[Rezension] Jennifer Benkau – Himmelsfern

Benkau, HimmelsfernAutor: Jennifer Benkau

Titel: Himmelsfern

Gebundene Ausgabe: 496 Seiten
Verlag: Script5 (September 2013)
ISBN: 978-3839001431

Erster Satz:

„Das Gefühl überkam mich flüchtig wie ein Déjà-vu von fallenden Federn und gleichzeitig drängend, als drücke eine Hand gegen meine Brust.“

Inhalt:

Die siebzehnjährige Noa lebt allein mit ihrem Vater in einem trostlosen Viertel einer reizlosen Stadt. Am lebendigsten fühlt sie sich beim Spiel mit den Poi, brennenden Jonglierbällen an Ketten und Bändern, mit denen sie eine Rockband begleitet.

Doch Noas Leben wird sprichwörtlich komplett aus der Bahn geworfen, als sie bei einem U-Bahn-Unglück knapp mit dem Leben davonkommt. Zur selben Zeit tritt der geheimnisvolle Marlon in ihr Leben. Schon bald wir Noa klar, dass mit Marlon etwas ganz und gar nicht stimmt – und dass sie auf dem besten Weg ist, sich in ihn zu verlieben. Auch Marlon scheint Gefühle für sie zu entwickeln. Doch den beiden bleiben nur zwei Wochen, bevor er sich verwandeln und seine menschliche Gestalt aufgeben wird – vielleicht für immer.

Meine Meinung:

Nach der Dilogie „Dark Canopy“ und „Dark Destiny“ ist „Himmelsfern“ nun mein drittes Buch von Jennifer Benkau, das ich aufgrund seiner Thematik wohl mehr dem Jugendbuch-Bereich zuordnen würde. Ich habe eine ganze Weile mit mir gerungen, ob ich dem Buch drei oder vier Kaffeetassen geben soll, aber letztendlich fühle ich mich mit dreien am wohlsten und ehrlichsten und im Folgenden versuche ich zu erklären, weshalb.

Das Herausragendste an „Himmelsfern“ ist für mich eindeutig Jennifer Benkaus Schreibe. Trotz des düsteren Zugs der Geschichte erzählt sie locker und leicht, findet, wie man es von ihr bereits kennt, immer wieder neue und reizvolle Wortbilder und überzeugt mich hier besonders mit ihrem unverblümten und zeitweise wunderbar rotzfrechen Humor. Beim Lesen habe ich mich immer wieder köstlich amüsiert und mich gefragt, warum es nicht mehr Jugendbuchautoren gibt, die sich auch mal trauen, ihre Charaktere ab und zu so popelig-unverblümt sprechen und denken zu lassen, wie es Jennifer Benkau tut. Das gibt dem Ganzen etwas sehr authentisches und lockert ungemein auf, vor allem wenn es sich um eine so dramatisch bis theatralische Geschichte handelt wie „Himmelsfern.“

Weiter geht es mit den Protagonisten. Noa hat mir sehr gefallen, vor allem in Gesellschaft ihres Kumpels Dominic. Mein heimlicher Held ist aber ihr Papa, ein saucooler Typ und für mich der überzeugendste Charakter des Buches. Weniger überzeugen konnte mich Marlon, was jammerschade ist, da er die wichtigste Person im Buch ist. Auch Corbin und Emma, die mit Marlon im Untergrund leben, erschienen mir etwas blass und nicht all ihre Handlungen konnte ich immer nachvollziehen. Beinahe alle anderen Charaktere kommen in meinen Augen sträflich zu kurz, vor allem, wenn man den Umfang des Buches bedenkt.

Womit ich zum Meckerteil der Rezension komme. So schön und überzeugend ich Jennifer Benkaus Sprache auch finde, handlungstechnisch hätte ich mir hier so viel mehr gewünscht. Der gesamte mythologische Hintergrund erschien mir viel zu wenig durchdacht und für den Leser nicht immer nachvollziehbar. Ich habe mich wirklich bemüht, aber der magisch-mythologische Aspekt der Geschichte hat sich mir nur zum Teil erschlossen, ich habe mich oft etwas hilflos gefühlt mit den wenigen Informationen, die Jennifer Benkau nur nach und nach und um drei Ecken herum preisgibt. Einige Male findet Noa Dinge heraus, bei denen ich ihre Schlussfolgerungen nicht ganz begreifen konnte. Vieles wird immer nur angerissen, die ersten paar hundert Seiten ist Noa nur am herumrätseln, während Marlon ihr zähneknirschend nur hin und wieder ein Bröckchen seines Geheimnisses verrät. Noa bleibt für mein Verständnis unglaublich lange gelassen und findet sich damit ab, so gut wie gar nichts über Marlon zu wissen; mir selbst ist beinahe der Geduldsfaden gerissen. Das Märchen, das Marlon ihr aufschreibt und Stück für Stück zukommen lässt, hat auf den ersten Blick erstaunlich wenig mit seinem Geheimnis zu tun und erschließt sich erst im Nachhinein halbwegs. Den Großteil der Handlung über dient es aber hautpsächlich dazu, noch größere Verwirrung zu schaffen. Umso unverständlicher für mich, wie geduldig Noa bleibt, wie wenig sie nachhakt, wie wenig Misstrauen sie Marlons seltsamer Vergangenheit und seiner kleinen Gruppe Untergetauchter entgegenbringt, die sie selbst nicht wenige Male mit Terrorismus in Verbindung bringt.

