[Rezension] Antonia Michaelis – Solange die Nachtigall singt

Michaelis, Solange die Nachtigall singtTitel: Solange die Nachtigall singt

Autor: Antonia Michaelis

Broschiert: 447 Seiten
Verlag: Oetinger (September 2012)
ISBN: 978-3789142932

Erster Satz:

“Etwas war geschehen.”

Inhalt:

Der junge Tischlergeselle Jari begibt sich auf eine Wanderung in der Lausitz, am Ranade der Zivilisation, hinein in die unberührten Wälder, in denen die Grenzen zwischen Deutschland, Polen und Tschechien verwischen.

Im Wald begegnet er der schönen und geheimnisvollen Jascha, die ihn mitnimmt zu ihrem Haus, ein Paradies in aller Abgeschiedenheit. Jari beginnt, sich in einem Strudel aus trügerischer Schönheit zu verlieren und wird zum Jäger, dem kein Opfer zu groß ist, um die Schönheit und seine Liebe zu  schützen.

 

Meine Meinung:

Nach dem atemberaubenden „Märchenerzähler“ musste ich auch Anonia Michaelis‘ nächsten großen Roman lesen. Wieder ist es beinahe unmöglich, das Buch zu bewerten, ohne zu viel vom Inhalt vorwegzunehmen. In „Solange die Nachtigall singt“ legt sie – wenn überhaupt möglich – ein noch düstereres, noch unheimlicheres, schwärmerisches, packenderes, überraschenderes und phantasievolleres Werk vor.

Abermals habe ich mich wie in einen Sog hinabgezogen gefühlt.  Schönheit und Schrecken liegen hier so dicht beieinander, dass man beim Lesen beinahe konstant eine Gänsehaut hat.  „Solange die Nachtigall singt“ ist ein Mystery-Thriller voll unvergleichlicher Phantasie und Fabulierlust, eine Geschichte über Liebe und Hass, ein Blick in die tiefsten menschlichen Abgründe, und alles  inmitten wunderbar unberührter Natur. Noch mehr als im „Märchenerzähler“ spielt die Autorin hier mit den krassesten Gegensätzen und schafft es, sie so kunstvoll miteinander zu verweben, dass man wie verzaubert ist und nicht mehr mit dem Lesen aufhören kann.

Aufgrund der wirklich düsteren Handlung, einiger Elemente, die schon beinahe ins Horrorgenre gehen und verschiedener explizierter Szenen würde ich das Buch auf alle Fälle erst ab siebzehn, achtzehn empfehlen.

Ich weiß nicht, ob man den „Märchenerzähler“ und „Solange die Nachtigall singt“ miteinander vergleichen kann. Obwohl sich viele Stilelemente und auch ein paar Ausgangsideen ähneln, gefällt mir persönlich die „Nachtigall“ fast noch besser.  Der Wald, die Farben, die immer wiederkehrenden Märchenelemente (die Zahl drei spielt eine bedeutende Rolle), das ebenso undurchschaubare wie überraschende Handlungsgeflecht und dieses allgegenwärtige Gänsehautgefühl sind eine Mischung, die mich vollends in ihren Bann geschlagen hat.

Fazit:

Wie Antonia Michaelis dieses Gruselmärchen zwischen Traum und Realität heraufbeschwört, ihre Leser ebenso wie Jari selbst ahnungslos durch den Wald stolpern lässt und dabei so geschickt mit Trug und Wahrheit, mit Sympathie und Antipathie ihrer Charaktere spielt, ist wahrlich Meisterklasse.

5_Kaffeetassen

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7 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Bücherphilosophin
    Dez 09, 2012 @ 10:58:40

    Antonia Michaelis schreckt wahrlich nicht vor ungemütlichen Themen zurück. Und eigentlich reizt mich der Roman, zumindest so wie du ihn beschrieben hast. Dann aber bin ich mir nicht ganz so sicher, ob Michaelis nicht zu vieles vom „Märchenerzähler“ mit in diese Geschichte genommen hat. Denn auch wenn ich ihren letzten Roman gut fand, heißt das nicht unbedingt, dass ich im aktuellen wieder das gleiche lesen möchte. Ich bin hin und her gerissen 😉

    LG, Katarina 🙂

    Antwort

    • keeweekat
      Dez 09, 2012 @ 12:16:45

      Hallo Katharina!

      Ich denke, ich kann dich beruhigen – „Der Märchenerzähler“ und „Solange die Nachtigall singt“ sind doch zwei völlig unterschiedliche Bücher. Schon allein deswegen, weil ich glaube, nicht alle „Märchenerzähler“-Fans werden automatisch auch dieses Buch lieben. Ja, ein paar Motive ähneln sich, in beiden Geschichten geht es um Menschen, die immer tiefer in eine ausweglose Situation geraten und Dinge tun, die sie von sich selbst nie erwartet hätten. Aber das „Drumherum“ ist völlig anders. Der „Märchenerzähler“ war mehr ein von einem poetischen Märchen gerahmtes Sozialdrama, die „Nachtigall“ ist ein Gruselmärchen an der Grenze zur Phantastik.

      Ich würd’s auf alle Fälle auf einen Versuch ankommen lassen! 🙂
      LG,
      Katja

      Antwort

      • Bücherphilosophin
        Dez 09, 2012 @ 20:57:57

        Das sind ja gute Nachrichten – jetzt kann ich die Nachtigall ohne Skrupel auf meine Wunschliste setzen 🙂

  2. keeweekat
    Dez 09, 2012 @ 22:48:34

    😀

    Antwort

  3. pimisbuecher
    Dez 16, 2012 @ 10:37:00

    Uh, das Buch wandert direkt auf meine Wunschliste. Ich fand beim Märchenerzähler nämlich vor allem den Schreibstil von Antonia Michaelis toll. Das dies ein Gruselmärchen und kein Sozialdrama ist, klingt vielversprechend 🙂 Danke für die tolle Rezi
    LG
    Miriam

    Antwort

  4. Trackback: (#3) Das also ist meine Woche… « Die Jugendbücherphilosophin

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