[Rezension] Jennifer Rush – Escape

7516-01_escape.inddTitel: Escape (Band 1)

Autor: Jennifer Rush

Broschiert: 319 Seiten
Verlag: Loewe Verlag (Januar 2013)
ISBN: 978-3785575161

Erster Satz:

„Fast vier Jahre lang hatte ich das Labor nicht betreten dürfen.“

Inhalt:

Anna lebt mit ihrem Vater auf einer abgeschiedenen Farm, die alles andere als gewöhnlich ist: Unter dem Gebäude befindet sich ein geheimer Labortrakt, in dem vier junge Männer für medizinische Tests der Regierung gefangen gehalten werden. Tagsüber unterstützt Anna ihren Vater bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten, aber nachts schleicht sie sich nach unten, denn für einen der Jungs, Sam, hegt sie heimlich Gefühle.

Als das Militär die jungen Männer aus der Isolation holen und für seine dubiosen Zwecke nutzen will, überschlagen sich die Ereignisse und den Jungs gelingt gemeinsam mit Anna die Flucht. Eine wilde Hetzjagd quer durch die USA folgt, bei der Sam zum Anführer avanciert, dessen oberste Priorität es ist, mehr über seine Vergangenheit zu erfahren – und darüber, was man mit ihnen vorhat.

Meine Meinung:

Was anfangs noch nach einem großartigen Plot mit unendlichem Potenzial klingt („Escape“ soll den Anfang einer mehrteiligen Serie bilden), mausert sich in meinen Augen sehr schnell und sehr ernüchternd zu einem wackeligen Handlungsgerüst voller Logiklöcher und flacher Charaktere ohne jede innovative Idee.

Allein der Beginn der Geschichte ist reichlich an den Haaren herbeigezogen – ein für die Regierung äußerst wichtiges, offenbar mit hohen Kosten verbundenes militärisches Projekt, das auch noch lebende Menschen involviert, soll ausgelagert im Keller irgendeines Farmhäuschens stationiert sein, wo ein paar Beauftragte ein, zwei mal im Monat Stippvisite machen, wo Vater und minderjährige Tochter(!) allein und weitgehend unbeaufsichtigt ihr Ding machen dürfen? Sehr unglaubwürdig. Auch, dass die vier Versuchsobjekte, allesamt von Amnesie betroffen und sich bewusst, dass ihnen ein ungemütliches Schicksal bevorstehen wird, ihr Gefangenendasein so gut wie klaglos hinnehmen und Anna, die Vertrauen zu ihnen gefasst hat, nicht als Schlüssel zu ihrer Freiheit benutzen? Kann ich nicht verstehen. Und dann ist da natürlich auch noch Anna selbst, die nun schon seit vier Jahren (erst heimlich, dann offiziell) zu den Kerlchen hinunter steigt und sich um kaum etwas Gedanken macht als darüber, was für ein Spiel sie mit dem lustigen Cas spielen könnte, welches Buch sie dem intelligenten Trev als nächstes bringt, wie sie den grimmigen Nick dazu bringen könnte, sie endlich freundlich zu behandeln und wie sie Sam ihre Gefühle zeigen soll. Weiter denkt das Mädchenhirn nicht. Kein Gedanke in all der Zeit, wie sie den Jungs aus der Gefangenschaft helfen könnte. Daran, was man mit ihnen vorhat. Oder wie ihr Vater in all dem verwickelt ist. Im Laufe der Zeit habe ich direkt das Gefühl bekommen, dass Anna eine ausnehmend naive, um nicht zu sagen begriffsstutzige Protagonistin is und die vier Jungs sie zu ihrem eigenen Besten lieber heute als morgen fallenlassen sollten.

