[Rezension] Marisha Pessl – Die amerikanische Nacht

Pessl, Die amerikanische NachtTitel: Die amerikanische Nacht

Autor: Marisha Pessl

Gebundene Ausgabe: 800 Seiten
Verlag: S. FISCHER (September 2013)
ISBN: 978-3100608048

Erster Satz:

„Jeder hat eine Cordova-Geschichte, ob er will oder nicht.“

Inhalt:

Der Filmemacher Stanislas Cordova ist eine Ausnahmeerscheinung, seine kunstvollen Horrorfilme genießen Kultstatus und sind so verstörend, dass sie zum Teil auf dem Index gelandet sind und von den Fans bei geheimen Screenings im Untergrund gezeigt werden. Der große Meister selbst ist seit Jahrzehnten untergetaucht, seit Mitte der Siebziger existieren keine Fotos mehr von ihm, keine Interviews, die Verschwörungstheorien über ihn und seine Werke sind unzählig.

Der investigative Journalist Scott McGrath hat bereits vor fünf Jahren um Cordovas umstrittene Person recherchiert und sich mit wilden Spekulationen und fehlenden Beweisen die Karriere ruiniert. Sein unermüdlicher Spürsinn wird erneut geweckt, als die Leiche von Cordovas 24-jähriger Tochter Ashley nach einem vermeindlichen Suizid in einer verlassenen Lagerhalle gefunden wird.

Gemeinsam mit der angehenden Schauspielerin Nora und dem geheimnisvollen Drogendealer Hopper beginnt er, nach dem Grund für Ashleys Tod zu suchen und taucht dabei tief ein in die düstere Welt Cordovas, die mehr und mehr zu einem gefährlichen und äußerst realen Albtraum zu werden scheint.

Meine Meinung:

Marisha Pessl machte 2007 mit ihrem außergewöhnlichen Debüt „Die alltägliche Physik des Unglücks“ auf sich aufmerksam. Nun folgt mit „Die amerikanische Nacht“ ihr zweiter, gänzlich anders gearteter Roman, mit dem ich die junge und talentierte Autorin jetzt erstmals kennengelernt habe.

„Die amerikanische Nacht“ ist ein Roman über das faszinierende Medium Film, ein Krimi, ein atemloser Thriller, ein psychologischer Roman und eine ausufernde, die Grenzen der Phantasie sprengende Mystery-Geschichte in einem. Selten habe ich einen Roman mit solch vibrierender Spannung gelesen. Ich habe an den Seiten geklebt, die Geschichte hat mich auch zwischendurch nie losgelassen, ich habe mich stellenweise so sehr gegruselt, dass ich Einschlafprobleme hatte. Ich habe das Buch wirklich verschlungen, und das bei einer Stärke von knapp 800 Seiten, auf denen wirklich nichts aufgebläht oder in die Länge gezogen ist, sondern jede Szene, jeder Dialog die Handlung vorantreibt. Chapeau, Ms Pessl!

Diese ungeheure Spannung wird vor allem durch die gekonnte Mischung aus mysteriösen Verquickungen und ganz real erscheinenden Personen und Ereignissen erzeugt. Pessl streut immer wieder Faksimile wie Zeitungsausschnitte, Screenshots von News-Seiten, Fotos, handschriftliche Notizen und Beiträge aus Cordova-Fanforen ein. Das Ganze verstärkt beim Lesen das Gefühl von Realität und schon bald glaubt man selbst so viel über den Mythos Cordova und seine Kultfilme zu wissen, als wäre er ein selbstverständlicher Teil der tatsächlichen Popkultur.

Auch Pessls Protagonisten sind außerordentlich greifbar und wunderbar eckig und kantig. Scott als Ich-Erzähler weckt Sympathien beim Leser, obwohl er durch seine forsche, teilweise manische Art durchaus auch negative Eigenschaften besitzt. Trotz allem entwickelt er im Laufe der Handlung eine ebenso unwahrscheinliche wie unverzichtbare Symbiose mit der etwas durchgeknallten Nora und dem verschlossenen Hopper. Dieses ungleiche Trio hat es wirklich in sich und es ist eine Freude, die Gruppe durch den umfangreichen Roman zu begleiten.

