[Rezension] Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

HB Seethaler_978-3-446-24645-4_MR.inddTitel: Ein ganzes Leben

Autor: Robert Seethaler

Gebundene Ausgabe: 160 Seiten
Verlag: Hanser Berlin (28. Juli 2014)
ISBN: 978-3446246454

Erster Satz:

„An einem Februarmorgen des Jahres neunzehnhundertdreiunddreißig hob Andreas Egger den sterbenden Ziegenhirten Johannes Kalischka, der von den Talbewohnern nur der Hörnerhannes gerufen wurde, von seinem stark durchfeuchteten und etwas säuerlich riechenden Strohsack, um ihn über den drei Kilometer langen und unter einer dicken Schneeschicht begrabenen Bergpfad ins Dorf hinunterzutragen.“

Inhalt:

Als Vierjähriger kommt Andres Egger in das Dorf, das in einem abgeschiedenen Tal in den Bergen liegt. Einer lieblosen Kindheit mit vielen Schlägen zum Trotz wächst er zu einem strammen jungen Burschen heran, der, nach einem schlecht verheilten Bruch, auf einem Bein ein wenig hinkt.

So schlägt er sich als Hilfsknecht durchs Leben, bis die Bautrupps mit den Maschinen kommen, um Elektrizität ins Tal zu bringen und mit dem Bau der Bergbahnen zu beginnen. Auch Andreas wird zum Arbeiter an den neuen Bahnen, die die Touristen und den Lärm in die Abgeschiedenheit ziehen. Und dann lernt Andreas das Schankmädchen Marie kennen. Wie kann er die große Liebe seines Lebens für sich gewinnen?

Meine Meinung:

Letztes Jahr war Robert Seethalers Roman „Der Trafikant“ eine der größten Überraschungen für mich. Eine wunderbare, zu Herzen gehende kleine Geschichte und ein sprachliches Feuerwerk!

Seinen neuen Roman, „Ein ganzes Leben“, musste ich deshalb unbedingt lesen. Auch mit diesem Buch hatte ich meine Freude, aber dem Vergleich mit „Der Trafikant“ kann er meiner Meinung nach, dass muss ich ganz erhlich sagen, nicht standhalten. „Ein ganzes Leben“ ist mit gerade mal 154 Seiten deutlich schmaler als der „Trafikant“, aber die Story umfasst diesmal, wie es der Titel schon verrät, eine ganze Lebensspanne. Ich habe die Geschichte um Andreas, den Bergbahnarbeiter, gern gelesen, aber sie hat mich vergleichsweise lange nicht so in Beschlag genommen. Eine schöne, streckenweise anrührende Geschichte, wie sie das Leben schreibt. Aber nichts, was mir so eindrücklich im Gedächtnis bleiben würde wie das Schicksal von Franz in Seethalers vorangegangenen Roman. Auch die Sprache empfand ich diesmal „nur“ als angenehm routiniert, aber nicht so herausragend und so geschliffen wie im „Trafikanten“.

Vielleicht ist es ein wenig unfair, aber nach der Euphorie, die ich beim Lesen des „Trafikanten“ hatte, blieb mir gar nichts anderes übrig, als ihn bei der Lektüre von Seethalers neuen Roman ständig zum Vergleich heranzuziehen. Ich muss dabei bleiben: es ist ein schöner kleiner Roman, aber das Herzblut der ersten Geschichte und die außergewöhnlich schöne Sprache aus ersterem Roman konnte ich diesmal nur in leisen Anklängen wiederfinden.

Fazit:

„Ein ganzes Leben“ ist ein schöner, kleiner Roman, den ich gern gelesen habe. Er reicht meines Erachtens aber lange nicht an Seethalers erzählerisch überragenden Roman „Der Trafikant“ heran, den ich auch weiterhin als meinen persönlichen Geheimtipp weiterempfehlen werde.

4_Kaffeetassen

2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. masuko13
    Jul 24, 2014 @ 19:59:50

    In deiner Besprechung finde ich mich so sehr wieder! Als ganz großer Fan und begeisterter Leser vom unvergesslichen „Trafikanten“ hätte auch ich mir einfach mehr Esprit und überraschende Wendungen in der Geschichte um Andreas Egger gewünscht. Schön, dass du das so offen und frei aussprichst.

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    • keeweekat
      Jul 24, 2014 @ 20:06:50

      Hallo masuko, danke für deinen Kommentar! Puuh, das beruhigt mich aber, dass es nicht nur mir so ging. Beim Lesen habe ich richtig darauf „gewartet“, dass mich Seethalers Zauber wieder genauso einfängt wie beim „Trafikanten“, aber es wollte einfach nicht passieren und natürlich – vor allem, weil ich von einem anderen Vorableser vorher eine begeisterte Meinung über das Buch gehört hatte – dachte ich, es muss irgendwie an mir liegen.😉

      Antworten

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