[Rezension] Helene Wecker – Golem und Dschinn

wecker, golem und dschinnTitel: Golem und Dschinn

Autor: Helene Wecker

Gebundene Ausgabe: 623 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe (August 2013)
ISBN: 978-3455403671

Erster Satz:

„Das Leben des Golems begann im Frachtraum eines Dampfers.“

Inhalt:

New York, 1899: Im arabischen Viertel „Little Syria“ arbeitet der Kupferschmied Arbeely. Als er eines Tages eine uralte Flasche zur Ausbesserung erhält und sie zum Schmieden erhitzt, setzt er eine ungeheure Macht frei: Ein fremder Mann erscheint aus dem Nichts in seiner Werktstatt. Fassunglos erkennt der Schmied, dass er einen Dschinn befreit hat.

Zur selben Zeit steuert ein Passagierdampfer aus Polen den New Yorker Hafen an. Mit an Bord befindet sich ein erfolgloser Geschäftsmann, der noch auf dem Atlantik einer Blinddarmentzündung erliegt. In seinem Gepäck: eine große Kiste, in der gerade ein weiblicher Golem erwacht, aus Lehm geschaffen von einem mysteriösen kabbalistischen Rabbi.

Ahmad, der Dschinn, beginnt in Arbeelys Schmiede zu arbeiten, wo er bald Kunstgegenstände von bisher ungesehener Schönheit erschafft. Während er versucht, sich irgendwie in dieser dicht bevölkerten, fremden Welt zurechtzufinden, will er eigentlich nur eines: herausfinden, wer ihn vor tausend Jahren in eine Kupferflasche gesperrt hat und wie er seiner eisernen Handschelle und somit seiner Versklavung im menschlichen Körper entkommen kann.

Derweil wird im jüdischen Stadtteil New Yorks der verängstigte und orientierungslose Golem, nun bar seines Meisters und somit jeder Lebensaufgabe, in die Obhut des alten Rabbi Meyer aufgenommen. Gleichsam voller Furcht und Mitleid beschließt der Rabbi ihr zu helfen und gibt ihr den Namen Chava.

Das Schicksal von Golem und Dschinn will es, dass sich die Wege der beiden eines Nachts kreuzen. Ahmad und Chava, obwohl aus Feuer und Ton bestehend, erkennen, dass sie seelenverwandt sind. Sie müssen ihre Kräfte vereinen, denn schon brauen sich dunkle Mächte zusammen, die ihre Welt für immer zu verändern drohen.

Meine Meinung:

Helene Wecker legt hier ein ganz außergewöhnliches Debüt vor. Sieben Jahre will sie an ihrem Roman gearbeitet haben – und das Produkt kann sich sehen lassen: Auf über 600 Seiten entspinnt sie ein großes Panorama jüdischer und arabischer Kultur in all ihren Gegensätzen und überraschenden Ähnlichkeiten. Ihr New York der 1890er Jahre überzeugt auf jeder Seite, die Schicksale einzelner Menschen im arabischen und jüdischen Viertel schildert sie ergreifend und authentisch. Und ganz nebenbei gelingt ihr auch noch spielerisch der gewagte Spagat zwischen historischem und phantastischem Roman. Die eingeflochtene Mythologie beider Kulturen über Dschinn und Golems fließt ganz selbstverständlich ein in die Zeit der Immigration, des Kulturclashs und des allgemeinen Aufbruchs der damaligen Zeit.

„Und der Dschinn entgegnete, von allen Wesen, die er kennengelernt habe, seien sie aus Fleisch oder Feuer, habe ihn keins so zur Verzweiflung getrieben wie der Mensch.“   (S. 130)

Wecker beweist nicht nur ein feines Gespür für die Ängste und Sehnsüchte ihrer so unterschiedlichen Protagonisten und ihre ebenso liebevoll ausgestalteten Nebenfiguren, sondern auch handwerkliches Geschick bei der Ausgestaltung des farbenprächtigen und akkurat recherchierten Hintergrundes sowie hervorragendes Timing, was die Ausarbeitung und Zusammenführung der verschiedenen Schicksale und Zeitebenen angeht. Ihre Sprache ist dabei klar, eingängig und versiert; unglaublich, dass dies Helene Weckers Erstling ist. Eine geborene Erzählerin eben.

Ich bin völlig aufgegangen in ihrer Geschichte um das Schicksal von Chava und Ahmad und das Leben in den syrischen und jüdischen Gemeinden im alten New York. Die außergewöhnliche Freundschaft der beiden hat mich sehr berührt, ebenso wie die persönlichen Schicksale der Menschen in ihrem Umfeld. Der mysteriöse und zunehmend düster werdende Plot erlebt seinen Höhepunkt in einem fesselnden Finale, bei dem ich fingernägelkauend an den Seiten gehangen habe, voller Angst, wie das Ganze aufgelöst würde.

Einzig im Mittelteil gibt es eine längere, etwas stockende Passage, die ich mir erzähltechnisch ein wenig gestraffter gewünscht hätte. Etwa fünfzig Seiten weniger hätten dem Erzählfluss sicher nicht geschadet und das Buch für mich rundum perfekt gemacht. So aber bewerte ich „Golem und Dschinn“ mit einem „fast perfekt“, ein Buch mit minimalem Luxus-Schönheitsfehler, das mich überrascht, beflügelt und einfach nur großartig unterhalten hat.

Fazit:

Ein historisches New York, die syrische Wüste, Nomaden und Immigranten, arabische und jüdische Kultur, Liebe, Hass, Wahn, Zauberei, Religion und uralte Mythologie: Hier steckt alles in einem Buch. Der Dschinn Ahmad und der Golem Chava mögen mythologische Figuren sein, gleichzeitig sind sie aber sehr reale Spiegelbilder von Menschen in der Fremde, die versuchen, irgendwie ihren Platz in der Welt zu finden. Eine große Empfehlung und sicher eines meiner liebsten Bücher in diesem Jahr.

4.5_Kaffeetassen

2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. buzzaldrinsblog
    Aug 19, 2013 @ 09:26:51

    Danke für diese großartige Besprechung, die mich unheimlich neugierig auf ein Buch macht, das ich zuvor noch gar nicht beachtet hatte … nun steht es ganz oben auf meiner Wunschliste.🙂

    Antworten

    • keeweekat
      Aug 19, 2013 @ 12:56:13

      Hallo Mara,

      super, das freut mich!🙂
      Das Buch hat mich wirklich begeistert, nicht zuletzt, weil es mal etwas völlig Neues und – aufgrund der Verschmelzung jüdischer und arabischer Mythologie – auch Gewagtes ist.
      Außerdem ist das mit dem Wunschlisten-Zuwachs nur gerecht – ich liebäugele gerade sehr mit „Kondor und Kühe“!😀

      Liebe Grüße
      Katja

      Antworten

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