Spannender fand ich die wenigen Actionsequenzen, die sich meist aus den Zusammenstößen von Marlons Gruppe und den undurchsichtigen „Huntsmen“, die ihm und Noa auf den Fersen sind, ergeben. Womit ich schon auf einen weiteren Wermutstropfen zu sprechen komme: Stephan Olivier, der ein Huntsman und Hauptantagonist in dieser Geschichte ist, hätte so viel Potential hergegeben. Seine Figur ist interessant, bereits sein erster Auftritt im Intro macht ihn zu einem der geheimnisvollsten und spannendsten Charaktere im Buch. Tatsächlich tritt er aber nur noch wenige Male in Erscheinung, das meiste erfahren wir aus Gerüchten und Erzählungen über ihn. Liebend gern hätte ich mehr über ihn gewusst und mehr Interaktion zwischen ihm, Noa und Marlon gelesen. Meines Erachtens hat Jennifer Benkau hier eine wirklich starke Figur verschenkt.

Die Liebesgeschichte. Spreche ich einfach mal den wichtigen Kern der Geschichte an, das pochende Herz sozusagen, bei dem ganz wahrscheinlich (und hoffentlich) meine Meinung und die anderer Leser auseinandergehen wird: Auf mich ist der Funke einfach nicht übergesprungen. Das liegt sicher zum Teil daran, dass Benkau ihre beiden Protagonisten eingangs als richtiggehend beziehungsresistent angelegt hat – Marlon, der weiß, dass er nur noch zwei Wochen als Mensch hat und dessen Gefühle einem Menschen großes Unheil bringen können; Noa, deren Eltern eine schmerzhafte Trennung hinter sich haben und die deshalb eine gebranntes Kind ist. Voraussetzungen, die eine Liebesgeschichte gerade spannend machen können, doch für mich hat es in „Himmelsfern“ einfach nicht funktioniert. Die beiden verlieben sich in meinen Augen zu schnell, der Konflikt, der sie am Zusammensein hindert, war mir nicht überzeugend genug geschildert, Probleme schienen mir zu einfach aus dem Weg geräumt. Ich habe keine Magie zwischen den beiden gespürt, es hat mir einfach der Funkenflug gefehlt. Vielleicht blieben für mich die Mauern, die die beiden zu ihrem Schutz und dem Schutz ihrer Liebsten um sich herum erichtet haben, bis zum Ende bestehen.

Was kann ich schlussendlich sagen? Was „Himmelsfern“ für mich am Ende etwas enttäuscht zurücklässt, sind die zum Teil blässlichen oder wenig Handlungsraum bekommenden Charaktere. Die Liebesgeschichte, die „Himmelsfern“ nun einmal sein soll, konnte mich nicht überzeugen. Und zuletzt ist es die Länge des Buches (knapp 500 Seiten), die mir nicht ganz gerechtfertigt schien. Die Mitte fand ich – nach einem tollen Einstieg und den unterhaltsamen ersten 200 Seiten – beinahe zu lang. Der mythologische Hintergrund hätte meines Erachtens besser ausgearbeitet und besser in die Handlung eingwoben werden müssen. Und, ich traue mich kaum, es zu sagen: Die Story eines gewöhnlichen Mädchens, das einen geheimnisvollen Jungen mit übernatürlichen Fähigkeiten (und dessen ebenso mysterösen Freunde und die dazugehörigen Feinde) kennenlernt und sich in einer tragischen Liebesgeschichte und einem Kampf zwischen Gut und Böse wiederfindet, ist wirklich nicht mehr neu. Ich habe versucht, in „Himmelsfern“ einen neuen Ansatz zu finden, aber es ist mir nicht gelungen.

Fazit:

Während mich Jennifer Benkaus Schreibe abermals überzeugt, finde ich den Plot nicht ganz ausgewogen, den mythologischen Hingergrund nicht stringent genug und die Liebesgeschichte zwischen Noa und Marlon leider nicht zündend. „Himmelsfern“ zeigt, dass Jennifer Benkau auf dem besten Wege ist, sich stilistisch in die erste Riege deutschsprachiger Jugendbuchautoren zu schreiben. Die Ansätze haben mir gefallen, aber im Ganzen konnte mich die Geschichte nicht überzeugen oder etwas Neues zur romantischen Urban Fantasy beitragen.

3_Kaffeetassen

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