[Rezension] John Dos Passos – Orient-Express

Dospassos_Orienexpress_P06DEF.inddAutor: John Dos Passos

Titel: Orient-Express

Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Verlag: Nagel & Kimche (Februar 2013)
ISBN: 978-3312005529

Erster Satz:

Hoity-toity/ Cha de noite/ Sea’s still high/ An‘ sky’s all doity/ sangen sie, hielten sich dabei am Bartresen fest und bekämpften die Seekrankheit mit Madeira.“

Inhalt:

1921 begibt sich der junge Schriftsteller John Dos Passos (1896-1970) auf eine Reise in den Nahen Osten, Jahre bevor er mit „Manhattan Transfer“ und der „U.S.A“-Trilogie Weltruhm erlangen sollte. Per Schiff, mit dem Zug, im Auto und auf dem Kamel bereist er die Türkei, Georgien, Armenien, den Iran, Irak und Syrien – Länder, die vom Krieg zerrüttet sind und in denen Gefahren an jeder Ecke lauern, Länder, die in den letzten Atemzügen einer vergangenen Zeit liegen.

Meine Meinung:

Mit wachem Auge saugt John Dos Passos seine Umgebung in sich auf, notiert kühl und präzise seine Erlebnisse, gespickt mit eigenem Wissen über Politik und Geschichte der Länder, die er durchquert. Schon bei seiner Ankunft in der Türkei wimmelt es von alliierten Soldaten, russichen Kriegsgefangenen, italienischen Gendarmen, griechischen Offizieren, aserbaidschanischen Diplomaten, armenischen Spionen. Für kurze Zeit ist Istanbul Magnet für Glücksritter und Flüchtlinge aus aller Herren Länder, niemand weiß, wer die Oberhand und Herrschaft über das Land gewinnen wird.

Hin und wieder war ich etwas überfordert mit den politischen Zusammenhängen (über die Auswirkungen des ersten Weltkriegs im Nahen Osten und den Griechisch-Türkischen Krieg wusste ich bisher schändlich wenig). Auch über eine Übersetzung der ab und zu eingestreuten französischen Sätze, etwa in Fußnoten, hätte ich mich gefreut. Hilfreich immerhin in Bezug auf einige politische Begriffe und Namen historischer Personen sind die Anmerkungen im hinteren Teil des Buches.

Dos Passos beschreibt schwelgerisch Farben, Gesichter, Gerüche und ist dabei zumeist stiller, philosophierender Beobachter von distanzierter und unerschöpflicher Neugier. Erst bei der wochenlangen Reise von Bagdad nach Damaskus, die er in einer Karawane quer durch die unwirtliche Steinwüste auf dem Rücken seines Kamels Melek unternimmt, wird sein Bericht persönlicher gefärbt. Dos Passos friert, hungert und erlebt mehrere bewaffnete Überfälle – und doch ist er „noch nie so glücklich gewesen.“

„Und in dem kräftigen Wind, der dort oben unablässig heulte und in den Steinhaufen fuhr, dachte ich für einen Moment, ja, das ist es. Fortan in einem schwarzen Filzzelt leben, ungesäuertes Fladenbrot und Schafsbutter essen, immer den Wind in den Nasenlöchern haben, im Winter nach Süden ziehen, im Sommer nach Norden, zu den Weideplätzen der Kamele und Schafe. Eine schrillstimmige Beduinin zur Frau nehmen, durch eine Gewehrkugel während eines Überfalls sterben und unter einem Steinhaufen neben dem erloschenen Feuer und den runden Dunghaufen des letzten Lagers begraben werden. Wird die Welt irgendetwas bereithalten, was dafür entschädigt, dieses Leben nicht gelebt zu haben?“

Fazit:

Dos Passos‘ Reisebericht liefert ein einzigartiges Bild von Krieg zerfressener Landstriche, ungeheuerlicher politischer Umwälzungen und den Zusammenprall unterschiedlichster Sprachen und Kulturen. Eine kostbare, unwiederbringliche Momentaufnahme aus dem Untergang uralter Reiche und der Wiedergeburt des Orients, den wir heute kennen.

4_Kaffeetassen

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: