sehr genau recherchiert, jede Aussage und jeder Dialog ist in schriftlichen Quellen belegt und kann im Anhang nachgeschlagen werden. Das Bild, das er von den beiden Frauen und ihrer Reise zeichnet, ist unheimlich lebendig und in seinen Beschreibungen so genau, dass sich der Leser fühlt, als würde er den reisenden Reporterinnen über die Schulter schauen und selbst mitten im Geschehen sein. Der Fokus liegt dabei stets auf dem Reisen, also dem Vorankommen an sich. Von den bereisten oder vielmehr durchreisten Länden bekommt man oft nur flüchtige Eindrücke, da sich die beiden Frauen ja nie lange an einem Ort aufhalten und vor allen Dingen möglichst schnell möglichst viel Strecke machen mussten.

Das mag ein kleiner Wermutstropfen für die sein, die sich besonders für die historischen Begebenheiten in den aus Sicht damaliger Westler „exotischen“ Ländern interessieren. Auch ist das Buch mit seinen 719 (ohne Anhänge 665) Seiten recht opulent und es schleicht sich hin und wieder doch eine kleine Länge oder das Gefühl von Wiederholung ein. Daher ist „In 72 Tagen um die Welt“ für mich vielleicht kein perfektes, aber doch ein gelungenes und unterhaltsames erzählendes Sachbuch, das ich mit großem Interesse gelesen und aus dem ich nicht nur die beiden faszinierenden Frauen Elizabeth Bisland und Nellie Bly kennen-, sondern auch unheimlich viel über das Reisen im ausgehenden 19. Jahrhundert gelernt habe.

Fazit:

Ein fasznierender Blick auf das Leben der Journalistinnen Nellie Bly und Elizabeth Bisland und ein spannender, unterhaltsamer Reisebericht.

4.5_Kaffeetassen

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[Rezension] Katy Simpson Smith – Eine Geschichte von Land und Meer

simpson smith, Eine Geschichte von land und meer

Titel: Eine Geschichte von Land und Meer

Autor: Katy Simpson Smith

Taschenbuch: 317 Seiten
Verlag: Insel (18. August 2014)
ISBN: 978-3458176145

Erster Satz:

“Wenn sich im August an manchen Tagen der Sturm in die Küste von North Carolina verbeißt, schleift er eine Matratze in die Diele und erzählt seiner Tochter Geschichten von ihrer Mutter, wahre und unwahre.”

Inhalt:

North Carolina, 1793: Die zehnjährige Tabitha lebt in bescheidenen Verhältnissen allein mit ihrem Vater John. Sie ist ein Wildfang, streunt durch die Gegend, sammelt kleine Schätze, die sie an der Küste findet. Als Tab an Gelbfieber erkrankt, lässt John alles hinter sich zurück, um mit ihr an Bord des nächsten Schiffes zu kommen. Denn er fühlt, dass er Tab nur auf der freien Weite des Meeres retten kann …

North Carolina, 1771: Helen wächst als einzige Tochter des wohlhabenden Besitzers einer Kiefernplantages auf. Sie ist aufmüpfig, arrogant und freiheitsliebend. Den Sklaven auf der Plantage lehrt sie Lesen und predigt unbeirrt in einer zusammengezimmerten Kapelle die Bibel. Als Helens Vater ihre Sklavin Moll, die mir ihr gemeinsam aufgewachsen ist, gegen deren Willen verheiratet, denkt sie nicht daran, ihrer Jugendfreundin zu helfen. Helen selbst aber will auf keinen Fall heiraten und ignoriert alle Verkupplungsversuche ihres Vaters. Bis sie auf einer Gartenfeier für Soldaten auf Heimaturlaub John kennenlernt, der in ihr das erste Mal die Sehnsucht nach dem Meer weckt. Die Liebe der beiden darf nicht sein, und alles, was ihnen bleibt, ist die Flucht an Bord eines Schiffes …

Meine Meinung:

In ihrem Debütroman erzählt die Amerikanerin Katy Simpson Smith auf drei Zeitebenen die Geschichte von Tabitha, Helen und Moll. Gleichzeitig ist es aber auch die Geschichte des heimatlosen Soldaten John und des Plantagenbesitzers Asa, den uralte Schuldgefühle zu einem verbitterten alten Mann gemacht haben. In diesen dicht verwobenen Geschichten geht es um die Liebe zwischen jungen Menschen und die Liebe eines Vaters zu seiner Tochter.