Was mich leider schon zum kritischsten Teil der Handlung kommen lässt: der Flucht. Man sollte meinen, dass man nach der Flucht aus einem Hochsicherheitstrakt und mit einer Spezialeinheit der Regierung auf den Fersen ordentlich Feuer unterm Hintern hat. Das scheint allerdings nicht für unsere fünf Flüchtlinge in „Escape“ zu gelten, denn ständig wird irgendwo pausiert, diskutiert und längere Aufenthalte eingelegt. Denn nein, die Gruppe will nicht nur fliehen, sondern gleichzeitig und am besten sofort mehr über die Herkunft der Jungs erfahren. Sam hat nämlich vor seiner künstlich herbeigeführten Amnesie versteckte Hinweise hinterlassen, mit deren Hilfe er seine eigene Identität aufschlüsseln will und denen die fünf nun eifrig wie auf einer Schnitzeljagd hinterhereilen (ein  wichtiger Hinweis dazu ist ein riesiges  Tattoo auf Sams Rücken). Ab und zu kreuzen sich ihre Wege mit den bewaffneten Einsatzkräften, die hinter ihnen her sind, doch jedes Mal gelingt um Haaresbreite die Flucht, nur um danach wieder mehr oder weniger relaxt irgendwo Station zu machen, zu planen, sich zu streiten oder (in Cas‘ Fall) dumme Witze zu reißen. In dieser Zeit wären andere sicher schon über die Landesgrenzen geflohen. Der Höhepunkt der Lächerlichkeit ist noch nicht einmal erreicht, als sich Anna und die Jungs mehrere  Stunden in einem Kaufhaus rumtreiben, um sich mit (modisch und farblich abgestimmten) neuen Klamotten einzudecken, sondern als sie sich bei einem Kleinkriminellen eben mal ein paar Waffen besorgen, die Sam und Anna hinter dem Haus schon mal ausprobieren(!), um Schießen zu üben. Wer sich dann noch wundert, dass irgendwann erneut die schwarzen Männer auftauchen, der hat sich wohl um etwas mehr als eine Amnesie zu sorgen.

Abgesehen von dieser nicht geglückten Mischung aus Flucht und schlecht verpackter Spurensuche in der Vergangenheit konnten auch Figuren und Schreibstil nichts mehr für mich retten. Anna ist hoffnungslos naiv und für eine Titelheldin überraschend langweilig. Sam ist ein zielstrebiger Anführertyp, der wissen will, wo er herkommt. Mehr konnte die Autorin beim besten Willen nicht aus ihm herauskitzeln. Trev, der Kumpeltyp, ist der einzige richtige Sympathieträger, neigt jedoch dazu, aufgrund seiner Belesenheit ständig (leider ziemlich unpassende) Zitate berühmter Persönlichkeiten herauszuhauen. Cas ist sportlich, dauerhungrig und noch einfältiger als Anna. Nick ist der „Böse“, was man daran erkennt, dass er in jeden Satz, den er sagt, ein Schimpfwort oder zumindest ein „verdammt“ einbaut. Damit hätten wir unsere fünf Protagonisten in  all ihrer vorhersehbaren Einfachheit auch schon beisammen.

Bleibt noch Jennifer Rushs Schreibstil. Ich wollte ja wohlwollend sein, zumal dies ihr Debüt ist, aber ich kann nicht anders, als ihre Fähigkeiten bestenfalls als „mittelmäßig“ einzustufen.  Ihre Charaktere sind stereotyp, der Plot fadenscheinig und nicht gut durchdacht, ihre Schreibe schlicht, die Dialoge leb- und belanglos. Hinzu kommt noch fehlende Glaubwürdigkeit, etwa, was die Durchfürung der wissenschaftlichen Untersuchungen angeht, oder ein gleich zweimal angewandter Kniff, bei dem jeweils einer der Jungs  seine auf dem Rücken gefässelten Hände beim Springen unter den Beinen nach vorn zieht und somit die Hände vor sich hat. Ein zweifaches anatomisches Wunder. Ich meine: Häh? Wie zur Hölle …??

Auch die zahlreichen Actionszenen bekommt Rush irgendwie nicht hin, meiner Meinung nach fehlt ihr da absolut das Timing, das Gespür für Adrenalin, Schnelligkeit und Impulsivität. Sie erzählt zu steif und zerhackt die Szenen mit oftmals unpassenden Gedankeneinschüben von Anna. Vor allem für einen Thriller ist das ziemlich schwach.

Fazit:

Trotz einer tollen Ausgangsdee hat Autorin Jennifer Rush aus dem ersten Band ihrer Reihe leider nichts anderes machen können als einen krampfhaft auf Thrill angelegten Roman, dessen Plot oftmals unglaubwürdig bis hanebüchen daherkommt und dessen Charaktere platt sind und sich nicht entwickeln wollen. Zwei Kaffeetassen für die gute Grundidee und dafür, dass ich trotz der Mängel bis zum Ende gelesen habe.

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