Vielleicht ist „Die amerikanische Nacht“ nicht frei von kleinen Makeln – von vielen Seiten wurde Pessls großzügige Verwendung von Kursivschrift kritisiert – Pessl neigt in ihrer überbordenden Sprache hin und wieder zu Dopplungen, ich persönlich konnte zudem nicht immer etwas mit allen Metaphern anfangen. Doch das sind Peanuts für mich bei all dem Spaß, den ich mit diesem Gänsehaut erzeugenden, absolut mitreißenden Roman hatte. Zum Schluss überzeugen Pessls überbordende Phantasie, der knifflige und undurchschaubare Plot, die bis in die Nebenrollen großartig erdachten Charaktere, die fiebrige Spannung und die außergewöhnliche, ambitionierte Idee für die Geschichte. Es ist die unheimliche Düsternis der Handlung, die psychologische Dichte, das Unerklärliche, das sich immer mehr in die Geschichte einschleicht und Scott und auch den Leser zweifeln lässt, was Realität und was Wahnsinn, was Fantasie oder geniale Manipulation ist.

Fazit:

„Die amerikanische Nacht“ ist für mich ein genial konzipierter und brillant umgesetzter Spannungsroman, ein außergewöhnlicher Mystery-Thriller erster Güte. Wer sich in eine düstere, nervenaufreibende Welt zwischen Realität und Fiktion begeben möchte und bereit ist, die Phantasie spielen zu lassen und eigene Antworten zu finden, sollte zu Marisha Pessls neuem Meisterwerk greifen.

5_Kaffeetassen

12 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. buzzaldrinsblog
    Feb 04, 2014 @ 16:45:40

    ich freue mich gerade ganz ganz doll darüber, dass dich das Buch ähnlich begeistern konnte, wie mich. Bei all der Spannung kann man doch locker über die kursiven Wörter hinweg sehen, gelle?🙂

    Antworten

    • keeweekat
      Feb 04, 2014 @ 16:50:12

      Hehe, danke noch mal, Mara, dass du mir mit deiner tollen Besprechung die Angst vor 800 Seiten genommen hast.^^
      Die kursiven Wörter waren kein Problem für mich, es mag aber auch sein, dass das im englischen Original noch einmal anders aussah.
      Abgesehen davon war es wirklich wahnsinnig spannend – das war wirklich großartige Unterhaltung, Kopfkino(!) pur!😀

      Antworten

  2. ladysmartypants
    Feb 04, 2014 @ 18:56:54

    Wow, das klingt wirklich verdammt spannend und wandert gleichmal auf meine Wunschlisten😉
    Eine wirklich tolle Rezension, die einen echt neugierig macht.

    Liebe Grüße🙂

    Antworten

  3. eisfreak
    Feb 05, 2014 @ 16:33:06

    Hui…das klingt spannend und wird sicher auf meine Wunschliste kommen😉 Danke dafür!

    Antworten

  4. birtheslesezeit
    Feb 05, 2014 @ 21:08:21

    Schöne Rezi🙂. Dieses Buch ist schon einige Zeit auf meiner Wunschliste, ohne dass ich so recht wusste, ob es sich lohnt. Dank Dir weiß ich es nun und es wird sicherlich demnächst bei mir einziehen🙂. LG

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  5. Trackback: (Die Sonntagsleserin) KW #06 – Februar 2014 | Bücherphilosophin.
  6. dystopia13
    Feb 10, 2014 @ 21:03:53

    Von dem Buch höre ich hier das erste Mal, aber hat mich neugierig gemacht. Ab auf die Wunschliste😦.

    Antworten

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