[Rezension] Stella Gibbons – Der Sommernachtsball

Gibbons, Der SommernachtsballTitel: Der Sommernachtsball

Autor: Stella Gibbons

Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Manhattan (November 2013)
ISBN: 978-3442547265

Erster Satz:

„Es ist gar nicht so einfach, einen ausgesprochen langweiligen Garten anzulegen, aber Mr Wither war dies gelungen.“

Inhalt:

Die bildhübsche und naive Viola ist gerade mal 21, als sie ein Jahr nach der Hochzeit als Witwe dasteht. Nach ihrer ebenso kurzen wie langweiligen Ehe zieht sie nun auf den noch langweiligeren Landsitz The Eagles, um bei der Familie ihres verstorbenen Ehemannes zu leben.

Alles auf The Eagles ist öde und verstaubt und Violas Eintreffen bringt einen frischen Wind ins Haus. So geschieht es auch, dass sich Tina, 35-jähirge Tochter des Hauses, die schon seit Jahren in den viel jüngeren Chauffeur Saxon verliebt ist, endlich ein Herz fasst und heimlich eine Romanze mit ihm beginnt, während ihre ältere Schwester Madge, die bereits auf die Vierzig zugeht, ihren Willen durchsetzt und dem Vater die Erlaubnis abringt, endlich einen kleinen Hund zu halten.

Viola indessen, die sich auf dem stickigen Anwesen mit dessen „mumienhaften“ Bewohnern zu Tode langweilt, träumt von Victor Spring, dem begehrtesten Junggesellen weit und breit, der auf Grassmere lebt, dem Herrensitz auf der anderen Talseite. Doch Victor ist ein eitler Snob und steht zudem kurz vor seiner Verlobung mit einer wahren Schönheit, die ihm entsetzlich auf die Nerven geht. Es braucht also einiges, bis Victor merkt, dass er insgeheim Gefallen an Viola gefunden hat …

Meine Meinung:

Stella Dorothea Gibbons (1902-1989) war eine erfolgreiche Londoner Schriftstellerin, die zwischenzeitlich fast vergessen war und in den letzten Jahren durch Neuauflagen ihrer Werke wiederentdeckt wurde. Ihr bekanntester Roman, „Cold Comfort Farm“, wurde mehrfach verfilmt. „Nightingale Wood“ („Der Sommernachtsball“) erschien 1938 und war gleichzeitig ihre letzte Veröffentlichung vor Ausbruch des Krieges.

Mit „Der Sommernachtsball“ entspinnt Gibbons eine breit angelegte und einige Irrungen und Wirrungen durchlaufende Aschenputtelgeschichte, in deren Zentrum die liebevoll gezeichneten Charaktere stehen: Viola, die Heldin der Geschichte, ist naiv, ungebildet und etwas oberflächlich und zieht trotzdem mit ihrer Leidenschaft und Aufrichtigkeit die Sympathien des Lesers auf ihre Seite. Auch Tina Withers ist eine spannende Protagonistin, schafft sie es (zwar relativ spät, aber immerhin), sich von den verkrusteten Moralvorstellungen ihrer Eltern zu befreien, indem sie erst Fahrstunden bei Saxon nimmt und sich schließlich, aller Konventionen zum Trotz, für die Liebe zu ihm entscheidet. Ihre Schwester Madge ist dagegen weniger sympathisch, haben sie doch vier Jahrzehnte ihres Lebens auf The Eagles zu einer frustrierten und engstirnigen Person gemacht, die Tinas und Violas Träume von einem anderen Leben missbilligt.

Auch Victor, über die Maßen reich, von hinreißendem Aussehen und natürlich notorischer Weiberheld, erscheint anfangs wenig sympathisch. Das findet auch seine einzelgängerische Cousine Hetty, die ebenfalls auf Grassmere lebt und wenig mit seinen Allüren oder Phyllis, seiner unsäglichen Verlobten, anfangen kann. Sie vergräbt sich lieber in Büchern und träumt von einer bescheidenen Dachwohnung im hippen Bloomsbury in London.

Die Geschichten all dieser Personen in den Herrschaftshäusern des Örtchens Sible Pelden verwebt Stella Gibbons zu einer bunten und heiteren Geschichte, die in manchem Handlungsstrang oder bestimmten Figurenkonstellationen an „Downton Abbey“ erinnert (ohne je eine ähnliche dramatische Tiefe zu erreichen), ganz sicher aber in der Tradition Jane Austens erzählt wird, die unübersehbar ein Vorbild für Stella Gibbons gewesen ist. Locker und heiter geht es im „Sommernachtsball“ zwar zu, von Austenschem Witz und Esprit ist der Roman dabei aber weit entfernt.

So bleibt „Der Sommernachtsball“ eine unterhaltsame, zuweilen recht lustige Liebes- und Familiengeschichte mit dem nostalgischen Flair der Dreißigerjahre, der jedoch nie ganz so romantisch und lustig ist, wie man es sich wünschen würde und auf 560 Seiten auch recht zäh erzählt wird, was dem Ganzen eine gute Portion seiner Beschwingtheit raubt.

Fazit:

Eine amüsante und lesenswerte Aschenputtel-Geschichte aus den Dreißigerjahren, die man jedoch nicht unbedingt gelesen haben muss.

3_Kaffeetassen

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