[Rezension] Tahereh Mafi – Ich fürchte mich nicht

Titel: Ich fürchte mich nicht

Autor: Tahereh Mafi

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag (23. Juli 2012)
ISBN: 978-3442313013

Erster Satz:

„Ich bin seit 264 Tagen eingesperrt.“

Inhalt:

Die siebzehnjährige Juliette befindet sich in Isolationshaft. Eine furchtbare Gabe macht sie seit ihrer Geburt einem Freak, einer Ausgestoßenen: Niemand kann sie berühren. Ihre Berührung ist tödlich.

An dem Tag, an dem sich ihre ihre Zellentür öffnet und ein junger Mann zu ihr hineingestoßen wird – 264 Tage, seitdem sie inhaftiert wurde – ändert sich ihr Leben für immer. Denn Adam ist ein Soldat der Regierung, der sie zu Warner, seinem Befehlshaber, bringen soll. Warner hat Großes vor mit Juliette: in der vom Krieg zerstörten  und vom Chaos regierten Welt will er sie als lebendige Waffe einsetzen, um die aufrührerischen Rebellenclans endgültig zu besiegen.

Juliette, die sich selbst hasst für ihre zerstörerische Kraft, sträubt sich gegen Warners Vereinnahmung. Dabei klammert sie sich an ihre wachsende Liebe zu Adam, der sie um jeden Preis schützen will. Doch gleichzeitig kann sie sich ihrer seltsamen Faszination für Warner nicht erwehren.

Meine Meinung:

Tahereh Mafis „Ich fürchte mich nicht“ zu rezensieren fällt mir schwer, denn hier handelt es sich ganz eindeutig um eines jener Bücher, die die Gemüter spalten: Die einen werden es hassen, die anderen werden es lieben. Vielleicht geht es einem kleinen Teil der Leser aber auch so wie mir – ich möchte das Buch lieben, denn es hat einen unglaublichen Sog auf mich ausgewirkt, aber ich muss es auch kritisieren, weil ich es nicht für vollkommen halte.

Zu allererst sollte ich eines klarstellen: „Ich fürchte mich nicht“ ist weniger eine Dystopie als eine emotionsgeladene Liebesgeschichte vor dystopischem Hintergrund. Das würde ich allen zukünftigen Lesern gerne mit auf den Weg geben. Wem in „Twilight“ zu viel rumgeschmachtet wurde, der sollte sich sehr gut überlegen, ob er dieses Buch lesen möchte. Denn heir wird geschmachtet, geliebt und gelitten, bis die Hormone Amok laufen. Aber der Reihe nach.

Mafi legt mit „Ich fürchte mich nicht“ ein beeindruckendes Erstlingswerk vor. Mit Juliette hat sie eine außergewöhnliche Erzählerin geschaffen. Man merkt schon zu Beginn, dass ein Leben in Ausgestoßenheit, voller Unmenschlichkeit und verwehrter Liebe einen gebrochenen Menschen aus ihr gemacht haben. Zudem hat die Isolationshaft sie apathisch werden und das Bewusstsein für die feinen Unterschiede zwischen Traum und Realität verlieren lassen. Als Adam nun in ihrer Zelle landet, brechen die Gefühle wie ein Wasserfall über sie herein. Die lange Einsamkeit hat sie dermaßen sensibilisiert, dass sie alles um ein Vielfaches intensiver wahrnimmt. Emotionen stürzen wie Wasserfälle über sie herein. Dinge, von denen sie überzeugt ist, dass sie sie nicht denken darf, sind durchgestrichen. Ein tolles Stilmittel, das Juliettes klaustrophobische Angst vor ihrem eigenen Selbst noch verstärkt.

Was Mafis Erzähltechnik außerdem auszeichnet, sind die Bilder und Metaphern, mit denen sie arbeitet. Juliette scheint alles stark konzentriert und hundertmal stärker als ein normaler Mensch zu empfinden. Schock oder Angst kommen für sie beinahe körperlichen Schmerzen gleich, so sehr leidet sie unter der Verachtung und Missbilligung, der sie von jeher ausgesetzt ist. Der ganze Roman ist eine Achterbahn der Emotionen, ein berauschender und niederschmetternder Gefühls-Cocktail, der es in sich hat. Gerade hier liegt aber auch eine von Mafis Schwächen: nach dem dritten Mal innerhalb eines Kapitels, bei dem Juelitte das Gefühl hat, dass ihr buchstäblich jemand die Haut abziehen, ihr Fleisch in Flammen aufgeht, ihr zehn Messer in die Brust gerammt werden oder ein Bulldozer über sie fahren würde, hat selbst der gutwilligste Leser vor lauter krasser Methaphern irgendwann einen Overkill. Man kommt nicht umhin, die Wortspielerei allein um der Kreativität willen hinter der eigentlichen Bedeutung zu erkennen. Mafi ist ein literarisch angenehm unangepasstes Talent, aber sie stopft zu viel hinein in ihren Text. Hier erkennt man deutlich die Handschrift einer noch jungen Schriftstellerin, die erst dabei ist, ihren Stil zu finden. Mir gefällt, wie ungebremst sie in ihren Sätzen schwelgt, ihr Erzählstil reißt mit – ist aber noch einen Deut zu überfrachtet und neigt zu Wiederholungen.

