[Rezension] Tahereh Mafi – Rette mich vor dir

Mafi, Rette mich vor dirTitel: Rette mich vor dir

Autor: Tahereh Mafi

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Goldmann (September 2013)
ISBN: 978-33442313044

Erster Satz:

„Vielleicht ist die Welt heute ein pralles Spiegelei.“

Inhalt:

Juliette und Adam haben Zuflucht in Omega Point gefunden. Hier versammelt Castle, der Anführer der Untergrundbewegung, Leute wie sie beide: Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten, die im Verborgenen trainiert und zu einer starken Waffe gegen das Reestablishment eingesetzt werden sollen.

Während Juliette verzweifelt versucht, Herr über ihre zerstörerischen Kräfte zu werden, entdecken die Wissenschaftler in Omega Point eine ebenso überraschende wie beängstigende Eigenschaft an Adam – und plötzlich stehen er und Juliette von der Scherben ihrer gerade erst begonnene Beziehung. Gleichzeitig wird Juliette heimgesucht von verbotenen Erinnerungen an den einen Menschen, den sie hassen müsste wie keinen anderen auf der Welt und der ihr verbissener denn je auf den Fernsen zu sein scheint: Warner.

Meine Meinung:

Schon Tahereh Mafis Erstling und Auftakt der Trilogie, „Ich fürchte mich nicht“, hat mich zutiefst gespalten zurückgelassen. Ich war unheilmlich fasziniert von ihrer Sprache und vor allem der Spannung, die sie zwischen Juliette und meinem heimlichen Helden Warner heraufbeschwören konnte, gleichzeitig fand ich den Handlungsaufbau und auch ihre stilistischen Mittel nicht immer gelungen.

In den zweiten Band überträgt sich alles, was ich am ersten gemocht und kritisiert habe, beinahe nahtlos. Im Großen und Ganzen fällt er in meinen Augen aber hinter dem ersten Teil zurück.  Mafi bedient sich auch hier unglaublicher Metaphern und sprachlicher Bilder, die man so noch nie gelesen hat und die das Innenleben der Charaktere sehr intensiv spiegeln. Juliettes beinahe psychotische innere Pein, die jahrelange Gefangenschaft und Isolation in ihr hinterlassen haben, ist hier nicht weniger stark präsent als im ersten Band. Das ist eindringlich und schlüssig, aber nach den ersten fünfzig bis hundert Seiten hatte ich doch ein gewisses „too much“-Gefühl. Genauso ging es mir mit ihren intimeren Szenen mit Adam. Dem Leser ist klar, wie verzehrend ihre Liebe zu ihm nach dieser jahrelangen, bodenlosen Einsamkeit sein muss, aber Mafi wälzt die Romantik hier etwas zu sehr aus und driftet, wie ich finde, zu sehr in Richtung Kitsch ab. Ein wenig daraus gerettet hat mich Kenji, der einige etwas arg blumige Szenen sehr trocken und direkt entschärft und der die meiste Zeit über unglaublich cool und lustig ist.

Ein weiterer Kritikpunkt bleibt für mich auch das Setting. Man kann es drehen, wie man will, Mafis Bücher sind keine Dystopien, egal, wie gut dieser Genre-Stempel aussieht. Ja, das Ganze spielt in einer post-apocalyptischen Zukunft mit totalitärem Regime, aber nichts davon wird je näher ausgeführt oder spielt eine größere Rolle, als für die Interaktion der Protagonisten notwendig ist. Die Vorbereitungen und Hintergründe für den großen Krieg, der kurz vor dem Ausbruch steht, werden nur grob skizziert. Warum die inzwischen aufrührerischen Zivilisten, die nicht organisiert sind und keinerlei Waffen haben, dem Reestablishment zur Bedrohung werden sollen, bleibt mir ein Rätsel. Auch die Widerstandsbewegung in „Omega Point“ weist die ein oder andere Logiklücke auf. Es gibt keine erkennbare Rangordnung, die Trainingseinheiten der Bewohner von Omega Point kommen kaum zur Sprache und wirken nicht konzentriert, jeder kann mehr oder weniger tun und lassen, was er will und Castles Autorität weicht deutlich vor seiner übergroßen Nächstenliebe für Außenseiter zurück. Diese Widerstandsbewegung würde eher wie ein zusammengewürfelter, sich versteckender Haufen wirken, wäre das Versteck nicht mit modernster Technik und hochtechnologisierten Laboren ausgestattet, einem Luxus, dessen Ursprung man sich in dieser kriegszerfressenen und von Armut geprägten Welt nicht wirklich erklären kann. Nichts von all dem ist gut durchdacht und dient eher, wenn man nicht zu genau drüber nachdenkt, als guter Hintergrund für die Beziehungen der Protagonisten. Mafi ist definitiv keine Weltenbauerin, ihr Metier ist das Zwischenmenschliche.

Erneut ist Warner der Lichtblick in der Geschichte, mein heimlicher Held aus dem ersten Buch. Eine spannende, komplexe Figur, die den nach wie vor sehr blässlichen Adam sofort vergessen lässt. Ein Antagonist, dem die Heldin trotz besserem Wissen im tiefsten Inneren nicht widerstehen kann – Leserinnen, die immer wieder den „Bad Boys“ erliegen, müssen hier die Herzen höher schlagen. Mafi schafft es erneut, die Luft zwischen Juliette und Warner zum Knistern zu bringen und ja, die beiden kommen sich nah, gefährlich nah – aber ich habe auch hier Angst, dass sich die Autorin dem Kitsch zu sehr annähert. Es ist kein Geheimnis, dass Warner auch im letzten Teil der Trilogie eine entscheidende Rolle spielen wird – und ich hoffe, hoffe sehr, dass sie ihn zum Ende hin nicht zu sehr aufweicht und seinen „Baddie“-Charakter zu stark verändert, denn das ist es ja, was ihn zu Beginn so faszinierend gemacht hat.

Fazit:

Der zweite Teil von Tahereh Mafis Trilogie führt Stärken und Schwächen des ersten Bandes fort, obwohl hier ein paar kritische Punkte stärker ins Gewicht fallen – sei es der wenig stringente dystopische Hintergrund oder die ausufernde Sprache, die sich zu lange an Juliettes innerem Schmerz aufhält und in den romantischen Szenen ab und an in den Kitsch abdriftet.

Andererseits haben mich Mafis Metapher-geladene, poetische Sprache und ihre Figur Warner erneut derart in den Bann gezogen, dass ich das Buch in einem Rutsch gelesen habe. Ich habe es mit einem lachendem und einem weinenden Auge geschlossen und denke, dass wohlgesonnene Leser des ersten Buches auch Gefallen am zweiten haben werden.

4_Kaffeetassen

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