Katy Simpson Smith’s Sprache ist einfach wunderbar. Sie erzählt rau, lebensecht und in wortstarken Bildern. Ihr historischer Roman atmet förmlich. Manche Szenen fühlen sich an wie ein Gemälde und sind gleichzeitig so lebendig, als würde man die Geschichte durch ein Zeitloch beobachten. Das Erzählte klingt noch einige Zeit nach wie ein melancholisches Sommerlied.

Denn melancholisch ist der Roman von Simpson Smith. Das Dramatische zieht sich durch die gesamte Handlung und selbst das Ende bringt nur einen Hauch von Erlösung.

Fazit:

Ein bildstarker, wunderbar geschriebener Roman, der ins North Carolina um 1800 entführt. Ein Roman, der in das Leben von Menschen eintaucht und sie wieder verlässt, ohne am Ende alle Fragen zu beantworten. Für einige von ihnen würde man sich gern einen anderen Verlauf des Schicksals wünschen. Das Buch habe ich deshalb mit einem lachenden und einem weinenden Auge geschlossen.

4.5_Kaffeetassen

 

[Rezension] David Levithan – Letztendlich sind wir dem Universum egal

Levithan, Letztendlich sind wir dem universum egalTitel: Letztendlich sind wir dem Universum egal

Autor: David Levithan

Gebundene Ausgabe: 397 Seiten
Verlag: FISCHER FJB (27. März 2014)
ISBN: 978-3841422194

Erster Satz:

„Ich werde wach.“

Inhalt:

Seit sechzehn Jahren, so lange er denken kann, wacht „A“ jeden Tag in einem anderen Körper auf. Dabei schlüpft er als unfreiwilliger Gast für 24 Stunden in das Leben Gleichaltriger, egal ob Junge oder Mädchen.

So gut es geht, hat A gelernt, sich an die Herausforderung seines Daseins zu gewöhnen. Er horcht in seine geliehenen Körper hinein, passt sich an ihre jeweiligen Tagesabläufe an, versucht, Ihr Leben nicht durcheinander zu bringen und keine Spuren zu hinterlassen. Alles ändert sich jedoch, als er im Körper von Justin landet und sich in dessen Freundin Rhiannon verliebt.

Meine Meinung:

Manchmal liest man Bücher und denkt sich: Warum hatte vorher noch niemand diese Idee? Mit „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ hat der amerikanische Jugendbuchautor David Levithan eine wahnwitzige, intelligente, äußerst ambitionierte Geschichte geschrieben: Wie wäre es, im Körper anderer Menschen zu stecken, ihre Gedanken, Wünsche und Ängste zu kennen, die Welt aus ihrer Sicht zu sehen? Und: Ist wahre Liebe möglich, wenn man jeden Tag anders aussieht?

Mit seinem Roman liefert Levithan nicht nur einen aufregend neuen und durchgehend spannenden Plot, die Geschichte ist auch eine gute Metapher für das Erwachsenwerden: die Zeit, in der man herausfinden muss, wer man sein will, in der man mit Andersartigkeit zu kämpfen hat, in der es herauszufinden gilt, wie unterschiedlich Menschen sind und wie schwierig es manchmal ist, sich in andere hineinzuversetzen.

A’s Reise zwischen den Körpern ist demensprechend fordernd: Nicht immer landet er im Leben glücklicher Teenanger – einen Tag lang befindet er sich im Körper eines Drogenabhängigen, einmal in dem einer Tochter illegaler Einwanderer, mal in dem eines schwer depressiven Mädchens, das daran denkt, sich umzubringen.  In all ihren Unterschieden und Ähnlichkeiten ergibt sich aus den vielen kurzen Einblicken in das Leben junger Menschen ein vielfarbiges Kaleidoskop. Es sind die realistischen Schicksale von Teenagern, die sich mit dem phantastischen Anteil der Geschichte zu einem packenden Jugendbuch verbinden, das seine Leser zum Nachdenken und Augenöffnen auffordert.

Fazit:

David Levithan macht aus einer interessanten Idee, einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte und einem spannenden Plot ein außergewöhnliches Jugendbuch, das seine jungen Leser zum Nachdenken bringt und zu Empathie und Toleranz aufruft.

Ich habe das Buch verschlungen und konnte es kaum aus der Hand legen. Da ich am Ende mit einigen unbeanworteten Fragen zurückblieb, ziehe ich eine halbe Kaffeetasse ab. Eine tolle Lektüre für Jungs und Mädels, empfehlen würde ich das Buch ab 14.

