[Rezension] Kathrin Lange – Herz aus Glas

Lange, Herz aus GlasTitel: Herz aus Glas

Autor: Kathrin Lange

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Arena (Januar 2014)
ISBN: 978-3401069784

Erster Satz:

„Sein Blick traf mich wie ein Hieb.“

Inhalt:

Die 16-jähirge Juli lebt seit ein paar Jahren mit ihrem Vater, einem gefeierten Bestsellerautor von Romantik Thrill Romanen, in Boston, obwohl sie ursprünglich aus Deutschland kommen. Dort hat sich Juli einen festen Freundeskreis aufgebaut, doch dieses Silvester wird sie ohne ihre beste Freundin Miley und die anderen feiern, denn für die Ferien geht es auf die Insel Martha’s Vineyard, wo Jason, der Freund und Verleger von Julis Vater, eine Villa besitzt.

Zunächst reagiert Juli auf diese Idee äußerst widerwillig, bis sie erfährt, weshalb ihr Vater mit ihr nach Vineyard will: Jasons Sohn David, dem sie früher einmal flüchtig auf einer Party begegnet ist, hat vor sechs Wochen bei einem tragischen Unfall seine Freundin Charlie verloren, mit der er sich kurz zuvor verlobt hatte. Sein Vater befürchtet, dass David selbstmordgefährdet ist und Juli soll während ihres Aufenthaltes in der Villa „Sorrow“ versuchen, ihn auf andere Gedanken zu bringen.

Bereits bei ihrem ersten Aufeinandertreffen begegnet David ihr kühl und in einen undurchdringlichen Mantel aus Trauer und unerklärlichen Schuldgefühlen. Dennoch geschieht das Unausweichliche: Juli verliebt sich auf den ersten Blick in ihn. Ihre Liebe scheint jedoch nicht nur unter einem schlechten Stern zu stehen, weil Davids geliebte Charlie für immer zwischen ihnen zu stehen scheint – es soll einen Fluch auf „Sorrow“ geben, der großes Unglück über diejenige bringt, die sich an diesem schicksalhaften Ort verliebt …

Meine Meinung:

Ich habe „Herz aus Glas“, mein erstes Buch von Kathrin Lange, im Grunde gern gelesen – es ist flüssig und eingängig geschrieben, stimmige Beschreibungen der Umgebung wechseln sich mit spannenden Szenen ab – und dennoch gibt es wirklich einiges, was ich an diesem Buch zu bekriteln habe.

Zum Einen ist es das stellenweise überhastete Tempo, in dem der Roman erzählt wird. Am Anfang überstürzen sich alle Ereignisse, Juli verliebt sich zu schnell, der „Mystery“-Part der Handlung wird dem Leser offenbart, kaum dass er in der Handlung angekommen ist und nach einem relativ ausgeglichenen Mittelteil schließt das Ganze mit einem überhasteten, um nicht zu sagen arg konstruierten Finale, auf das ich noch zu sprechen komme.

Dann die Figuren. Im Grunde mochte ich die Charaktere, allen voran Davids hippen Künstlerfreund Henry und Jasons spritzige Assistentin Taylor. Für meinen Geschmack neigen die anderen jedoch zu Überzeichnung, gerade Juli, ein Bündel an Impulsivität, das im einen Moment himmelhoch jauchzend und eine Seite weiter schon wieder zu Tode betrübt ist. Anstrengend und nicht immer nachvollziehbar, die Geschichte aus ihrem Blickwinkel zu erleben. Auch David fand ich in all seiner tiefen Melancholie, seinen ruppigen Ausbrüchen und seinem geradezu borderlinigen Selbstzerstörungstrieb als überraschend einseitig, vielleicht, weil man diesen Typus aus Büchern mittlerweile sehr gut kennt – in einer Szene bezeichnet ihn ein Mädel sehr treffend als „Vampir“. (Kleines Augenzwinkern am Rande: Auch zum heimlichen Beobachten und unangekündigten Auftauchen neigt er.)

Wie auch immer: Julis Stimmungsschwankungen waren gerade am Anfang für mich schwer nachvollziehbar, gleich am ersten Tag auf „Sorrow“ löst David einen wahren Gefühlscocktail in ihr aus; das reicht von ersten Verliebtheitsgefühlen bis zu Zornesausbrüchen auf seine reserviert-unfreundliche Art, (schon am Morgen des zweiten Tages überlegt sie ernsthaft, wieder nach Hause zu fahren), und das, obwohl sie ihn gerade erst kennengelernt hat und um seinen äußerst labilen psychischen und seelischen Zustand weiß.  David hat also seine Verlobte verloren und Juli begegnet ihm schon an Tag eins mit der Sensibilität einer Abrissbirne, um kurz darauf wieder mit flatterndem Herzen auf eine Geste der Zuneigung seinerseits zu hoffen. Das war mir nicht nur ziemlich unsympatisch, ich konnte es einfach nicht nachvollziehen … Und die dadurch geschaffene Distanz zur Erzählerin zog sich für mich durch das ganze Buch.

