[Rezension] Colum McCann – Transatlantik

McCann, TransatlantikTitel: Transatlantik

Autor: Colum McCann

Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Rowohlt (7. März 2014)
ISBN: 978-3498045227

Erster Satz:

„Das Haus stand am Ufer des Loughs.“

Inhalt:

Eine Geschichte über vier Generationen, zwischen Irland und Amerika, über persönliche Schicksalsschläge und die Suche nach dem Glück, über den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Wandel innerhalb der letzten anderthalb Jahrhunderte.

1845 unternimmt der schwarze Freiheitskämpfer Frederick Douglass eine Reise nach Großbritannien und ins von Armut gebeutelte Irland, um sich in glühenden Reden gegen die Sklaverei einzusetzen. Das irische Dienstmädchen Lily Duggan, von seiner Präsenz fasziniert, wandert kurz darauf nach Amerika aus, verliert ihren ersten Sohn im Sezessionskrieg und geht schließlich in die Eisproduktion auf einer Farm im Norden. Ihre Tochter Emily, eine intelektuelle und belesene Frau, wird eine erfolgreiche Reporterin, die jedoch gezwungen ist, jahrelang unter männlichem Pseudonym zu veröffentlichen.

1919 wagen Alcock und Brown den ersten Flug über den Atlantik von Neufundland nach Irland und gehen damit in die Geschichte ein. Emily und ihre Tochter Lottie, inzwischen eine Fotografin, dokumentieren den historischen Start für die Zeitung. Schließlich kehren die beiden nach Nordirland zurück, der Heimat ihrer Vorfahrin. Dort muss sich Hannah, Lotties Tochter, in den Siebziger Jahren mit den Folgen der politischen Unruhen auseinandersetzen und erlebt sowohl persönliche Verluste als auch finanziellen Ruin infolge der Wirtschaftskrise .

1998 reist der amerikanische Senator George Mitchell nach Nordirland, um an den Friedensverhandlungen teilzunehmen. Im Jahr 2011 schließlich ist es ein ungeöffneter Brief, der mit Alcock und Brown über den Atlantik geflogen und von Generation zu Generation bis in Hannahs Hände weitergegeben worden ist, der den erzählerischen Bogen schließt.

Meine Meinung:

Colum McCann, geboren in Dublin, lebt heute in New York. „Transatlantik“ schaffte es auf die Longlist des Man Booker Prize 2013.

Vorweg muss erwähnt werden, dass McCann sein irisch-amerikanisches Familienepos, das drei bedeutende historische Ereignisse miteinander verknüpft – Douglass‘ Kampf gegen die Sklaverei, Alcocks und Browns Transatlantik-Flug, den Friedensprozess im Nordirland-Konflikt – bewusst nicht chronologisch erzählt. Er springt zwischen Schicksalen und Zeiten, erzählt Episoden der Reihenfolge nach aus den Jahren 1919, 1845, 1998, 1863, 1929, 1978 und 2011, wobei der Fokus zumeist auf das Leben der weiblichen Protagonisten gerichtet ist. Zusammen mit einem Prolog, der im Jahr 2012 spielt, schließt sich am Ende der Kreis und einzelne Fäden laufen zusammen.

Obwohl ich die Geschichte und McCanns Sprache genossen habe, empfinde ich den sprunghaften Plot aus sehr locker miteinander verbundenen Episoden im Nachhinein als etwas spröde. Zudem kamen mir die einzelnen Geschichten in ihrer erzählerischen Qualität sehr unterschiedlich vor. Mit Abstand am stärksten empfand ich die Einstiegssequenz  über Alcock und Brown, 50 Seiten, die ich wie gebannt in einem Stück verschlungen habe und die mit außerordentlich starken Beschreibungen auftrumpft. Auch die Reise Frederick Douglass‘ nach Irland gefiel mir sehr gut; das Aufeinanderprallen zweier Welten, die Überraschung des Freiheitskämpfers, sich jenseits des Atlantiks in solch ernüchternder Armut wiederzufinden. Alle anderen Erzählstränge fallen im Vergleich ab, die Passage über Mitchells Flug nach Irland las sich für mich in seinen stark assoziativen Beschreibungen anstrengend wirr. Ein Lichtblick dann wieder die Geschichte Lily Duggans, die sich ein neues Leben an der Seite eines Eis-Farmers im Norden der USA aufbaut. Alles, was danach kam, erschien mir ungleich zäher. Im Großen und Ganzen lässt sich also sagen, dass McCanns Kapitel bis 1919 die stärkeren sind, alles zeitlich danach angesiedelte empfand ich als weniger spannend, handlungsärmer und deutlich weniger konzentriert.

Fazit:

Ein starker Einstieg, der in meinen Augen mehr verspricht, als die Geschichte am Ende hält. Die einzelnen und nicht chronologisch erzählten Episoden ergeben mehr einen unebenen Flickenteppich als ein rundes Ganzes. Die weiter in der Vergangenheit angesiedelten Geschichten empfand ich als deutlich stärker als die in der jüngeren Geschichte, weshalb sich für mich ein Buch aus exzellenten bis befriedigenden Passagen ergibt, eine angenehme Lektüre, die aber Wünsche offenlässt.

4_Kaffeetassen

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  2. Trackback: Die Sonntagsleserin #KW13 | Literaturen

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