4.5_Kaffeetassen

[Rezension] Antje Wagner – Unland

Wagner, UnlandAutor: Antje Wagner

Titel: Unland

Taschenbuch: 384 Seiten
Verlag: bloomoon (September 2010)
ISBN: 978-3833350528

Erster Satz:

„Mir war schlecht.“

Inhalt:

Die 14-jährige Franka kommt von einer Berliner Pflegefamilie in das verschlafene Dorf Waldburgen, wo sie fortan im „Haus Eulenruh“, einer alternativen Erziehungsstelle, leben wird.

Von Anfang an hat Franka Schwierigkeiten, als „Heimkind“ Anschluss in ihrer neuen Klasse zu finden. Zum Glück freundet sie sich nach und nach mit den sechs anderen Pflegekindern in Haus Eulenruh an. Gemeinsam trotzen sie den Anfeindungen der Klassenkameraden und der engstirnigen Dorfbewohner – bis es immer häufiger zu beunruhigenden Vorfällen kommt, deren Spuren zu Franka und den anderen Jugendlichen aus Eulenruh führen. Als sich die Lage dramatisch zuspitzt, entschließt sich die Gruppe, gemeinsam gegen ihren Feind vorzugehen, denn die Jugendlichen haben längst erkannt, dass man es gezielt auf sie abgesehen hat – und dass die nahe gelegene Dorfruine „Unland“ mit der ganzen Sache in irgendeinem Zusammenhang stehen muss …

Meine Meinung:

Mit „Unland“ habe ich meinen ersten Roman der Autorin Antje Wagner gelesen. Gleich zu Beginn überrascht sie mit Franka als einer besonders für Jugendbücher sehr ungewöhnlichen Protagonistin, was sofort einen ganz eigenen Reiz entfaltet. Abenso erschafft sie mit den Bewohnern von „Haus Eulenruh“ eine äußerst dynamische Gruppe eigenwilliger Charaktere voller Ecken und Kanten, von denen jeder eine düstere Vergangenheit und das ein oder andere Geheimnis mit sich herumzuschleppen hat.

Mit Spannung wird man sofort in die Handlung hineingezogen. Obwohl es relativ ruhig losgeht, entfaltet sich eine Geschichte, die so dicht und lebensecht erzählt wird, dass man sich ihrem Sog kaum entziehen kann. Als das Geschehen allmählich immer rätselhafter wird und die mysteriösen Vorkommnissen immer bedrohlicher werden, ist der Leser endgültig an die Seiten gefesselt. Kapitel für Kapitel rätselt man mit Franka und den anderen, entwirft Theorien, verdächtigt eine Person, nur um wenig später wieder in eine völlig andere Richtung gelenkt zu werden. Mit zunehmender Seitenzahl wird es immer schwieriger, das Buch aus der Hand zu legen, man steckt so sehr in Frankas Haut und fühlt sich ihren Freunden so vertraut, dass man mit ihnen bangt und leidet und händeringend hofft, dass die Geschichte für alle gut ausgeht.

Eine Geschichte um Ausgrenzung, um Zusammenhalt, darum, sich selbst zu finden und bestimmte Entscheidungen zu treffen. Jeder Jugendliche wird sich, auf die ein oder andere Weise, in Franka oder einem ihrer Freunde wiederfinden – und gezwungen sein, sich mit den sehr realen Schicksalen der Heimkinder auseinanderzusetzen. Das ist teilweise sehr harter Tobak, um so wichtiger, dass Antje Wagner dieses Thema in einer Geschichte um Heimkinder zur Sprache bringt und dabei geschickt und schlüssig in einem atmosphärisch dichten Thriller verpackt.

Antje Wagner erzählt glaubhaft und mitreißend. Besonders mochte ich ihre vielschichtigen Charaktere und die flotten, authentischen Dialoge. Die Geschichte ist durchweg spannend, beginnt leise und flirrend, um allmählich zu einem tosenden Orkan anzuschwellen und unerwartet in einem infernalen Gewitter zu münden.

Das Ende der Geschichte ist unverhofft, genial überlegt, mit einem Twist, der einem die Ohren schlackern lässt. Aber es spaltet auch die Gemüter. Ohne etwas zu verraten, will ich an dieser Stelle sagen, dass ich überrascht, aber am Ende im Großen und Ganzen zufrieden mit der Auflösung war – aber der ein oder andere sorgsam aufgebaute Handlungsstrang und manche Hintergrundgeschichte hätte für mich noch ein wenig vertieft und zu einem besseren Abschluss gebracht werden können. Das Finale war stimmig, aber ein paar lose Enden waren nur scheinbar oder einfach nicht zu meiner Zufriedenheit verknüpft. Das gibt von mir eine halbe Kaffeetasse Abzug.

