[Rezension] Jessica Khoury – Die Einzige – In deinen Augen die Unendlichkeit

Khoury, Die EinzigeTitel: Die Einzige – In deinen Augen die Unendlichkeit

Autor: Jessica Khoury

Gebundene Ausgabe: 440 S.
Verlag: Arena (Januar 2013)
ISBN: 978-3401068695

Erster Satz:

„Man erzählt mir, dass Onkel Paolo mich am Tag meiner Geburt an seinen weißen Laborkittel drückte und flüsterte: ‚Sie ist perfekt.'“

Inhalt:

Als erste ihrer Spezies ist die siebzehnjährige Pia die Essenz dessen, wonach die Menschheit seit Jahrtausenden gestrebt hat: Unsterblichkeit. Perfektion. Doch bevor die Welt für diesen großen Schritt bereit ist, muss Pia versteckt gehalten werden.

Aus diesem Grund lebt sie in einer streng geheimen Kolonie von Wissenschaftlern, verborgen im brasilianischen Regenwald. Seit ihrer Geburt wird sie auf die ihr angedachte  große Aufgabe vorbereitet: eines Tages das Team von Wissenschaftlern anzuführen, die Unsterbliche wie sie erschaffen sollen.  Doch Pias Welt gerät aus den Fugen, als sie Eio trifft, der aus dem Dorf der Eingeborenen unweit von „Little Cam“ kommt und sie zum ersten Mal an ihrer Bestimmung zweifeln lässt.

Meine Meinung:

In den USA wurde „Die Einzige“  schon vor Erscheinen unglaublich gehypt, und zwar aus folgenden Gründen: Erstens, die Autorin Jessica Khoury ist erst 22 Jahre alt. Zweitens versprach „Die Einzige“,  endlich einmal eine völlig neue und unverbrauchte Richtung unter all den romantischen Dystopie- und SciFi-Geschichten für junge Leser einzuschlagen. Drittens überschlagen sich die Stimmen verschiedener Autorenkollegen vor Begeisterung (allen voran „Godspeed“-Autorin Beth Revis, die Khoury während des Schreibens Pate stand).

Dschungel? Geheime Wissenschaftlerkolonie? Unmögliche Liebe? Unsterblichkeit? Das kann mich nur begeistern, dachte ich, doch während des Lesens legte sich meine Begeisterung recht schnell und am Ende ließ mich das Buch doch mit einigen Bauchschmerzen zurück.

Warum? Khourys Schreibe ist solide und das von ihr gezeichnete Bild einer wissenschaftlichen Organisation im Dschungel durchaus überzeugend. Ich mochte auch, wie selbstverständlich Pia anfangs ihre abgeschottete Welt sieht, ihre ungewöhnlich neutrale Beziehung zu ihren biologischen Eltern und ihre unterschiedlich freundschaftlichen Bindungen zu all den „Onkels“ und „Tanten“, wie sie die Wissenschaftler nennt, mit denen sie tagtäglich arbeitet und bei denen sie Unterrichtsstunden hat.

Doch dann taucht Eio auf und mit ihm diese absolut platte, vorhersehbare und direkt langweilige Liebesgeschichte, wie ich selten eine gelesen habe. Hier funkt einfach nichts, alles geht zu schnell, man denkt sich: Hm, er ist der erste und einzige männliche Mensch in Pias Leben, der nicht über dreißig ist. Kann man da ihre Schwärmerei vom ersten Augenblick ihrer Begegnung an wirklich ernst nehmen? Leider nicht. Und der Grund dafür ist auch recht simpel: Khourys Charaktere sind (angefangen bei fast allen Nebencharakteren) zu farblos. Ja, Pia weckt Sympathien beim Leser, sie wandelt sich vom gleichmütig-ehrgeizigen Mädchen zu einer erst neugierigen und dann rebellischen jungen Frau – aber dennoch bleibt sie immer recht naiv, schwankt stets zwischen gegensätzlichen Gefühlen, ohne die feineren Abstufungen dazwischen auszuloten. Und Eio ist einfach nur ein mutiger, gutherziger, fröhlicher Junge aus dem Dschungel, der Pia die Welt zu Füßen legt – was auf die Länge des Buches verteilt leider ziemlich öde ist. Angemerkt sei noch (kleiner Spoiler), dass das junge Liebespaar (sie siebzehn, er achtzehn Jahre) über ein aufregendes Händchenhalten bis kurz vor Schluss nicht hinauskommt – nicht mal in Gedanken. Was dem Ganzen auch nicht mehr Glaubhaftigkeit verleiht.

Die ansonsten recht interessante Geschichte um Trug, Verrat, Mord und die Auseinandersetzung mit Unsterblichkeit als einem der ältesten Träume der Menschheit hätte das Buch für mich noch besser abschneiden lassen können. Aber das elendig langsame Tempo, in dem das alles erzählt wird, hat schon sehr an meinen Nerven gezerrt. Immer wird der Leser dem eigentlichen Geheimnis hinter „Little Cam“ ein winziges Stückchen näher gebracht, nur um dann wieder eine Reihe eher belangloser Szenen folgen zu lassen, angeführt von Pias verbotenen Abstechern in den Dschungel, wo sie Eio trifft, der ihr dann die Sterne zeigt oder einen Wasserfall oder eine Höhle zwischen den Wurzeln eines Baumes. Ich kam nicht umhin, mich in einer Art Trott wiederzufinden. Auch nicht besser die immer wieder stattfindenden Gespräche mit Pias Lehrer Paolo, der ein ums andere Mal erklärt, wie einzigartig sie ist und wie wichtig sie ihre Bestimmung nehmen muss. Passagenweise war das echt ermüdend und ich denke, ein Drittel Seiten weniger hätte dem Buch sicher gut getan.

Ein paar sachliche Ungenauigkeiten, wie zum Beispiel die Verwendung des tödlichen Pfeilgiftes Curare, um jemanden zu paralysieren, sind mir nebenbei auch aufgefallen. Außerdem erscheint mir das Schicksal von Tante Harriet, eine der wenigen Figuren, zu denen ich wirklich Zugang finden konnte, etwas zu stark an jenes von Juliet aus „Lost“ angelehnt. Ein Luxus-Kritikpunkt, aber es ist mir aufgefallen.

Zusammenfassend kann ich zwar sagen, dass mich „Die Einzige“ unterhalten hat, ich mochte die Grundidee und die Storyentwicklung im Großen und Ganzen, aber die Liebesgeschichte konnte mich überhaupt nicht überzeugen, die Charaktere ließen (bis auf wenige Ausnahmen) schmerzlich an Tiefe vermissen und zu guter Letzt ging mir das alles deutlich zu langsam voran. Khoury beweist mit ihrem Debüt, dass sie Mut zu neuen Ideen hat und ihr Handwerk beherrscht, aber an der Ausführung noch ordentlich zu feilen hat.

Fazit:

Ein SciFi-Roman mit deutlichen Einflüssen aus „Lost“ und „Avatar“, der in seinen Grundzügen unterhaltsam und vielversprechend ist, aber leider nachvollziehbare Romantik, Tiefe der Charaktere und ein packendes Erzähltempo vermissen lässt. Deshalb (und weil es das Debüt dieser jungen Autorin ist), drei großzügige Kaffeetassen von mir.

Hinweis: Zur Abwechslung handelt es sich hier um einen Einteiler statt einem genretypischen Serienauftakt, was doch mal recht erfrischend ist.

3_Kaffeetassen

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: