[Rezension] Johanna Rosen – Liberty Bell: Das Mädchen aus den Wäldern

Rosen, Liberty BellTitel: Liberty Bell -Das Mädchen aus den Wäldern

Autor: Johanna Rosen

Gebundene Ausgabe: 375 Seiten
Verlag: Arena (Juni 2013)
ISBN: 978-3401068046

Erster Satz:

„Das Leben war wunderschön.“

Inhalt:

Ernesto lebt das relativ normale Leben eines 17-Jährigen und versucht, gemeinsam mit seinen Freunden die Zeit zwischen Highschool und Beginn des ersten Collegejahres irgendwie totzuschlagen.

Alles ändert sich jedoch, als einer der Freunde bei einer Mountainbiketour in einem Waldstück ein nacktes, verwildertes Mädchen entdeckt. Gemeinsam beschließen die Jungs, der Sache nachzugehen und herauszufinden, wer dieses geheimnisvolle Mädchen ist. Liberty Bell, wie sie sich nennt, ist in einer urigen Hütte vernab der Zivilisation aufgewachsen. Aus der Sicherheit der Wälder wird sie jedoch herausgerissen, als mitten in der friedlichen Gemeinde von Old Town ein Mord geschieht. Und es wird nicht der letzte gewesen sein …

Schon bald muss Ernesto erkennen, dass die erschreckenden Vorkommnisse auf irgendeine Weise mit Liberty Bells Vergangenheit zu tun haben müssen. Und je eher er herausfinden kann, wer dahinter steckt, desto besser, denn Liberty Bells Leben schwebt in größter Gefahr.

Meine Meinung:

Was hab ich mich über dieses Buch aufgeregt. Hier stimmt in meinen Augen so vieles hinten und vorne nicht, dass es zum Haareraufen ist. Dabei hätten die Geschichte und ich so gut zusammenpassen können, denn Untertitel und Aufhänger der Story – „Das Mädchen aus den Wäldern“ – ist normalerweise genau mein Ding. Aber von vorn:

Die Geschichte beginnt mit der Einführung Ernestos und seiner Freunde Ronan, Salva, Jaden, Dara und Mose. Was erfahren wir über das illustre Sechsergespann? Eigentlich nur ihre Vor- und Nachnamen, dann noch Daras und Mose‘ religiösen Hintergrund, dass Dara ein Witzereißer ist und Jaden von allen in der Runde eher akzeptiert denn geschätzt wird. Das war’s auch schon. Die Autoren gibt uns keine einzige äußerliche Beschreibung mit auf den Weg (was bis auf eine einzige Außname übrigens auf sämtliche Personen im Buch zutrifft), geschweigedenn eine tiefergehende Charakterisierung, was das Auseinanderhalten der Freunde und deren Speicherung im Gedächtnis des Lesers ungemein erschwert (weshalb ich die Namen gerade noch mal im Buch nachschlagen musste). Und dafür, dass sich die Geschichte eigentlich in einem relativ kleinen Rahmen bewegt, packt Rosen eine derart große Menge von – zum Großteil unwichtigen – Nebenfiguren in die 370 Seiten starke Handlung (genau 53 namentlich genannte Personen insgesamt!), dass sie sogar ein Register ans Ende hängen musste.

Womit wir auch schon eines der Grundprobleme des Buches hätten: Die Figuren sind flach, um nicht zu sagen bretteben. Selten ist mir eine so langweilige Hauptfigur untergekommen wie Ernesto. Der Typ scheint keinerlei eigene Impulse zu haben und permanent nur auf alle in seinem Umfeld zu reagieren, und wenn er doch mal ein Quentchen Regung zeigt, dann tut er das himmelhochjauchzend oder vor Wut schäumend, und zwar von Null auf Hundertachzig, sodass es einfach nur so wirkt, als hätte die Autorin für die jeweilige Szene den „Ernsto auf Action“-Knopf gedrückt.

Eine viel größere Enttäuschung und einer der Gründe, warum das Buch für mich ins Wasser fällt, ist Titelheldin Liberty Bell. Ganz ehrlich, mir ist bisher kaum eine derart blasse, unglaubwürdige, verstockte und einfach nur öde Protagonistin begegnet. Am liebsten würde ich die Autorin nehmen und schütteln. Ich meine: DAS MÄDCHEN HAT IHR GANZES BISHERIGES LEBEN IN DER WILDNIS VERBRACHT! Und jetzt wird sie plötzlich in die moderne Welt katapultiert, sie ist dabei, sich in einen Jungen zu verlieben, wird gezwungen, ihre eigene bruchstückhafte Vergangenheit zu hinterfragen und zudem ist ihr möglicherweise noch ein Mörder auf den Fersen – wenn das mal nicht ordentlich Zündstoff für eine atemlose Handlung hergibt. Doch statt ihn zu nutzen, lässt die Autorin alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel einfach verpuffen und zurück bleibt ein penetranter Geruch nach großzügig verschenktem Potenzial. Liberty Bell ist nervtötent bis zum Umfallen. Sie hat wie eine Wilde in den Wäldern gelebt? So what. Darüber erfährt der Leser nichts und davon ist ihr auch nichts anzumerken. Oh ja, sie wundert sich kurz, bevor sie in ein Auto steigt und den Anschnallgurt umlegt, oh, sie fürchtet sich einen Augenblick, bevor sie den Fahrstuhl nutzt und an irgeneiner Stelle (ich glaube, es  war, nachdem sie Ernesto erstaunt beim Tippen einer SMS beobachtet hat), meint sie offenherzig, dass es ja so vieles gäbe, was sie noch gar nicht kenne, aber damit hätten wir alles  zum Thema „Aufeinanderprallen verschiedener Welten“ auch schon gesagt.

