[Rezension] David Mitchell – Die tausend Herbste des Jacob de Zoet

Autor: David Mitchell

Titel: Die tausend Herbste des Jacob de Zoet

Gebundene Ausgabe: 720 Seiten
Verlag: Rowohlt (7. September 2012)
ISBN-: 978-3498045180

Erster Satz:

„Fräulein Kawasemi?“ Orito kniet auf dem feuchten, muffigen Futon. „Hören Sie mich?“

Inhalt:

Japan, 1799: Der junge niederländische Schreiber Jacob de Zoet kommt nach Dejima, einer künstlich angelegten und abgeschotteten Insel im Hafen von Nagasaki. Dejima ist der einzige Handelsposten Japans und Stützpunkt der Niederländischen Ostindien-Kompagnie. Als Jacob sich in die gebildete Orito verliebt, die auf Dejima Studentin der europäischen Medizin ist, brodelt das Unheil herauf.

Meine Meinung:

In „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ beschwört David Mitchell eine längst vergangene und gleichzeitig einzigartig skurrile Welt herauf: Dejima, den streng überwachten Knotenpunkt  zwischen Japan und der westlichen Welt, gab es tatsächlich. Aus Angst vor der Wiederkehr der Christianierung und Verwestlichung war es den Ausländern nur unter strengsten Auflagen erlaubt, das japanische Festland zu betreten. Und doch waren es die modernen europäischen Kenntnisse, insbesondere der Medizin, die die Wissenschaft in Japan revolutionieren sollte. Der Handelsposten war wie ein Mikrokosmos, ein kleines japanisches Europa und doch wieder nicht.

Vor den Augen des Lesers entfaltet Mitchell eine reich ausgestaltete Welt voller illustrer Charaktere und ihrer Geschichten. Mit Spannung verfolgt man im ersten Teil des Romans die Erlebnisse des  jungen und idealistischen Jacob, der in die Ränkeschmiede der Geschäftemacher hineingezogen wird und sich Betrügereien und Erpessungen ausgesetzt sieht. Der zweite Teil widmet sich Orito, die nach dem Tod ihres Vaters an ein ominöses Kloster verkauft wird, um ausstehende Schulden  zu tilgen. Dieser Part war für mich der spannendste, die gesamte Handlung im Kloster hat mich mit ihrer Mystik und ihren dunklen Geheimnissen absolut mitgerissen. Im dritten Teil des Buches setzt die Handlung auf einer britischen Fregatte ein, die auf Nagasaki zusteuert. Allem Unterhaltungswert zum Trotz war es mir etwas unverständlich, weshalb Mitchell seinen Erzählbogen um Jacob und Orito so plötzlich bricht und die beiden für einige hundert Seiten komplett aus den Augen verliert. Hier fasert der gekonnt gesponnene Plot plötzlich aus und lässt den Leser bis kurz vor Schluss in der Luft hängen. Warum die über fünfhundert Seiten aufgebaute Geschichte um die beiden so plump für eine etwas aus den Angeln hängende Mast- und Schotbruch- Episode fallenlassen? Zu spät kehrt Mitchell zu seinen beiden Hauptakteuren zurück, zu wenig erfährt man nach dem packenden Mittelteil über Orito. Schade.

Ich mag Mitchells Potpurri aus eigenwilligen Charakteren, aber manchmal mutet er seinen Lesern doch ein wenig viel zu. Es ist eine Herausforderung, den Überblick bei diesem bombastischen Personenaufkommen zu behalten und es war mir nicht immer ganz verständlich, warum er gerade dem einen oder anderen so großen Handlungsraum ermöglicht.
Die Unausgewogenheit und wenig stringente Erzählweise der Handlung sind mein größter Kritikpunkt an dem sonst durchaus gelungenen Werk. Anmerken will ich noch, dass ich mit Mitchells blumiger Sprache nicht immer warm wurde. Er neigt zu langen Dialogszenen, die für sich wirklich gut erzählt sind, würde er sich nicht ständig selbst unterbrechen mit völlig zusammenhangslosen Einschüben à la „Irgendwo bellt ein Hund“ – „Ein rotes Blatt schwebt durch das offene Fenster herein“ –  „Sie beobachtet eine pulsierende Vene ihrem Hals“ etc. Ein auffälliges Stilmittel, das leider nicht mein Fall war und mich selbst nach 600 Seiten noch aus dem Lesefluss gerissen hat.

Fazit:

Ein außergewöhnlicher Schmöker, gut recherchiert und bis zum zweiten Drittel großartig komponiert, ein kunstvoll geknüpfter Faden, der zum Ende hin immer mehr aufdröselt und sich dann heillos verfranst. Einladende Protagonisten, die aber an einer (Über-)Fülle von Nebenfiguren unterzugehen drohen. Es sind Jacob und Orito, die diese Geschichte tragen und den Leser mitfiebern lassen, wehalb ich es enttäuschend fand, dass Mitchell die beiden am Ende so kläglich vernachlässigt. Seine Schreibe ist definitiv herausragend, nur hin und wieder hätte ich mir weniger verkrampft eingestreute Poesie gewünscht.

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2 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Yvonne (@Ivyesque)
    Sep 09, 2012 @ 17:24:03

    Mir persönlich hat der Roman sehr gut gefallen (meine Rezension hier: http://www.leselink.de/buecher/abenteuerromane/die-tausend-herbste-des-jacob-de-zoet.html), und es hat mich gar nicht gestört, dass Nebenfiguren hin und wieder mehr Raum bekamen. Für mich sind Mitchells Romane auch Bücher, bei denen man wirklich in eine ganz andere Welt eintaucht, während man sie liest, und gerade „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ ist für mich dazu ein besonderes Beispiel.

    Antwort

    • keeweekat
      Sep 09, 2012 @ 18:09:45

      Hallo Yvonne, schöne Rezension! 🙂 Ich schätze, Mitchell-Fans lieben vor allem das Opulente, das Ausschweifende an seiner Erzählweise. Ich empfand es eben nur manchmal geradezu überbordend. Mal sehen, was ich mir als nächstes von ihm zu Gümte führe. 🙂

      Antwort

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