Auch der Plot hätte ein wenig mehr Fingerspitzengefühl vertragen. Die Grundidee ist nicht ganz neu, nicht von ungefähr vergleicht  der Verlag das Buch u.a.  mit „X-Men“.  Juliette als überzeugende Hauptfigur rettet dabei aber über fehlende innovative Handlungselemente hingweg. Zum anderen fehlt es Mafi manchmal am richtigen Timing. Teilweise überstürzt sie spannende Szenen, in denen mehr Details noch mehr ausgereizt hätten. Mehrere brenzliche oder nervenaufreibende Szenen werden plötzlich durch irgendwelche Lappalien oder solch unnötige Dinge unterbrochen, dass die von der Autorin beabsichtigten „Cliffhanger“ überdeutlich durchschimmern. Das erinnert stark an schlecht gescriptete TV-Serien, in denen versucht wird, die Zuschauer zwischen den Werbeblöcken bei der Stange zu halten. Mafi hat das nicht nötig und ich hoffe, dass die nächsten beiden Teile der Trilogie weniger plump geplottet sind.

Weiter geht es mit den Charakteren in der Geschichte. Juliette ist eine starke Hauptfigur, die vor allem zu Beginn auf einem dünnen Grat zwischen Hoffnung, Resignation und Selbstaufgabe schwebt und ihrem eigenen Verstand nicht mehr trauen kann. Adam erschien mir persönlich weniger Profil zu haben. Ich mag die Liebesgeschichte zwischen ihm und Juliette, aber mit übergroßem Enthusiasmus habe ich sie nicht verfolgt. Dafür ist sie mir etwas zu geradlinig, zu vorherbestimmt. Es fehlt mir ein wenig an Reibungspunkten.

Aber da ist ja noch Warner. Warner, mit dem Mafi eine einmalige Figur geschaffen hat, einen blassen, eleganten Psychopathen an der Spitze einer Armee, der Juliette besitzen will wie ein Objekt und sich in einem Wahn so sehr auf sie fixiert, dass er gefährlich nah daran ist, sich ihr zu öffnen. Denn innerlich ist er zerrissen wie sie und würde alles tun, um sie auf seine Seite zu ziehen.

Ein Mörder, der es genießt, seine Feinde zu foltern und dem jedes  grausige Mittel recht ist, zu bekommen, was er will. Und trotzdem der heimliche Held des Buches? Mafi schafft das. Und lässt mich atemlos gespannt zurück, danach lechzend, wie es im zweiten Teil der Trilogie weitergehen wird – wenn Juliette und Warner erneut aufeinander treffen …

Zuletzt muss ich noch etwas zur deutschen Übersetzung anmerken. Da ich das Original nicht zur Hand habe, kann ich die Qualität der Übersetzung nicht beurteilen, aber zuweilen hatte ich das Gefühl, dass die Wortwahl unglücklich ist. Einige  „denglische“ Ausrutscher wie zum Beispiel das einfach übernommene „container“ für einen Behälter mit Fertigessen und „Schmetterlingsmesser“ (eine deutsche Übersetzung das Eigenworts Butterflymesser) sind mir außerdem ins Auge gefallen. Am unpassendsten von allem fand ich es aber, dass Juliette Warner bis zum Ende mit „Sie“ anspricht. Ich weiß, es liegt im Ermessen des Übersetzers, welche Entsprechung für „you“ gebraucht wird, aber hier ist es spätestens nach dem ersten Zusammentreffen furchtbar unpassend. Ich hoffe ganz stark, dass Juliette ihn in den nächsten Büchern nicht mehr siezen muss.

Fazit: Eine irrsinnig knisternde Chemie zwischen den ungleichen Hauptfiguren und der überbordend emotionale Schreibstil verwandeln die Lektüre von „Ich fürchte mich nicht“ in einen unwiderstehlichen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Wo der Erzählstil gewagt ist, bleibt der Plot relativ überraschungsarm. Hin und wieder jongliert Mafi mir etwas zu tollkühn mit ihren Formulierungen herum, aber ich liebe, liebe sie für ihre Figur Warner. Ich schätze, unter den Lesern wird Adam die meisten Fans finden. Aber so lange Juliette eine gefährliche Schwäche für den Bad Boy der Geschichte hat, bin  ich Feuer und Flamme, wie es mit den beiden weitergeht. 🙂

 

 

 

 

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