Überhaupt kommt der für die Handlung elementare Wald nur äußerst selten vor. Die ganze Geschichte der Entdeckung Liberty Bells durch Jadens Mountainbiktour ist so wie so schon recht hanebüchen, allein deshalb, weil eben jenes Waldstück 2 Autostunden von Old Town entfernt liegt und Liberty Bells Hütte so prominent in Waldrandnähe zu stehen scheint, dass es an ein Wunder grenzt, dass sie die letzten 17 Jahre abgeschnitten von der Außenwelt verbringen konnte. Die zwei Autostunden Entfernung schrumpfen außerdem im Laufe der Handlung erheblich, zumindest gefühlt, fahren doch die Jungs munter zwischen der Stadt und dem Wald hin und her (anfangs packen sie noch umständlich Proviant ein, später reicht eine fixe Idee, um noch mal eben vier Stunden Sprit zu verfahren).

Abgesehen von den absolut flachen Figuren (muss ich jetzt noch erklären, weshalb ich noch nie eine unglaubwürdigere und langweilige Liebesgeschichte gelesen habe?) und der wenig überzeugenden Kriminalgeschichte (deren Auflösung teilweise aus haarsträubenden Zufällen besteht), bleibt leider auch noch die Sprache, die ich bemängeln muss. Wirklich, ich habe noch nie einen solchen Overkill an Gedankenstrichen und Auslassungspunkten erlebt. Bisher war mir gar nicht klar, dass man nur durch die Verwendung von Satzzeichen die Sprache eines ganzen Romans ruinieren kann. Aber zeitweise hatte ich das Gefühl, von den ganzen „…“ und „-“ erschlagen zu werden. Aus Gründen, die mir ein absolutes Rätsel sind, zerpflückt die Autorin ihre Sätze, vor allem aber die Dialoge, derart mit Auslassungspunkten und Gedankenstrichen, dass der Lesefluss ins Stocken gerät und Personen, die offenbar normal denken und sprechen, oftmals stotternd, zaudernd und abgehackt reden. Das war beim Schreiben vielleicht nicht mal beabsichtigt, aber der Effekt war (zumindest bei mir) genau dieser. Die schlimmste Stotterin und Zauderin ist übrigens Liberty Bell. Kaum ein Satz, den sie ohne ein „…“ oder einen „-“ (manchmal sogar in Kombination!) über die Lippen bringt. Beispiel:

Liberty Bell biss sich auf die Lippen. „Ich bin so … eingesperrt. Dabei habe ich – doch gar nichts … getan …“, sagte sie bedrückt. (S. 289)

Erstaunlich, dass Ernesto ihre Sprechweise in Gedanken zweimal als überaus schnell und fließend beschreibt, ja so, als würde sie vorher genau überlegen und sich dann in flink sprudelnden Sätzen mitteilen. Ironie? Ich glaube nicht. Leider haben mir die unzähligen und an den kuriosesten Stellen platzierten „…“ und „-“ den Lesespaß erheblich getrübt. Zumindest die Lektorin scheint da nicht der gleichen Meinung gewesen zu sein, sonst hätte sie diesen Satzzeichen-Wald sicher etwas ausgedünnt. Fakt ist, dass ich auf irgendeiner Seite mal acht Gedankenstriche und zehn Auslassungspunkte gezählt habe. Und das soll mein letztes Wort zu diesem Thema sein.

Fazit:

Aus meiner Rezension spricht nicht Böswille, sondern blanke Enttäuschung, fand ich doch Cover, Thema und Inhaltsangabe so vielversprechend. Der Untertitel  und Aufhänger des Buches „Das Mädchen aus den Wäldern“ hat sich für mich als leere Versprechung entpuppt und sämtliches Potenzial einer spannenden Geschichte scheitert für mich an einer Überfülle absolut flacher Charaktere, einem unausgegorenen Plot und einer sprichwörtlich lieblosen Liebesgeschichte. Zuletzt ist es Johanna Rosens Sprache, die mich überhaupt nicht überzeugen konnte.

Die Grundidee hat mir gefallen und die Geschichte ist nicht vollends schlecht erzählt, immerhin habe ich das Buch bis zum Ende gelesen, daher vergebe ich zwei Kaffeetassen. Vielleicht geht es anderen Lesern anders, aber von mir gibt es diesmal leider keine Empfehlung.

2_kaffeetassen

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