[Rezension] Emily Perkins – Die Forrests

Perkins, Die ForrestsTitel: Die Forrests

Autor: Emily Perkins

Gebundene Ausgabe: 377 Seiten
Verlag: Berlin Verlag (10. September 2012)
ISBN: 978-3827010766

Erster Satz:

„Vater machte vor ihnen Verrenkungen mit der Kamera.“

Inhalt:

Als die Familie Forrest anfang der Siebziger aus den USA nach Auckland, Neuseeland zieht, ändert sich das Leben der Geschwister Dorothy, Michael, Evelyn und Ruth von Grund auf. Ihr Vater, ein distanzierter Mensch, zieht sich immer mehr in sich selbst zurück, während ihre Mutter ein wildes Hippie-Leben in einer Frauenkommune führt.  Besonders Eve und Dorothy entwickeln eine innige Schwesterliebe, die von beider Liebe zu Daniel überschattet wird, dem Jugendfreund ihres Bruders und praktisch Ziehsohn der Forrests. Je älter die Forrest-Geschwister werden, desto mehr driftet die Familie auseinander und es ist Dorothy, die über die Jahre versucht, ihr zerbröckelndes Leben zu meistern und ihre Geschwister nicht aus den Augen zu verlieren.

Meine Meinung:

Dieses Buch hat es mir wirklich nicht leicht gemacht. Emily Perkins pflegt einen unsteten, beinahe trägen und immer wieder auf kleinen Nebensächlichkeiten fokussierenden Erzählton, durch den es mir schwerfiel, konzentriert zu lesen. Das schlimmste und nervenaufreibendste für mich aber war, das die Autorin offenbar einen Roman der Zwischenszenen geschrieben hat. Es kommt mir tatsächlich so vor, als würde man als Leser immer nur die Nachwehen und Aufarbeitungen großer Ereignisse vorgesetzt bekommen. Zwei Protagonisten gehen eine Beziehung ein. Wir erfahren aber erst davon, lange nachdem die beiden schon wieder getrennt sind und wie die beiden damit umgehen. Jemand macht eine Rucksackreise durch Südamerika, wir bekommen davon nur aus Sicht der zu Hause wartenden Mutter mit. Wieder jemand anderes hat einen Unfall oder verfällt irgendeiner Sucht, und wieder setzt die jeweilige Episode erst Monate danach ein, man nimmt nur teil an der Aufarbeitung und Bewältigung des Vergangenen. So geht es das ganze Buch über. Die eigentliche Handlung dröppelt relativ stetig und mit einigen Zeitsprüngen vor sich hin, es gibt keinen direkten Spannungsbogen, eher ein gleichmäßiges Wellenreiten, das einen gerade so bei der Stange hält. Es passiert wirklich einiges mit unseren Protagonisten, gerade, weil die Handlung mehrere Schicksale über so viele Jahre verfolgt, aber Perkins lässt uns nur an den Gedankengängen und Gesprächen „dazwischen“ teilhaben, den kleinen Gesten und kurzen Gesprächen. Das ist sicher so beabsichtigt, gibt der ganzen Story diese unvgergleichliche Zartheit und fordert den Leser zum Nachdenken und Interpretieren auf. Leser wie ich werden die knapp 400 Seiten auf der Suche nach der „eigentlichen Handlung“ sein, um die es hier ironischer Weise aber gar nicht geht. Es sind eben die Zwischentöne, es ist das Ungesagte, das Nachdenkliche, was Perkins in ihrem Familienroman herausgearbeitet hat.

Was mir außerdem gefehlt hat, ist eine greifbarere Beschreibung der Protagonisten. Dafür, dass wir so viel von ihrem Innenleben erfahren (zumindest dem Dorothys, aus deren Sicht der Großteil der Handlung geschildert wird), weiß man fast nichts über ihr Äußeres, es gibt kaum Eigenheiten oder irgendetwas, woran man die vielen Namen festmachen könnte. Gerade, als die Handlung in der dritten Generation der Forrests angelangte, bin ich mit einigen Namen immer wieder durcheinandergekommen.

Ein Luxuskritikpunkt für mich ist außerdem, dass die Geschichte so gut wie nichts „Neuseeländisches“ an sich hat. Bis auf ein, zwei Ortsnamen weist nichts daraufhin, wo die Handlung stattfindet. Für mich ein kleiner Wermutstropfen, weil ich mir erhofft hatte, etwas mehr Einblick in die neuseeländische Gesellschaft zu bekommen.

Fazit:

Schlussendlich ist „Die Forrests“ ein zutiefst nachdenklicher und melancholischer Roman einer Familie, deren Mitglieder sich über die Jahre stetig gegen die Widrigkeiten des Lebens und ihren sorgsam voreinander abgeschirmten Problemen stellen müssen und dabei zu vergessen drohen, wie sehr sie einander brauchen.

3_Kaffeetassen

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