[Rezension] Jenny-Mai Nuyen – Noir

Titel: Noir

Autor: Jenny-Mai Nuyen

Broschiert: 384 Seiten
Verlag: Rowohlt Polaris (1. Oktober 2012)
ISBN: 978-3862520282
Erster Satz:

“Die Wirklichkeit, das ist ein Doppelzimmer in einem heruntergekommenen Business-Hotel, in dem du einen Mann erschossen hast.”

Inhalt:

Nino Sorokin ist fünf, als seine Eltern mit dem Auto verunglücken. Seitdem sieht er den Tod anderer Menschen voraus – und er weiß, dass er selbst nur 24 Jahre alt wird. Auf der verzweifelten Suche nach einem Weg, wie er seinem sicheren Tod entkommen kann, taucht er tief ein in das undurchsichtige Nachtleben Berlins. Dort gerät er in einen Kreis von Mentoren, die in Verbindung mit der Welt zwischen Leben und Tod stehen. Mithilfe des geheimnisvollen Monsieur Samedi will er es schaffen, sein Schicksal zu ändern. Doch alles kommt anders, als er sich in die seelenlose Noir verliebt, die bereits auf der Schwelle zum Jenseits steht …

Meine Meinung:

Nachdem ich fast alles vorangegangenen Werke von Jenny-Mai Nuyen gelesen habe, war ich gespannt auf ihren neuen Roman, mit dem sie sich bewusst einem reiferen Publikum zuwenden will.
„Noir“ ist kein Fantasybuch mehr, es ist ein tiefgreifender philosophischer Roman, der die menschlichen Abgründe erforscht – mit einem Schuss Phantastik, der jedoch zu jeder Zeit in die reale Welt übertragen werden kann, eine Reflexion der Realität, wenn man so will. Es fällt auf, mit welchen Fragen sich die Autorin während des Schreibens auseinandergesetzt hat, Themen wie Tod und Endlichkeit, Verlust, Abnabelung, Liebe auf seelischer und physischer Ebene, Perspektivlosigkeit und das Gefühl des Verlorenseins dürften typisch sein für junge Leute Anfang zwanzig (zu denen auch ich gehöre, ich konnte mich mit einigem, was Nino durchmacht, sehr gut identifizieren).
Ihre Sprache ist bestechend schön, noch um einiges gereifter und erwachsener als in ihren vorherigen Werken und immer stärker mit Hang zum Poetischen.
Auch die Figuren sind hervorragend ausgearbeitet, die Dialoge geschliffen und besonders realitätsnah.
Vor allem aber ist es diese Empfindsamkeit, gepaart mit einer erstaunliche Reife und Klugheit, die aus jeder Seite dieses Buches spricht – kaum zu glauben, dass das eine 23jährige geschrieben hat. Hut ab!

Warum ich trotzdem nicht zufrieden mit „Noir“ bin?
Zunächst einmal passiert mir einfach zu wenig. Nuyen liefert ein überzeugendes Setting, eine flirrende Atmosphäre, aber einen Plot, der anfangs zu lange braucht, um in Gang zu kommen (das erste Drittel erschien mir viel zu lang und hinausgezögert, eine ordentliche Straffung hätte hier sicher gut getan), der zum großen Showdown zwar an Fahrt aufnimmt, aber zu sehr auf gedehnte, zum Abschweifen neigende Dialoge setzt, die zwar einige philosophische Ideen berühren, den Leser aber lange in der Dunkelheit herumtappen lassen, ohne ihn des Rätsels Lösung näher zu bringen. Im Großen und ganzen ist die Idee zwar großartig, aber in einen recht dünnen Plot verpackt und letztendlich zu stark zu einem großen Wirrwarr aus Dialogszenen, Gedankenfetzen und Sinneseindrücken aufgebauscht.

Des weiteren – aber das ist wirklich nur mein persönlicher Lesegeschmack – ist mir die Geschichte zu düster, zu drogenlastig, zu depressiv. Denn das ist „Noir“ in meinen Augen in Wirklichkeit: Die Geschichte einer schweren Depression. Oder nein, nicht nur das, im Grunde geht es auch um eine zerstörerische Drogensucht. Verpackt in eine phantastische Hintergrundgeschichte zwar und eine metaphysische Tour durch den menschlichen Geist und die Fragen, die irgendwann in uns erwachen, um uns das Leben schwer zu machen und uns am Leben festhalten zu lassen.
Diese alles niederdrückende Schwermütigkeit, diese tiefsitzende Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit beinahe aller agierenden Figuren hat mich beim Lesen niedergeschlagen gemacht und mich so geschlaucht, dass ich trotz aller Faszination und Spannung nicht behaupten kann, das Lesen hätte mir „Spaß“ im wörtlichen Sinne gemacht.

Zudem muss ich auch sagen, dass mir Jenny-Mai Nuyens lebendige und bildhafte Sprache, für die ich ihre Bücher unter anderem liebe, hin und wieder etwas over-the-top war. Grandioser und malerischer noch als in allen bisherigen Büchern, aber manchmal doch etwas … zu viel. Zum Beispiel versucht sich Nino während eines Gesprächs mit seiner Schwester zu konzentrieren, aber in seinem Kopf ist „[…] nur ein Knistern, das Bröseln von Herbstlaub. Als er lange genug im Rascheln gestanden hatte, erwiderte er […].“
An solchen Stellen wurde mir die Sprache doch etwas zu artifiziell, zu ausgeschmückt um ihrer selbst willen und dabei schon fast ins Peinliche abdriftend.

Und zum Schluss muss ich noch loswerden, dass ich das Ende von „Noir“ nicht ganz überzeugend fand … Meine Meinung. Zufriedenstellend, ja, aber nach allem, was diesem Schluss vorangegangen ist, bin ich mir nicht sicher, ob ich diese Auflösung ganz überzeugend fand.

Alles in Allem bin ich in meiner Meinung zu diesem Buch zutiefst gespalten. Die Sprache ist betörend schön, schießt aber ab und zu übers Ziel hinaus. Die Idee finde ich großartig, den Plot aber zu dünn. Mir gefällt, wir „Noir“ erzählt wird, aber das erste Drittel ist mir zu langatmig. Die philosophischen Gedanken und Dialoge sind sind äußerst tiefsinnig und überraschend, aber ich frage mich, ob dieser Aspekt nicht über Gebühr viel Platz beansprucht und dabei dem Rest der Handlung zuträglich ist. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob mir das alles nicht ein wenig zu metaphysisch, um nicht zu sagen esoterisch gefärbt ist. Ich mochte die Charaktere und die Dialoge sehr, konnte mich aber nicht mit der ausführlich beschriebenen Drogen- und Party-Szene identifizieren und die depressive Stimmung des Buches hat mich extrem runtergezogen.

Fazit:

Ich werde definitiv auch weiterhin ein Fan von Jenny-Mai Nuyen bleiben, aber ich würde mir wünschen, dass sie mit ihrem nächsten Roman wieder mehr zu ihrer großartigen Art des Genschichtenerzählens zurückfindet und sich ein bisschen von der „dunkelschwarzen“ Grundstimmung und der Paulo-Coelho-Esoterik loslöst. 😉

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