[Rezension] Amy Waldman – Der amerikanische Architekt

Waldman, Der amerikanische ArchitektTitel: Der amerikanische Architekt

Autor: Amy Waldman

Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
Verlag: Schöffling & Co. (4. Februar 2013)
ISBN: 978-3895614910

Erster Satz:

„Die Namen“, sagte Claire. „Was ist mit den Namen?“

Inhalt:

New York, 2004: Eine Jury ist zusammengekommen, um über den besten Entwurf für eine Gedenkstätte für die Opfer der Anschläge vom 11. September abzustimmen. Nach langen Diskussionen einigt man sich endlich auf den Gewinner. Der Umschlag mit dem bisher anonymen Namen wird geöffnet – und die Jury-Mitglieder müssen schockiert feststellen, dass es sich bei ihrem Gewinner um einen Muslim handelt.

Es entflammt ein heftiger Disput um die Person des Architekten und die Bedeutung seines Entwurfs und weitet sich, kaum dass das streng vertrauliche Ergebnis zur Presse durchgesickert ist, über die gesamte Stadt und schließlich bis über die Landesgrenzen aus. Clarie Burwell, innerhalb der Jury Vertreterin der Hinterbliebenen der Opfer, ist eine der wenigen, die sich voller Überzeugung für den begabten wie auch komplizierten Architekten einsetzt. Doch als der Druck von aufgebrachten Familienmitgliedern,  skruppellosen Journalisten, machthungrigen Politikern und radikalen Aktivisten immer größer wird, beginnt auch sie, zu wanken.

Meine Meinung:

Das Jahr hat gerade erst begonnen und schon habe ich einen meiner absoluten Lieblingstitel 2013 entdeckt: „Der amerikanische Architekt“ hat mich in jeder Hinsicht überzeugt, ein Buch wie ein Paukenschlag, ein Blick in die Seele einer zerrütteten Nation, ein politisch-kulturelles Panorama über die Vorurteile und Ressentiments der heutigen Zeit und das alles erzählt mit einer Ehrlichkeit, die einem Schwall kalten Wassers gleichkommt.

Waldman, die vor der Veröffentlichung ihres Romans „Der amerikanische Architekt“ als Journalistin für die New York Times gearbeitet und selbst aus Afghanistan und New York in den Wochen nach den Anschlägen von 9/11 berichtet hat, erweist sich als brillante Erzählerin. Jedes Wort sitzt, die verschiedenen Personen, durch die Waldman die Geschichte aus unterschiedlichsten Blickwinkeln erzählt, sind vielschichtig und glaubhaft gezeichnet. Die Entwicklungen, die im Laufe der Handlung immer drastischere Ausmaße annehmen, sind absolut überzeugend geschildert und es fällt schwer, sich daran zu erinnern, dass es sich trotz authentischer Einzelheiten um eine fiktive Geschichte handelt. Tatsächlich gibt es Parallelen zu wahren Ereignissen, zum Beispiel erinnert die Debatte um die Gedenkstätte an jene um das islamische Kulturzentrum Park51 in Lower Manhattan, die nicht lange, nachdem Waldman ihren ersten Manuskriptentwurf fertig hatte, in der Öffentlichkeit entbrannte. Ein weiterer Beweis für die Aktualität und Relevanz dieses Romans.

Das Kunststück, das Amy Waldman mit ihrem Roman gelingt, ist, den Leser trotz aller Sympathien, die er für den Architekten Mohammad Khan, die junge Hinterbliebene Claire oder einen der anderen Protagonisten entwickelt, nie ganz auf eine Seite zu ziehen und das Kalaidoskop immer ein Stück weiterzudrehen, um ihn zu einer neuen Sichtweise der Dinge zu zwingen, seine eigene zuvor gefasste Meinung zu hinterfragen und auch in die Köpfe der anderen Parteien hineinzuschauen. Das ist provokativ, nicht immer angenehm, ungemein spannend und bringt einen zum überdenken eigener Moralvorstellungen. Amerikanische Leser werden sich beim Lesen besonders herausgefordert fühlen, vorgefasste Meinungen und eingeschränkte Sichtweisen zu überdenken. Nach der Lektüre des Buches ist mir aber klargeworden, dass uns der Grundgedanke alle angeht und gerade in der heutigen Zeit des Terrors, der Konflikte zwischen West und Nahost, aber auch dem Zusammenleben verschiedener Kulturen und Glaubensrichtungen auf engstem Raum Akzeptanz ein Wort ist, dass wir uns ganz groß auf die Fahnen schreiben sollten.

Zusammenfassend (und ohne vom Inhalt zu viel vorwegzunehmen) möchte ich sagen, dass ich „Der amerikanische Architekt“ inhaliert habe und kaum aus der Hand legen konnte. Dieses Buch ist eine absolute Empfehlung quer durch die Geschmäcker und Lesegewohnheiten, denn das Thema ist ein globales und rüttelt Fragen und Vorstellungen wach, die sich spätestens im Laufe der letzten zehn Jahre in unseren Köpfen festgesetzt haben – und bietet die Chance, Altes zu überdenken und neue Ansätze zu finden. Waldman greift niemals offen Partei und regt ihre Leser an, im Verlauf der Geschichte ihre persönlichen Wahrheiten und Überzeugungen zu finden, denn von der großen Erleuchtung ist unsere Gesellschaft noch weit entfernt.

Fazit:

Lesen! Lesen! Lesen!

5_kaffeetassen

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