[Rezension] Arturo Pérez-Reverte – Dreimal im Leben

Pérez-Reverte, Dreimal im LebenTitel: Dreimal im Leben

Autor: Arturo Pérez-Reverte

Gebundene Ausgabe: 525 Seiten
Verlag: Insel Verlag (August 2013)
ISBN: 978-3458175803

Erster Satz:

„Im Sommer 1929 reiste Armando de Troeye nach Buenos Aires, um einen Tango zu komponieren.“

Inhalt:

Max arbeitet als Eintänzer auf einem Luxuskdampfer und besitzt nichts als sein blendendes Aussehen, einen unwerfenden Charme und die Fähigkeit, aus allen Bekanntschaften seinen Vorteil zu ziehen.

Mecha ist die ebenso wunderschöne wie intelligente Frau an der Seite des berühmten Komponisten de Troeye. Als sie und Max sich beim Tangotanzen näherkommen, ist es der Beginn einer ungewöhnlichen und lebenslangen Liebe, die Jahrzehnte und Kontinente umspannt und für immer unerfüllbar scheint.

Meine Meinung:

Eine große Liebe, die wilden Zwanziger Jahre, Frankreich, Italien, Buenos Aires – „Dreimal im Leben“ hätte mir auf so vielen Ebenen gefallen können und hat mich stattdessen gleich mehrfach enttäuscht.

Die Geschichte beginnt mit der spannendsten – und gelungensten – Episode Ende der Zwanziger an Bord des Ozeandampfers. Max und Mecha begegnen sich das erste Mal, beide verfallen einander im Rausch des Tangos, und doch scheint die ganze Welt zwischen ihnen zu stehen. Hier gelingt Pérez-Reverte ein packender und atmosphärisch dichter Einstieg, man wähnt sich selbst inmitten der feinen Gesellschaft, sieht die Musiker, Kellner, seidigen Krawatten und gewagten Kleider fast vor sich.

Von da an ging es für mich handlungs- und spannungstechnisch jedoch nur noch bergab. Der Autor wechselt häufig zwischen drei Zeitebenen. Zunächst begleiten wir Max, Mecha und ihren Ehemann nach Buenos Aires, wo die drei in zwielichtigen Bars in die alte und rauhe Art des argentinischen Tangos eintauchen. Es folgt eine ziemlich lange und recht geschwätzige Einführung in die Kunst des Tangos „der alten Schule“, die auch nicht Halt vor detailierten Einschüben über Tanz und Musik im Spezielleren macht. Als Leser fragt man sich irgendwann, wo während dieses Exkurses denn die Geschichte geblieben ist, bevor man in eine neue Zeitebene hineinkatapultiert wird, diesmal in die Sechziger Jahre. Doch Pérez-Reverte lässt es sich auch hier nicht nehmen, seine Leserschaft mit den Kniffen und Feinheiten einer weiteren hohen Kunst bekannt zu machen: der des Schachspiels.

Die gesamte Rahmenhandlung des Buches wird tatsächlich in ein mehrtägiges Schachturnier verpackt. Wer sich nur leidlich für diese Sportart interessiert, wird Mühe haben, dem Geschehen mit Interesse zu folgen, zumal Pérez-Reverte sich auch hier nicht lumpen lässt und sich in vielfachen Spielmanövern, Fachausdrücken und anderen schwelgerischen Details verliert. Unterbrochen indes von einer nunmehr dritten Zeitebene, die im Nizza der Dreißiger spielt. Hier fährt der Autor eine Art Spionage-Thriller auf, die aber derart mit politischem Hickhack (und in diesem Zusammenhang gefühlten hundert italienischen und spanischen Namen) gespickt ist, dass man beinahe das zentrale zweite Treffen der Liebenden Mecha und Max übersieht. Keine der drei Zeitebenen scheint ausgewogen, in der ersten verliert sich der Autor zu sehr im argentinischen Tango, während er in die zweite zu viel Action- und Thrillerelemente hineinpresst, um in der letzten den erschöpften Leser ausgiebig mit Schach zu langweilen.

