[Rezension] Anthony Marra – Die niedrigen Himmel

Marra, Die niedrigen HimmelTitel: Die niedrigen Himmel

Autor: Anthony Marra

Gebundene Ausgabe: 489 Seiten
Verlag: Suhrkamp (17. Februar 2014)
ISBN: 978-3518424278

Erster Satz:

„Am Morgen nachdem die Förderalen ihr Haus niedergebrannt und ihren Vater abgeholt hatten, erwachte Hawah aus Träumen von Seeanemonen.“

Inhalt:

Als im tschetschenischen Krieg 2004 der Vater der achtjährigen Hawah von den Förderalen verschleppt wird, beschließt ihr Nachbar und Freund der Familie, Ahmed, sie in Sicherheit zu bringen – denn auch hinter dem Mädchen sind sie her. Die junge Ärztin Sonja, die mit wenigen Helfern die Stellung im halb zerstörten Krankenhaus hält, nimmt Hawah widerwillig auf. In einem zerbomten Land voller Tod, Verrat und Verschleppungen suchen diese drei Menschen nach einem letzten Funken Hoffnung.

Meine Meinung:

Anthony Marras (geb. 1984) Debüt begeisterte die Kritiker, schoss kurz nach Erscheinen auf die Bestsellerliste der New York Times und brachte ihm mehrere renommierte Preise ein, inklusive glühender Lobworte von Autoren wie T.C. Boyle und Adam Johnson („Das geraubte Leben des Waisen Jun Do„), bei dem er u.a. an der Universität Stanford studierte.

Marras Schreibe hat mich begeistert, das von ihm gezeichnete Bild eines zerrütteten Landes in Kriegszeiten und der Menschen, die inmitten von Hoffnungslosigkeit verzweifelt ums Überleben kämpfen, hat mich tief berührt und erschüttert. Sein Wissen um die jüngere tschetschenische Geschichte ist herausragend, seine Recherche muss enorm gewesen sein (er bereiste u.a. selbst das Land und war einer der ersten Touristen nach Ende des Krieges). Es sind Marras ungewöhnliche, klingende Wortbilder, die einen zwischen Schrecken und Hoffnung tief in die Geschichte ziehen und das Leseerlebnis zu etwas Außergewöhnlichem machen. Das Ganze ist zudem unheimlich raffiniert geplottet, die feinen Handlungsfäden verlaufen kreuz und quer durch die Zeiten und Biographien der einzelnen Protagonisten und bilden am Ende ein beinahe geometrisches Netz, Nebensächliches gewinnt plötzlich an Bedeutung, alles scheint letztlich eine Art Gleichgewicht zu finden. Dieser Roman ist wirklich meisterhaft komponiert von einem Autor, dessen zukünftigen Werken man mit Spannung entgegensehen kann. Unglaublich, dass der Junge zur Zeit der Veröffentlichung erst 28 Jahre alt war.

Trotzdem habe ich ungewöhnlich lange an „Die niedrigen Himmel“ geknabbert, teilweise ging das Lesen sehr schleppend voran, und ich kann nicht einmal genau festmachen, woran das lag. Vielleicht, weil ich vor Beginn der Lektüre – schändlicher Weise – überhaupt nichts über Tschetschenien wusste. Weil ich mich an all den kleinen Schnipselchen, die Marra über sowjetische/tschetschenische Politik und den Verlauf der beiden letzten Kriege in die Handlung streut, entlang hangeln und mir nebenbei mühsam ein Bild des Ganzen zusammenpuzzeln musste. Dass die Handlung aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird und kontinuierlich innerhalb eines Handlungszeitraums von zehn Jahren hin und her springt, hat mir das Ganze sicher nicht gerade erleichtert.

Fazit:

Ein herausragendes Debüt, das mich mit seiner Sprache begeisert, mich tief in die Handlung hat eintauchen und mit den Protagonisten hat mitleiden und -hoffen lassen. Ein Buch über die Sinnlosigkeit und das Grauen des Krieges, das sich zu lesen lohnt. Ich selbst habe sehr lange an diesem Buch gelesen und musste mich zwischendurch immer wieder durchbeißen. Belohnt wurde ich mit einem Stück wahrlich großer Literatur.

4_Kaffeetassen

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