Fazit:

„Unland“ ist ein Jugendthriller der Extraklasse – tiefgründig, voller Spannung und gleichzeitig zum Nachdenken anregend. Eine große Empfehlung!

4.5_Kaffeetassen

[Rezension] Thomas Willmann – Das finstere Tal

Willmann, Das finstere TalTitel: Das finstere Tal

Autor: Thomas Willmann

Taschenbuch: 320 Seiten
Verlag: Ullstein  (Oktober 2011)
ISBN: 978-3548283683
Erster Satz:

„Als der Fremde mit seinem Maultier das Hochtal erreichte, lag in der Luft schon der Geruch des ersten Schnees.“

Inhalt:

Irgendwo in den Alpen, Ende des 19. Jahrhunderts: Ein fremder Reiter erreicht ein abgeschiedenes Hochtal. Das hier gelegene Dorf und seine Bewohner, weitgehend abgeschottet von der übrigen Welt, bilden eine verschlossene Welt mit eigenen Regeln und dunklen Geheimnissen.

Greider, der junge Fremde, wird nur mit Argwohn in die Gemeinschaft aufgenommen, darf dank guter Bezahlung aber über den Winter im Dorf bleiben, um Bilder zu malen, wie er sagt. Tatsächlich aber gibt es einen ganz anderen Grund, der ihn an diesen Ort führt, und die Geschehnisse dieses Winters werden seine wahren Absichten und die dunklen Geheimnisse des Tals offenbaren.

Meine Meinung:

Zunächst ist es Thomas Willmanns leicht antiquierte, beinahe urtümlich anmutende Sprache, die mich in diesem Roman fasziniert haben. Zusammen mit der spärlichen, von Mundart gefärbten wörtlichen Rede ergibt sich ein ganz eigener, unverwechselbarer Ton, der dem besonderen Charakter der Geschichte nicht besser hätte entsprechen können und der mich durchweg begeistert hat.

Nach einem gemächlichen Einstieg, der den den Leser glauben macht, über das raue Leben der Menschen in den abgeschiedenen Alpendörfern vor etwa hundert Jahren zu lesen, streut Willmann nach und nach merkwürdige Andeutungen, die das Geschehen bald zu einem Kriminalroman und schließlich zu einem atemlosen Thriller wachsen lassen. Der Showdown ist gnadenlos und voller Wucht; spätestens hier fühlt man sich in das unausweichliche Finale eines geschickt konstruierten Westerns versetzt. Und das Beste: die Rechnung geht auf, Alpenroman und Western lassen sich vereinen: „Das finstere Tal“ ist eine ungeheuer spannende Mischung aus Heimatroman und Italo-Western, aus Ludwig Ganghofer und Sergio Leone – zwei Helden Willmanns, die für diese Geschichte inoffiziell Pate gestanden haben.

Fazit:

Eine Geschichte um Schuld und Vergeltung, ein dunkler Alpenroman mit Western-Thrill, hervorragend erzählt.

4.5_Kaffeetassen

[Rezension] Khaled Hosseini – Traumsammler

TraumsammlerTitel: Traumsammler

Autor: Khaled Hosseini

Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
Verlag: S. FISCHER (September 2013)
ISBN: 978-3100329103

Erste Sätze:

“Ihr wollt eine Geschichte hören? Gut, ich erzähle euch eine. Aber nur eine. Bettelt nicht um mehr, ihr zwei!”

Inhalt:

Die Geschichte beginnt im Afghanistan der 50er Jahre. In dem kleinen Dorf Shadbagh leben die Geschwister Abdullah und Pari mit ihrer Familie. Die beiden Kinder lieben sich innig und verbringen jede Minute miteinander. Eines Tages jedoch bricht der Vater mit den beiden Kindern nach Kabul auf und kehrt nur mit Abdullah wieder zurück. Khaled Hosseini erzählt seine, Paris und die Geschichte vieler anderer über mehr als 50 Jahre hinweg.

Meine Meinung:

Mit einer wunderbar mitreißenden Sprache erzählt Khaled Hosseini in „Traumsammler“ eine Geschichte über mehr als 50 Jahre. Er beginnt mit den Geschwistern Abdullah und Pari in Afghanistan und wechselt immer wieder zu anderen Erzählsträngen, mit anderen Protagonisten und in anderen Ländern. So lernt man unter anderem auch den griechischen Arzt Markos Vavaris und seine Vergangenheit kennen oder den jungen Afghanen Idris, der in die USA ausgewandert ist.