Zwischen all dem soll auch noch die große Liebesgeschichte stecken, doch irgendwie konnte ich die nicht finden. Aber das kann auch einfach an den Figuren Max und Mecha liegen. Auf 525 Seiten ist es mir nicht gelungen, mich den beiden wirklich anzunähern. Max ist ein arroganter, egozentrischer Charmeur, der stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Mecha ist kühl und narzisstisch, tut stets, was ihr gefällt, am besten, indem sie andere gleichzeitig provoziert und aus der Reserve lockt, aber ohne jemals ihre wahren Gefühle offenzulegen. Zwei Protagonisten, die es einem nicht leicht machen, sie zu mögen, ja, sie tatsächlich zu verstehen, und mir ist es bis zum Schluss nicht gelungen. Wohl einer der wichtigsten Gründe, weshalb die Liebesgeschichte in „Dreimal im Leben“ für mich nicht funktioniert hat. Ich habe einfach nicht verstanden, weshalb sich die beiden lieben sollten, und ich habe es in kaum einer Zeile tatsächlich gespürt. Die erotische Anziehungskraft der beiden, ja, und die Faszination füreinander, die selbst die Jahre der Trennung nicht auslöschen können. Aber wenn es tatsächlich eine Liebesgeschichte sein soll, die Pérez-Reverte erzählen will, dann habe ich sie offenbar nicht verstanden oder einfach nicht nachempfunden. Wahrscheinlich war die Distanz zu den beiden Protagonisten zu groß, als dass der Funke auf mich überspringen konnte.

Zudem konnte ich auch einige ständig auftauchende Wiederholungen nicht übersehen: Geradezu nervtötend oft betrachtet Max die elegante Kurve von Mechas Hals, und wieder ihr schlanker Hals und immer wieder ihr Hals, der von ihrem kurz geschnittenen Haar betont wird. Das Erscheinungsbild einer Frau wird durch Max‘ Perspektive stets mit dem Erkennen ihres Kleidermodells oder der Marke ihres Parfums ergänzt, was sicher seinem aufmerksamen Blick als Gauner/Charmeur geschuldet ist, nach dem vierten Mal aber zu nerven beginnt. Das ganze Buch über steckt sich immer irgendjemand eine Zigarette an, um dann sein Gegenüber durch die erste Rauchwolke hindurch zu betrachten. Menschen, die lässig sind, haben immer die linke Hand in der Hosentasche stecken und so weiter und so fort. Der Autor wiederholt und wiederholt sich, was den ohnehin sehr ausufernden Erzählstil nicht weniger ermüdend macht.

Fazit:

„Dreimal im Leben“ ist auf mehreren Ebenen für mich gescheitert: Pérez-Reverte neigt zu einem geschwätzigen Erzählstil, verfranst sich mit seinem ausführlich recherchierten Fachwissen in seitenlangen Ausführungen über Tango und Schach und stopft zu viel Action, Erpressung, Spionage und Mord in einen dünnen Mittelteil. Die eigentlich zentrale Liebesgeschichte von Mecha und Max erstickt für mich unter der Last der Rahmenhandlung, während sie mir als Figuren stets etwas fremd und nie wirklich sympathisch erschienen. Für mich ist es ein Buch, das mir viel Geduld abverlangt und mich am Ende enttäuscht zurückgelassen hat.

Anmerkung zum Cover: Ich bin im Bezug zur Covergestaltung sonst nicht kleinlich, aber da hier nun einmal das Foto einer Frau drauf musste, fällt dem Leser sofort der Fehler auf: Mecha hat kurzes, blondes Haar. Ich weiß, ein Cover ist nur ein Cover. Aber es irritiert doch jedes Mal, wenn man das Buch zur Hand nimmt.

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2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. buzzaldrinsblog
    Aug 30, 2013 @ 12:20:27

    Ich hatte bereits einige durchwachsene Besprechungen zu diesem Buch gelesen, das eigentlich auf meiner Wunschliste stand … dein Urteil hat es dort nun endgültig herunterkatapultiert und ich danke dir für die eindringliche Warnung. 🙂

    Antwort

  2. keeweekat
    Aug 30, 2013 @ 17:17:30

    Ich rate davon ab, denn glücklich bin ich damit wirklich nicht geworden. :/

    Antwort

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