[Rezension] Adam Johnson – Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Johnson, Das geraubte Leben des Waisen Jun DoTitel: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do

Autor: Adam Johnson

Gebundene Ausgabe: 687 Seiten
Verlag: Suhrkamp (März 2013)
ISBN: 978-3518464250

Erster Satz:

„Bürger, versammelt euch um die Lautsprecher, denn wir haben wichtige Meldungen für euch!“

Inhalt:

Jun Do wächst in einem nordkoreanischen Waisenhaus auf, in der Gewissheit, dass er in den Augen seiner Mitmenschen Zeit seines Lebens ein unbedeutender Niemand bleiben wird. Der einzige Sinn und Zweck seines Daseins es ist, als winziges Rädchen im großen Getriebe des „Geliebten Führers“ zu arbeiten und mit Liebe und Aufopferung seinen Soll zur kommunistischen Gesellschaft der größten und glorreichsten Nation der Welt beizutragen.

Doch das Schicksal hat anderes mit ihm vor: Die Begegnung mit der Schauspielerin Sun Moon wirf sein Leben abrupt aus der Bahn und Jun Do beginnt an etwas zu glauben, das stärker ist als Staatstreue.

Meine Meinung:

In seinem 2013 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman entführt Adam Johnson den Leser in das abgeschottete Nordkorea, unter der grausamen Führung Kim Jong Ils. Die schonungslose Reise führt von Waisenhäusern und den bitterarmen Verhältnissen auf dem Land auf ein Spionageschiff, in die überwachte Hauptstadt Pjöngjang und bis in die berüchtigten Straftlager und unterirdischen Folterkammern des diktatorischen Regimes.

„Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ ist keine einfache Lektüre, die man schnell nebenbei liest.  Johnson wechselt zwischen den Zeitebenen und wählt verschiedene Erzählperspektiven: Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht Jun Dos, aus der eines namenlosen Vernehmungsspezialisten in Pjöngjang und ein weiterer Erzählstrang in der Propaganda-Stimme der Regierung, die unablässig aus den überall installierten Lautsprechern schallt. Gerade bei letzter weiß man irgendwann nicht mehr, was wahrhaftig und was nur noch eine ironisch-verzerrte Interpretation ist. Hinzu kommt, dass vieles nur angedeutet wird, einige Handlungsstränge und Geschehnisse werden absichtlich nicht vollständig ausgeleuchetet, gerade so, als sollten bestimmte Details der Phantasie des Lesers überlassen bleiben. Beim Lesen habe ich mir Fragen gestellt, die bis zum Schluss nicht vollständig beantwortet werden.

Johnson, der für dieses Buch ausgiebig recherchiert und Nordkorea selbst besucht hat, entspinnt eine alptraumhafte Odyssee durch Ausbeutung, Unterdrückung, Misstrauen, Lügen und unvorstellbarer Grausamkeit. Gleichzeitig ist es die Geschichte vom Ausbruch eines Individuums aus seiner vorbestimmten sozialen Rolle, eine große Liebesgeschichte und, ja, ein politischer Thriller. Er erzählt das alles unverblümt, ganz unmittelbar und Seite um Seite mit feiner Ironie durchsetzt – und ungemein fesselnd.

Nordkorea in „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ scheint eine durch und durch verlogene, menschenverachtende, dysfunktionale Welt zu sein. Es ist ein zutiefst verstörendes und geradezu aberwitziges Bild, das Johnson hier entwirft. Die allgegenwärtige Angst, die die Personen in diesem Buch umtreibt, überträgt sich unmittelbar auf den Leser. Man will nicht glauben, was in eben jenem wahrscheinlich isoliertesten Staat der Welt vor sich geht, was den Menschen dort angetan, was die Bevölkerung glauben gemacht wird und wie sehr sie dabei ihr gefürchtetes Regime glorifiziert.

Eine schöne kleine Schlüsselszene war für mich die, als der Fischkutter, auf dem Jun Do als Spion Funksprüche abhört, auf eine Wolke umhertreibender amerikanischer Turnschuhe aus einem verlorengegangenen Container stößt. Die Mannschaft fischt die Schuhe bergeweise an Deck und wühlt sich durch die exotischen Markenprodukte von Nike, bis passende (oder nicht passende) Paare in den richtigen Größen gefunden sind. Die Freude über diesen Schatz währt nicht lange: Kurz vor der Rückkehr in den Heimathafen geht die gesamte Ladung wieder über Bord – niemand wagt es, kapitalistisches Feindesgut zu besitzen, schon gar nicht Schuhe, die am Ende von besserer Qualität sind als die des „Geliebten Führers“.

Johnson ist Amerikaner und mag sein Wissen über das abgeschottete Nordkorea vorrangig aus literarischen Quellen bezogen haben. Der Leser wird niemals hundertprozentig wissen, zu welchen Teilen der Roman auf Fakten beruht und was Fiktion ist. Nordkorea, wie Johnson es zeichnet, lässt den Leser fassungslos und mit leisem Grauen zurück. Was aber bleibt, ist der nagende Gedanke, dass das wahre Nordkorea noch sehr viel erschreckender ist.

Fazit:

Ein herausragender Roman, der es dem Leser nicht immer einfach macht, zwischen Erzählperspektiven und Zeitebenen und zwischen realer und verzerrter Wirklichkeit zu unterscheiden und der nie alle Fragen ganz beantwortet. Eine abgründige und zutiefst menschliche Geschichte, außerordentlich erzählt.

4.5_Kaffeetassen

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