Im Laufe jedes Erzählstranges muss man immer wieder verwundert feststellen, wie alle Geschichten irgendwie zusammenhängen; wie die Charaktere über verschiedene Wege alle irgendwie miteinander verbunden sind und sich im Laufe der vielen Jahre auf irgendeine Weise beeinflussen. Hosseini lässt uns so teilhaben an der Entwicklung und am Älterwerden seiner Protagonisten, an deren sozialem Leben, insbesondere dem Familienleben und flicht dabei historische Ereignisse oder Umstände der jeweiligen Länder in die Geschichte mit ein.

Ich habe seine Charaktere als sehr realitätsnah und speziell empfunden und habe mich für jedes einzelne Schicksal interessiert. Ich war positiv überrascht, dass ich mich bei einer Geschichte, die einen so langen Zeitraum umfasst, nicht gelangweilt oder das Interesse verloren habe. Hier und da baute Hosseini Spannung auf, doch er schaffte es auch, mich in den nicht spannungsgeladenen Kapiteln mitzureißen und zu begeistern.

Fazit:

Ein Meisterwerk der Erzählkunst, welches uns tiefe Einblicke in das afghanische Leben ermöglicht. Ich habe es sehr gerne gelesen und empfehle es guten Gewissens weiter.

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[Rezension] Cormac McCarthy – Draußen im Dunkel

McCarthy, Draußen im DunkelTitel: Draußen im Dunkel

Autor: Cormac McCarthy

Taschenbuch: 256 Seiten
Verlag: Rowohlt (Juni 1996)
ISBN: 978-3499139086

Erster Satz:

„Sie rüttelte ihn wach ins lautlose Dunkel.“

Inhalt:

Die bettelarmen Geschwister Culla und Rinthy Holme leben abgeschieden am Rand der Gesellschaft. Als Rinthy das gemeinsame Kind der beiden zur Welt bringt, schafft Culla es vor lauter Verzweiflung in den Wald, um es sterben zu lassen. Rinthy erzählt er, der kleine Junge habe die Geburt nicht überlebt. Ein vorbeiziehender Kesselflicker kommt ihm auf die Schliche und rettet das Baby.

Dieses Ereignis spaltet, einer göttlichen Gewalt gleich, die Beziehung der beiden und lässt sie in einem tiefen Gefühl irdischer Verdammnis zurück, woraufhin Culla ihre armselige Hütte überstürzt verlässt und fortan ziellos durchs Land streift, auf der Suche nach Arbeit und in der vergeblichen Hoffnung, seine sündhaften Taten hinter sich zu lassen. Doch überall, wo er hinkommt, begegnet ihm die ländliche Bevölkerung voller Misstrauen und es bricht Chaos und Leid aus. Auch Rinthy, die an den Tod des kleinen Jungen nicht glaubt, wandert von Ort zu Ort, auf der Suche nach dem Kesselflicker, um vom Verbleib ihres Kindes zu erfahren.

Meine Meinung:

Nach McCarthys phänomenalem Roman „Die Straße“ musste ich unbedingt ein weiteres Werk des Autors lesen. „Draußen im Dunkel“ (Outer Dark) ist McCarthys zweiter Roman, im Original 1968 und gut dreißig Jahre später erstmals auf Deutsch erschienen.

Wieder einmal ist es McCarthys einzigartige Sprache, die mir schier den Atem geraubt hat; sein urtümlicher, unerschöpflicher Wortschatz; die Art, wie er poetisch-naturalistische Szenen und in beinahe epischer Bandbreite erzählt. Schönheit und Grausamkeit schwingen gleichsam in seinen Romanen mit, jederzeit widergespiegelt in den geschliffenen Beschreibungen der rauen und bisweilen schmerzhaft schönen Landschaften, durch die das Schicksal seine Protagonisten führt.

Die tragische Geschichte um die Geschwister Culla und Rinthy und ihre Begegnungen mit den Menschen auf ihrem Weg hat mich berührt, verängstigt und erschaudern lassen. Liest sich ihre jeweilige Suche nach Erlösung anfangs noch etwas zufällig und orientierungslos, so beginnt sich nach und nach ein Muster abzuzeichnen, das atemlos und einem dunklen Sog gleich auf ein schockierendes Ende hinausläuft.

Fazit:

Mit „Draußen im Dunkel“ hat Cormac McCarthy eine wahrhaft dunkle Geschichte um Verdammnis und Erlösung geschrieben. Gerade zum Ende hin quälend spannend und in einer Sprache erzählt, die süchtig macht.

4.5_Kaffeetassen

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