[Rezension] Antonia Michaelis – Friedhofskind

Michaelis, FriedhofskindTitel: Friedhofskind

Autor: Antonia Michaelis

Broschiert: 480 Seiten
Verlag: Emons (29. Januar 2014)
ISBN: 978-3954512867

Erster Satz:

Was wird das Letzte sein, das ich denke?“

Inhalt:

Siri Pechton kommt in das namenlose Dorf an der Küste, um die Fenster der alten Kirche zu erneuern. Vor dreißig Jahren ertrank die kleine Iris in einer stürmischen Nacht, und seitdem scheint über dem Dorf ein dunkler Schatten aus verschwiegenen Geheimnissen zu liegen. Vor allem Lenz, der Totengräber, der mit den Seelen der Verstorbenen spricht, gibt Siri Rätsel auf. Und bald muss sie erkennen, dass ihre Ankunft längst vergrabene Geschehnisse von damals wieder an die Oberfläche bringt …

Meine Meinung:

„Friedhofskind“ ist mein viertes Buch von Antonia Michaelis, nach „Der Märchenerzähler“, „Solange die Nachtigall singt“ und „Nashville oder das Wolfsspiel“, die allesamt zu meinen Lieblingsbüchern zählen. Mit ihrem ersten Kriminalroman für Erwachsene hatte ich jedoch so meine Probleme.

Ich habe ewig für dieses Buch gebraucht. Die Handlung will und will einfach nicht in Gang kommen, einige Episoden scheinen sich beinahe zu wiederholen, man wartet auf erste Hinweise oder ein fühlbares Voranschreiten der Kriminalgeschichte, aber ich kam nicht umhin zu denken, dass die Geschichte „vor sich hin dümpelt“. Da bin ich von Antonia Michaelis sonst anderes gewohnt, nämlich eine dichte, unwiderstehliche Erzählweise, die vielleicht gemächlich anfangen mag und zu Ausschweifungen und Detailverliebtheit neigt, den Leser aber dennoch oder gerade deshalb bald nicht mehr loslässt, fest umklammert hält, einen Sog entwickelt, das Lesen zu einem Wettlauf mit den Seiten macht.

Nicht so beim „Friedhofskind“. Im Vergleich zu den bereits genannten Büchern habe ich diesen Sog vermisst. Der Plot erschien mir nicht annähernd so genial gestrickt, die Ereignisse eher etwas willkürlich und mutlos aneinandergefügt statt perfekt und in stetig steigender Spannung miteinander verwoben. Im Gegenteil, ich habe sogar des Öfteren mit Fragwürdigkeiten und kleinen Brüchen in der Logik zu kämpfen gehabt. Und manches Mal, ja, waren mir Ereignisse oder Handlungen der Personen zu abstrus. Ich weiß, gerade das ist einer der Aspekte, der Antonia Michaelis‘ Bücher zu etwas Besonderem machen: Das Verwischen der Grenzen zwischen Traum und Realität, die Liebe zum Unkonventionellen, zum Unwahrscheinlichen,  das „aus der Zeit Gefallene“. Auch ich liebe ihre Bücher dafür. Aber im „Friedhofskind“ geschehen Dinge und finden Dialoge statt, die mir einfach nicht in sich schlüssig erschienen. Sogar aufgesetzt. So kommt es zum Beispiel, dass drei Leute kurz nacheinander einen bestimmten, unheilschwangeren Satz sagen, ohne dass sie ihn zuvor von einem der anderen gehört hätten. Das soll an dieser Stelle prophetisch anmuten, die düsteren Vorzeichen untermalen, die den Leser nichts Gutes ahnen lassen. So was passiert häufiger im Buch. Und wirkte auf mich, wie gesagt, leider zunehmend aufgesetzt.

Auch die Charaktere habe ich diesmal als nicht so plastisch empfunden wie sonst, mit Ausnahme von Lenz und Siri, den beiden Hauptfiguren. Einige Dörfler tauchen zu Beginn der Handlung relativ scharf umrissen auf, nur um danach in der Versenkung zu verschwinden, nur noch hin und wieder namentlich genannt zu werden und schließlich völlig an Bedeutung zu verlieren. Schade.

Fazit:

Alles in Allem reicht „Friedhofskind“ – obwohl ein durchaus nicht schlecht geplotteter, schön ungewöhnlicher und auch atmosphärischer Thriller – für mich nicht an Michaelis‘ andere Bücher heran, die ich bisher gelesen habe und die mich durch die Bank sprachlos zurückgelassen haben.

3_Kaffeetassen

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