[Rezension] Andrew Miller – Friedhof der Unschuldigen

Miller, Friedhof der UnschuldigenAutor: Andrew Miller

Titel: Friedhof der Unschuldigen

Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Zsolnay (29. Juli 2013)
ISBN: 978-3552056442

Erster Satz:

„Ein junger Mann, jung, aber nicht blutjung, sitzt irgendwo in einem Vorzimmer, in irgendeinem Flügel im Schloss von Versailles.“

Inhalt:

Jean-Baptiste Barratte, ein junger Ingenieur aus der Normandie, erhält aus Versailles einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll den alten „Cimetière des Innocents“, der Paris mit seinem Gestank verpestet, beseitigen.

Etwas verzagt und orientierungslos stellt sich Jean-Baptiste seiner ungewöhnlichen wie ungemütlichen Aufgabe, zieht in ein kleines Zimmer mit Blick auf den Friedhof und beginnt, Informationen einzuholen und Berechnungen anzustellen. Eine Gruppe zäher flämischer Bergarbeiter und sein alter Freund Lecoeur aus Bergbau-Tagen errichten Zelte und Latrinen auf Les Innocents und machen sich daran, Hunderte von Särgen auszubuddeln, Beinhäuser leerzuräumen, metertiefe Armengräber auszuheben, Knochen zu stapeln und abzutransportieren.

Während Jean-Baptiste immer näher an einen moralischen Abgrund gerät und seine eigenen Ideale zu hinterfragen beginnt, erhält er Rückendeckung durch den arbeitslosen Organisten Armand und die österreichische Hure Héloïse, in die er sich heimlich verliebt.

Doch die Zerstörung des Friedhofs stößt in der Gemeinde auch auf heftigen Widerwillen und bald muss Jean-Baptiste erkennen, dass er sich seines eigenen Lebens nicht mehr sicher sein kann …

Meine Meinung:

Andrew Miller beschreibt lebendig und kenntnisreich ein Paris im Dämmer der Französischen Revolution und entspinnt in diesem Buch eine Geschichte um jene wirklich ungewöhnliche Ausgangssituation, deren Potenzial er meiner Meinung nach aber nicht vollends auszuschöpfen vermag.

Jean-Baptiste ist ein großartiger Protagonist, ausgebildet im Ingenieurswesen zwar, unfertig aber in jeder anderen Hinsicht. Er weiß nicht, wer er ist, oder wer er sein soll, oder wo sein Platz in der Welt ist. Betraut mit einer unliebsamen Aufgabe, die ihm über den Kopf zu wachsen droht und ihm zudem auch noch Unbill von allen Seiten einbringt, ist er gezwungen, innerhalb kurzer Zeit eine starke pesönliche Wandlung vorzunehmen und aus dem Schatten seines zutiefst verunsicherten Selbst herauszutreten.

Auch mit einigen interessanten Nebencharakteren trumpft Miller auf – sei es Armand, der nonkonformistische Organist der Kirche „Aux Saints-Innocents“ oder der vom Leben enttäuschte und ewig zwischen den Stühlen stehende Lecoeur und natürlich Héloïse, eine unangepasste Randfigur der Gesellschaft wie Jean-Baptiste selbst.

Eine sympathische Hauptfigur, eine interessante und ungewöhnliche Geschichte, eine ausgefeilte Sprache und das alles auch noch vor einem überzeugenden, gut recherchierten Hintergrund – weshalb dann keine fünf Kaffeetassen? Weil ich finde, dass das Buch in den letzten zwei Dritteln an Geschwindigkeit verliert. Die Geschichte büßt ein wenig von ihrer versierten Erzählweise ein, ich hatte sogar das Gefühl, Miller hätte zwischendurch hin und wieder den Fokus verloren und sei etwas zu verloren in seiner eigenen Handlung herumgetappt. Zeitweise hätte ich mir das alles konzentrierter und weniger abschweifend erzählt gewünscht, vor allem nach dem deutlichen flotteren Einstieg.

Fazit:

„Friedhof der Unschuldigen“ beginnt so vielversprechend und versickert so unbefriedigend im Sand, dass es ein Jammer ist. Ich habe die Lektüre genossen, aber ich musste mich am Ende auch ein wenig durch die ein oder andere Durststrecke quälen. Trotz allem eine ungewöhnliche und literarisch hervorragend erzählte Geschichte und daher eine Empfehlung, wenn auch unter Vorbehalt.

4_Kaffeetassen

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