[Rezension] Cormac McCarthy – Die Straße

McCarthy, Die Straße

Titel: Die Straße

Autor: Cormac McCarthy

Gebunden: 384 Seiten
(bibliophile Sonderausgabe)
Verlag: rororo (April 2013)
ISBN: 978-3499255526

Erster Satz:

„Wenn er im Dunkel und in der Kälte der Nacht im Wald erwachte, streckte er den Arm aus, um das Kind zu berühren, das neben ihm schlief.“

Inhalt:

In einem postapokalyptischen Amerika wandern ein Vater und sein kleiner Sohn durch verbranntes Land gen Süden, immer die Straße entlang. Nahe am Verhungern, bei sich einen Revolver und nichts als ein paar Habseligkeiten, die sie in einem Einkaufswagen vor sich herschieben, versuchen sie, dem Winter zu entkommen und unbemerkt zu bleiben von umherstreifenden marodierenden Banden, die als Kannibalen Leben. Ihr Ziel ist die Küste, ein letzter Hoffnungsschimmer in einer Welt ohne jede Zukunft.

Meine Meinung:

Mit „Die Straße“ habe ich eines der dunkelsten, erschütterndsten und mitreißendsten Bücher bisher für mich entdeckt. Die Bilder einer aschebedeckten, kalten und ausgestorbenen Ödnis brennen sich tief in den Kopf des Lesers ein. Dass die Umstände, die zu diesem toten und gottverlassenen Zukunftsbild geführt haben, nicht näher beschrieben werden, nimmt einem nichts von dem Grauen, das man beim Lesen verspürt. McCarthys dichte, naturalistische und gleichzeitig mystische Sprache enfaltet eine ungeheure Wucht, die mir den Atem stocken und das Herz hat rasen lassen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt dermaßen an den Seiten eines Buches hing.

„Im grauen Licht ging er hinaus, blieb stehen und erkannte einen Moment lang die absolute Wahrheit der Welt. Das kalte, unerbittliche Kreisen der hinterlassenschaftslosen Erde. Erbarmungslose Dunkelheit. Die blinden Hunde der Sonne in ihrem Lauf. Das alles vernichtende schwarze Vakuum des Universums. Und irgendwo zwei gehetzte Tiere, die zitterten wie Füchse in ihrem Bau. Geliehene Zeit, geliehene Welt und geliehene Augen, um sie zu bedauern.“

Diese Welt, die McCarthy erschafft, ist hoffnungs- und trostlos, düster, makaber. Und mittendrin der Mann mit seinem Sohn, den er verzweifelt liebt und aller Widerstände zum Trotz am Leben erhalten will, vor einem unabänderlichen Schicksal beschützen muss. Diese kleine, unschuldige Seele und der ungebrochene Drang zu überleben inmitten eines grauen, erbarmungslosen Nichts, in dem einzig der Tod zu warten scheint.

„Wenn wir alle endlich weg sind, wird niemand mehr da sein außer dem Tod, und dessen Tage sind dann auch gezählt.“

Es ist diese allumfassende Traurigkeit, die Hoffnungslosigkeit und Endgültigkeit der Welt; der absurde und unbedingte Überlebenswille, die tiefe Verbindung zwischen Vater und Sohn und die Reinheit des kleinen Jungen, die den Leser gefangen nehmen, erschüttern und zeitweise die Luft zum Atmen nehmen. Eine Geschichte, die einem das Herz zerreißt.

„Es gibt keinen Gott. Und wir sind seine Propheten.“

Fazit:

Mit „Die Straße“ ist Cormac McCarthy ein Werk von unvergleichlicher Wucht gelungen, das seinen Status als Weltbestseller und moderner Klassiker und seine Auszeichnungen (unter anderem den Pulitzer-Preis) absolut verdient hat. Eines der stärksten Werke, die ich bisher gelesen habe und ein neues Lieblingsbuch von mir.

5_Kaffeetassen

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4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Friedelchen
    Sep 03, 2013 @ 11:39:37

    Danke für die schöne Rezension. Argh, wieso habe ich das Buch eigentlich immer noch nicht gelesen? Vermutlich, weil ich für die düstere Thematik erst in der richtigen Stimmung sein muss…

    Antwort

    • keeweekat
      Sep 03, 2013 @ 16:17:46

      Hallo Friedelchen,
      ich hätte vor dem Lesen auch nicht ahnen können, WIE düster „Die Straße“ ist. Und ich habe festgestellt, dass ich’s klasse fand. 🙂 Ich hätte anschließend gleich weitermachen können mit McCarthy, hab ihn aber zugunsten einiger Novis erst mal hintangestellt. Der nächste Roman steht aber schon erwartungsvoll im Regal. Im Moment kann ich mir vorstellen, zeitnah alles zu lesen, was der Mann geschrieben hat. Mal sehen. Werde mich chronologisch voranlesen. 😉

      Antwort

  2. nako83
    Sep 23, 2013 @ 16:49:56

    Hallo,
    ich bin über Lovelybooks auf deinen Blog aufmerksam geworden (wir sind beide in der LR zu Jules Vernes „Der grüne Blitz“). Und da sehe ich, dass du McCarthy rezensiert und ihm fünf Kaffeetassen gegeben hast. 🙂 Da musste ich doch tatsächlich (leise und nur ganz kurz, versteht sich) quietschen vor Freude. Ich schaue mich dann mal hier weiter um und hoffe auf viele weitere McCarthy-Rezensionen.
    Liebe Grüße

    Antwort

    • keeweekat
      Sep 24, 2013 @ 10:35:37

      Hallo Nako – super, dass du hergefunden hast! 🙂
      Ich habe auf alle Fälle vor, in näherer Zeit noch mehr von McCarthy zu lesen und natürlich hier auch zu rezensieren.

      Bin gespannt, wie uns „Der grüne Blitz“ gefällt.! 😉

      Antwort

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