Weiter geht es mit der Geschichte an sich, die in das Genre „Mystery Thrill“ einzuordnen ist. „Herz aus Glas“ ist durchaus spannend erzählt und der kriminalistische Teil überzeugt – einer der größten Pluspunkte für mich. Was für mich jedoch nicht funktioniert hat, ist der Mystery-Part. Kathrin Lange schafft es in meinen Augen einfach nicht, eine geheimnisvolle, düstere Stimmung aufzubauen. Gerade der übernatürliche Teil der Geschichte sollte für mich dieses unerklärliche Gänsehaut-Gefühl hervorrufen, eine gewisse schaurige Stimmung. Das war für mich hier nicht der Fall. Gleich zu Beginn, noch bevor Juli selbst über Eigenartiges oder Unerklärliches stolpern kann, wird ihr der angebliche Fluch von „Sorrow“ klipp und klar vom Hausmädchen erzählt – verknüpft mit einer unmissverständlichen Warnung und dem Tipp, am besten sofort wieder die Insel zu verlassen. Für mich kam das viel zu früh, zu schlecht verpackt, zu unmysteriös. Als würde dem Leser ein blinkendes Neon-Schild entgegen gehalten: „Hallo, du bist hier in einer Mystery-Geschichte, ab hier wird es übernatürlich!“ Das ganze Buch über wollte sich für mich kein Mystery-Feeling einstellen, vor allem nicht, da Juli anfangs überhaupt nichts hinterfragt und überdeutliche Hinweise geflissentlich übersieht oder gleich wieder vergisst, nur um etwa ab der zweiten Hälfte der Handlung plötzlich alles Mögliche und Unmögliche in Betracht zu ziehen.

Ein bisschen mag daran auch das „Timing“ beim Erzähltempo Schuld sein, denn immer wieder schienen mir Szenen etwas überhastet oder Aktionen und Reaktionen der Protagonisten etwas aus dem Rahmen fallend. Die gesamte Liebesgeschichte zwischen Juli und David ging mir zu schnell vonstatten, vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Handlung innerhalb einer einzigen Woche stattfindet. Desweiteren gibt es einen für den Mystery-Part der Geschichte entscheidenden Ort, an dem sich die Protagonisten unwahrscheinlich oft und aus selten nachvollziehbaren Gründen wiederfinden. Auch bedient sich Frau Lange für meinen Geschmack etwas zu häufig der Deus ex Machina: Mehrere brenzlige Situationen werden durch beinahe indentisch auftretende Ereignisse entschärft, die nicht ganz logisch sind. Das betrifft vor allem das Ende des Buches. Eine gefährliche, actionreiche Szene, in der große Geheimnisse gelüftet werden. Hier häufen sich die Logiklöcher, der Zufall wird zu sehr bemüht und einiges ist einfach nicht stimmig. Zu allem Überfluss entpuppt sich der/die Bösewicht/in der Geschichte als hoffnungsloser Schwarz-weiß-Abriss, was mich persönlich sehr enttäuscht hat.

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf den Titel des Buches zu sprechen kommen. „Herz aus Glas“ ist ein schöner, klangvoller Titel, der vielversprechend ist und die Phantasie beflügelt. Ich möchte aber fast behaupten, dass der Titel zuerst da war und irgendwann die Handlung dazu gefunden hat. Die Worte „Herz“ und „Glas“ fallen sehr oft in diesem Buch, und zwar bereits auf den ersten 50 Seiten, was für meinen Geschmack zu früh und zu melodramatisch war und bis zum Schluss im Kontext der Handlung kein wirklich passendes Bild abgegeben hat. Schade …

Fazit:

„Herz aus Glas“ ist ein Mystery-Thriller, den ich als locker wegzulesenden Krimi empfunden habe. Das erzählerische Timing fand ich nicht immer stimmig und die Protagonisten teilweise zu überzeichnet, weshalb die Liebesgeschichte für mich nicht wirklich funktioniert hat. Auch ist bei mir kein richtiges Mystery-Feeling aufgekommen. Dennoch hat die Geschichte ihre Qualitäten und ich bin mir sicher, dass das Buch viele wohlwollendere Leser finden wird, auch wenn ich die beiden folgenden Teile der Trilogie leider nicht mehr lesen werde.

3_Kaffeetassen

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