[Rezension] Ju Honisch – Das Obsidianherz

Honisch, Das ObsidianherzTitel: Das Obsidianherz

Autor: Ju Honisch

Broschiert: 799 Seiten
Verlag: Feder & Schwert
ISBN: 978-3867620284

Erster Satz:

„München: Hauptstadt des Königreichs Bayern.“

Inhalt:

München 1865: Eigentlich ist die junge Corrisande Jarrencourt in Begleitung ihrer Anstandsdame in die bayerische Landeshauptstadt gekommen, um  einen wohlsituierten Ehemann zu finden. Zur gleichen Zeit wie die Damen halten sich im Nymphenburger Hotel mehrere konspirative Interessengruppen auf, die alle dasselbe Ziel haben: in den Besitz eines geheimen Manuskripts zu gelangen, dessen zerstörerische Macht das gesamte Weltengefüge verändern könnte.

An der Spitze eines im Hotel operierenden bayerischen Geheimkommandos steht der britische Agent Colonel Delacroix. Im Wettstreit mit einem dunklen Mönchsorden und einem verräterischen Magier erhält er Hilfe von Seiten der ausgefuchsten Operndiva Cérise Denglot und ihrem ominösen Geliebten, der alles andere als ein Mensch zu sein scheint. Doch bald fällt eine finstere Macht über das Hotel, die das Manuskript um jeden Preis in ihre Gewalt bringen will und Corrisande sieht sich mitten hineingezogen in einen mörderischen Strudel aus Intrigen, Schein und Sein und der ultimativen Herrschaft über die Welt.

Meine Meinung:

„Das Obsidianherz“ stand auf meiner Leseliste, seit Ju Honisch dafür 2009 mit dem Deutschen Phantastikpreis ausgezeichnet wurde. Umfang und Preis (der für die Publikation eines Independentverlags wie Feder und Schwert durchaus gerechtfertigt ist), mögen mich ein zeitlang abgehalten haben, doch die Lektüre hat sich durchaus gelohnt.

Ju Honisch erschafft eine überzeugende Melange aus Abenteuerroman, Thriller und Historiendrama und würzt alles mit einem kräftigen Schuss Dark Fantasy und einer Prise schwarzhumoriger Scharfzüngigkeit. Hier wird quer durch die Genres geschwelgt was das Schriftstellerherz hergibt und eine Reihe von außergewöhnlichen Charakteren geschaffen, die man noch lange danach im Gedächtnis behält. Die Handung wird rasant und spannend erzählt und lässt kaum Wünsche offen. Auch, was Originalität und Überraschungsmomente angeht, macht Ju Honisch so schnell keiner etwas vor.

Warum ich dennoch eine Kaffeetasse abziehe? Zum einen störe ich mich ein klein wenig an der Hintergrundgeschichte Corrisande Jarrencourts (die ansonsten übrigens eine meiner Lieblingscharaktere im Roman ist). Die mutige, aber durch und durch keusche, charmant naive und im Kern höchst sensible junge Frau soll sich in ihrer Jugend als fassadenkletternde und messerwerfende Diebin verdingt haben, nur um jetzt, zurück auf dem Pfad der Tugend, ein ehrbares Leben an der Spitze der Gesellschaft anzustreben. Die ganzen 800 Seiten über habe ich versucht, diese beiden Seiten Corrisandes in Einklang zu bringen, doch es mochte mir einfach nicht gelingen. Alles an ihr empfand ich als absolut überzeugend, inklusive ihrerer Willensstärke und ihrem (sie selbst überraschenden) Mut in den gefährlichsten Situationen, in denen sie plötzlich über sich selbst hinauszuwachsen scheint. Doch diese Gauner-Vergangenheit mag sich einfach nicht ins Gesamtbild fügen und wäre auch nicht unbedingt nötig gewesen. Und wenn Corrisande zum wiederholten Mal aus einer tiefen Ohmacht erwacht, fragt man sich, warum die Autorin sie nicht einfach jende zarte, mutige junge Frau hat bleiben lassen, denn diese Momente sind einfach am glaubhaftesten.

Womit ich auch gleich zu Kritikpunkt Nummer zwei komme: Wiederholungen. Ich erwähnte eingangs das hohe Erzähltempo, in dem Honisch die Geschichte vorantreibt. Ein paar Mal jedoch war ich versucht, ein wenig genervt an den Seiten zu zupfen, weil die ein oder andere Jagd nach dem Phantom doch zu sehr der vorangegangenen ähnelte und auch einige ausschweifende Dialoge dazu neigten, bereits Gesagtes erneut anzuführen. Einer der Gründe, weshalb mir das „Obsidianherz“ so gut gefallen hat, ist der die ausufernde und ungebändigte Erzählfreude Ju Honischs. Ich bin aber überzeugt, dass es dem Buch gut getan hätte, an der einen oder anderen Stelle behutsame Kürzungen vorzunehmen. Hundert Seiten weniger hätten dem Roman sicher nichts an Charme und Esprit genommen, aber vielleicht ein etwas strafferes Gesamtbild ergeben.

Abgesehen davon kann ich „Das Obsidianherz“ jedoch sehr empfehlen als die etwas andere Lektüre unter all dem immer gleichen Mainstream im Fantasybereich.

Fazit:

Wenn Edgar Allen Poe einen Roman über Sissi geschrieben hätte und dieser von Guy Ritchie verfilmt würde, könnte vielleicht „Das Obsidianherz“ dabei herauskommen. Ein ungewöhnliches und spannendes Lesevergnügen trotz kleiner Längen.

4_kaffeetassen

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