[Rezension] Ernst Haffner – Blutsbrüder – Ein Berliner Cliquenroman

Haffner, BlutsbrüderTitel: Blutsbrüder – Ein Berliner Cliquenroman

Autor: Ernst Haffner

Gebundene Ausgabe: 264 Seiten
Verlag: Metrolit (August 2013)
ISBN: 978-3849300685

 

Erster Satz:

„Winzige Glieder einer sich durch den langen Industriehof und zwei Etagen windenden müden Menschenschlange stehen die acht Jungen der Clique ‚Blutsbrüder‘ und warten gleich den hundert anderen darauf, endlich aus der furchtbaren Nasskälte in die warmen Wartesäle gelassen zu werden.“

Inhalt:

Es ist hart, auf den Straßen Berlins zu überleben, wenn man keine Eltern mehr hat oder von zu Hause fortgelaufen ist, das mündige Alter von 21 noch nicht erreicht hat und Polizei und Fürsorgeanstalten einen jederzeit einzukassieren drohen. Es ist das Jahr 1932, in dem wir am Schicksal der Straßenclique „Blutsbrüder“ teilhaben. Unter der Führung von Cliquenbulle Jonny schlägt sich die sechsköpfige Gruppe Tag für Tag durchs Leben, Essen und Alkohol finanzieren sie sich durch kleine Gelegenheitsdienste, Gaunereien und den Gang auf den Strich.

Wie tausend andere Straßenjungen werden auch Miglieder der „Blutsbrüder“ vom ewigen Kreislauf aus Kriminalität und Armut mitgerissen, aber einige wenige sollen es schaffen, einen Ausweg aus ihrer Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit zu finden.

Meine Meinung:

„Blutsbrüder“ erschien erstmals 1932 unter dem Titel „Jugend auf der Landstraße Berlin“. Autor war der Journalist und Sozialarbeiter Ernst Haffner (geb. um 1900), über den man kaum etwas weiß und dessen Spur sich nach 1938 verliert. Sein Buch fiel ein Jahr nach Erscheinen der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten zum Opfer. Erst 2013 brachte Verleger Peter Graf das Buch unter neuem Titel bei Metrolit heraus, nachdem es ihm von einem befreundeten Autoren ans Herz gelegt worden war.

„Blutsbrüder“ ist eines dieser wenigen Bücher, die man inhaliert, in denen man lebt, nach deren Lektüre man das Gefühl hat, etwas wirklich „Wichtiges“ gelesen zu haben. Haffner ist für mich ein geborener Erzähler: Er schreibt wahrhaftig, ungeschönt, fängt Stimmungen und Szenen perfekt ein und ist dabei ganz nah an seinen Protagonisten, die er stets auf Augenhöhe und voll spürbarer Empathie begleitet.

Ich weiß gar nicht, wie ich meine Gefühle beim Lesen beschreiben soll. Ich kann nur sagen, dass ich ganz fest in der Geschichte drin steckte, mich dabei in einem äußerst lebendigen Berlin der frühen 30er Jahre wiederfand, Dinge über den Alltag und das Leben der damaligen Zeit erfuhr, die ich bisher nicht wusste und, vor allem, mit den Helden der Geschichte gebangt und gezittert habe, ja, sich mir zeitweise das Herz zusammenzog vor Sorge und ich unbedingt, unbedingt wollte, dass alles gut ausgeht für Ludwig und Willi. Es war mir ein notwendiges Bedürfnis, dass sich das Schicksal der beiden zum Guten wendet, weil sie echt für mich waren, weil ich das Gefühl hatte, dass es die beiden oder ganz ähnliche Jungs wirklich gegeben haben könnte. Von wie vielen Büchern, die man liest, kann man das behaupten?

„Blutsbrüder“ war für mich eine herausragende, mitreißende und wichtige Leseerfahrung, eines meiner liebsten Bücher der letzten Zeit. Leider weiß man kaum noch etwas über Ernst Haffner, selbst seine Zeit als Sozialarbeiter auf den Straßen Berlins ist nicht erwiesen, aber wenn ich dieses vorzüglich geschriebene und voller Feingefühl erzählte Büchlein lese, steht für mich nicht nur außer Frage, dass er ein großes schriftstellerisches Talent besaß, sondern dass er vor allem ganz genau wusste, worüber er schrieb.

Fazit:

Eine große Empfehlung an alle: Eine authentisch erzählte, wichtige, unmittelbare, ergreifende Geschichte über eine Zeit in unserem Land, die gar nicht allzu lange her ist.

5_Kaffeetassen

3 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. buzzaldrinsblog
    Jan 22, 2014 @ 14:10:09

    Ich habe deine Rezension nur überfolgen, denn ich habe die Lektüre noch vor mir – wenn ich es auch gelesen habe, werde ich noch einmal genauer bei dir nachlesen.🙂

    Antworten

  2. Trackback: Die Sonntagsleserin #KW4 | Literaturen

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