[Rezension] Matthew Goodman – In 72 Tagen um die Welt

In 72 Tagen um die Welt von Matthew GoodmanTitel: In 72 Tagen um die Welt: Wie sich zwei rasende Reporterinnen im 19. Jh. ein einmaliges Wettrennen lieferten

Autor: Matthew Goodman

Gebundene Ausgabe: 719 Seiten
Verlag:
btb
ISBN:
978-3442753994

Erster Satz:

“Sie war eine junge Frau im karierten Mantel und mit einer Kappe auf dem Kopf, weder groß noch klein, weder dunkelhaarig noch blond und nicht so hübsch, dass man sich nach ihr umdrehte: die Sorte Frau, die, falls notwendig, in einer Menge untertauchen konnte.”

Inhalt:

In Amerika wurde sie in den 1890’er Jahren als Volksheldin gefeiert und galt als berühmteste Frau der USA: Nellie Bly, die es als erste schaffte, die Erde in einer Rekordzeit von nur 72 Tagen zu umrunden.

Bis heute ist der Name Nellie Bly noch vielen ein Begriff. Dass sie damals eine Konkurrentin hatte, die am selben Tag in die entgegengesetzte Richtung startete und sich bald einen Wettlauf gegen die Zeit und ein von der Öffentlichkeit heißdiskutiertes Rennen mit der berühmten Reporterin Nellie Bly lieferte, weiß heute kaum noch jemand. Ihr Name war Elizabeth Bisland.

Sachbuchautor Matthew Goodman hat das Rennen der beiden Reporterinnen gründlich recherchiert und erzählt von zwei abenteuerlustigen, grundverschiedenen Frauen, die Geschichte schreiben sollten.

Meine Meinung:

Mit seinem Buch ist es Matthew Goodman nicht nur gelungen, auf spannende Weise das revolutionäre Wettrennen zwischen Bly und Bisland zu dokumentieren, sondern auch das Leben und die Karriere zweier Journalistinnen und das vieler anderer Frauen, die sich zu dieser Zeit in dem von Männern dominierten Metier durchsetzen mussten.

Sowohl Bly als auch Bisland verschlägt es nach New York, wo sie, obwohl von unterschiedlicher sozialer Herkunft, mehr oder weniger mittellos ihr Glück bei den großen Zeitungen der Stadt versuchen. Bly ergattert eine Anstellung bei der World und macht sich bald einen Namen als investigative Journalistin, während Bisland bei dem monatlich erscheinenden Magazin Cosmopolitan unterkommt und, ihrem Charakter entsprechend, in relativer Anonymität hochwertige Aritkel verfasst.

Im November 1889 nimmt alles seinen Anfang. Um die etwas kränkelnde Auflage seiner Zeitung zu steigern, entschließt sich der Herausgeber der World, eine von Blys früheren Ideen für eine sensationsheischende Reportage in die Tat umzusetzen und schickt sie, ohne jeden Aufschub, auf ein Rennen um die Welt. Das Ziel: die 80 Tage, die die Figur des Phileas Fogg in Jules Vernes berühmten Roman brauchte, zu unterbieten.

Als der Herausgeber des konkurrierenden Blatts Cosmopolitan von Blys Abreise Wind bekommt, überredet er seine Reporterin Elizabeth Bisland dazu, das Rennen in die entgegengesetzte Richtung – nach Westen – anzutreten mit dem Ziel, Bly zu schlagen. Nach einigem Zaudern willigt Bisland ein und startet noch am selben Tag und nur wenige Stunden nach Bly ihre Tour.

Was folgt, ist eine beispiellose Hatz über Ozeane und Kontinente per Schiff und Bahn unter dem enormen Interesse der Öffentlichkeit. Jede Verzögerung durch maschinelle Defekte oder Widrigkeiten der Natur kann den verpassten Anschluss an das nächste Verkehrsmittel und somit die Niederlage bedeuten. Die Eindrücke, die Bly und Bisland auf Schiffen, in Eisenbahnen und in den zu durchreisenden Ländern wie Japan, China, Indien, Nordafrika, Italien, Frankreich und England erleben, liest sich vor allem aufgrund ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten und den daraus resultierenden verschiedenen Eindrücken sehr unterhaltsam. (In Frankreich konnte Bly sogar Bekanntschaft mit Jules Verne höchstpersönlich machen, was ihr zu Hause nur noch mehr Ruhm einbrachte.)

Goodman hat sehr genau recherchiert, jede Aussage und jeder Dialog ist in schriftlichen Quellen belegt und kann im Anhang nachgeschlagen werden. Das Bild, das er von den beiden Frauen und ihrer Reise zeichnet, ist unheimlich lebendig und in seinen Beschreibungen so genau, dass sich der Leser fühlt, als würde er den reisenden Reporterinnen über die Schulter schauen und selbst mitten im Geschehen sein. Der Fokus liegt dabei stets auf dem Reisen, also dem Vorankommen an sich. Von den bereisten oder vielmehr durchreisten Länden bekommt man oft nur flüchtige Eindrücke, da sich die beiden Frauen ja nie lange an einem Ort aufhalten und vor allen Dingen möglichst schnell möglichst viel Strecke machen mussten.

Das mag ein kleiner Wermutstropfen für die sein, die sich besonders für die historischen Begebenheiten in den aus Sicht damaliger Westler „exotischen“ Ländern interessieren. Auch ist das Buch mit seinen 719 (ohne Anhänge 665) Seiten recht opulent und es schleicht sich hin und wieder doch eine kleine Länge oder das Gefühl von Wiederholung ein. Daher ist „In 72 Tagen um die Welt“ für mich vielleicht kein perfektes, aber doch ein gelungenes und unterhaltsames erzählendes Sachbuch, das ich mit großem Interesse gelesen und aus dem ich nicht nur die beiden faszinierenden Frauen Elizabeth Bisland und Nellie Bly kennen-, sondern auch unheimlich viel über das Reisen im ausgehenden 19. Jahrhundert gelernt habe.

Fazit:

Ein fasznierender Blick auf das Leben der Journalistinnen Nellie Bly und Elizabeth Bisland und ein spannender, unterhaltsamer Reisebericht.

4.5_Kaffeetassen

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