[Rezension] Karine Tuil – Die Gierigen

Tuil, Die GierigenTitel: Die Gierigen

Autor: Karine Tuil

Gebundene Ausgabe: 479 Seiten
Verlag:
 Aufbau (18. August 2014)
ISBN:
 978-3351033781

Erster Satz:

“Mit seiner Wunde hatte es angefangen, ja, mit ihr hatte es angefangen, dem letzten Stigma einer Tyrannei, der Samir Tahar ein Leben lang zu entkommen suchte: einer drei Zentimeter langen Schnittwunde am Hals, die er einmal von einem Schönheitschirurgen am Times Square mit einem Diamantschleifkopf hatte glätten lassen wollen, vergeblich, es war zu spät gewesen, er würde sie als Souvenir behalten und sie jeden Morgen ansehen, um sich daran zu erinnern, woher er kam, aus welcher Gegend/ aus welchem Umfeld der Gewalt.”

Inhalt:

Samir, Samuel und Nina kennen sich seit dem Studium. Erst waren sie unzertrennliche Freunde, dann kam ihnen die Liebe in die Quere und riss die enge Freundschaft auseinander. Zwanzig Jahre später lebt Samir, der sich jetzt Sam nennt, als gefeierter Staranwalt in New York und ist verheiratet mit der Tochter einer der reichsten und wichtigsten jüdischen Familien der USA. Als Nina und Samuel, die immer noch als Paar in einem heruntergekommenen Stadtteil von Paris leben, ihn im Fernsehen erblicken, gerät das Leben der beiden in eine gefährliche Schieflage. Samuel erkennt, dass Samir ihm seine Identität gestohlen hat, um in seiner jüdischen Kanzlei aufzusteigen. Die uralte Eifersucht auf seinen Rivalen flammt wieder auf. Nina soll nach New York fliegen, um Samir zur Rede – und seine alte Leidenschaft für sie – erneut auf die Probe zu stellen.

Meine Meinung:

Ein großes gesellschaftliches Panorama breitet die französische Autorin Karine Tuil in ihrem Roman „Die Gierigen“ aus. Von den Abgründen der Pariser Vorstädte mit ihrer Kriminalität, ihrer Armut, dem Drogensumpf, problematischen Immigrantenvierteln und gescheiterten Existenzen geht es in die Lofts und das Luxusleben der Superreichen Manhattans. Es geht um Geld, Macht und Ansehen, um Armut, Hilf- und Hoffnungslosigkeit, um religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Identität.

Samir hat im Leben alles aufgegeben, um es bis nach ganz oben zu schaffen, an die Spitze der Gesellschaft. Samuel leidet unter chronischem Selbsthass, weiß, dass er es nie zu irgendetwas bringen wird. Nina hat nichts als ihre Schönheit und sexuelle Ausstrahlung. Doch das Wiedersehen der drei wirft ihr Leben komplett über den Haufen, lenkt ihre Schicksale in völlig neue Bahnen – und womöglich in den Abgrund.

Karine Tuil hat einen Roman über das Scheitern in all seinen Facetten geschrieben – mitreißend und erschütternd. Dabei bleibt sie jedoch stets auf fühlbarem Abstand zu ihren Figuren, was den Leser bewusst zu kritischer Beobachtung und Hinterfragung auffordert.

Fazit:

Ein mitreißender Gesellschaftsroman, der tief in die Abgründe menschlichen Versagens entführt, dabei aber stets einen emotionalen Abstand zu seinen Figuren wahrt. So durchlebt man die Höhen und Tiefen im Leben von Samir, Samuel und Nina, ohne selbst in ihren dunkelsten Stunden wirklich berührt zu werden.

4_Kaffeetassen

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