[Rezension] François Lelord – Die kleine Souvenirverkäuferin

Titel: Die kleine Souvenirverkäuferin

Autor: François Lelord

Gebundene Ausgabe: 319 Seiten
Verlag: Piper (April 2012)
ISBN: 978-3492054904

Erster Satz:

„Schon in den ersten Unterrichtsstunden hatte Julien diesen Hauch von Spannung zwischen Hoa – Blume auf Vietnamesisch – und sich gespürt.“

Inhalt:

Vietnam in den 90er-Jahren: der junge pariser Arzt Julien versucht in Hanoi die Mentalität und Kultur des Landes zu verstehen, als plötzlich ein unbekanntes Virus ausbricht.  Gemeinsam mit seiner britischen Kollegin Clea macht er sich auf in eine abgeschiedene Bergregion, wo der Erreger das erste Mal aufgetreten sein soll. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn die Krankheit breitet sich aus und fordert ihre ersten Todesopfer, während die Behörden alles daran setzen, den Ausbruch einer Epedemie zu vertuschen.

Zur gleichen Zeit wird in Hanoi die kleine Souvenirverkäuferin Minh Thư, mit der sich Julien vorsichtig angefreundet hat, wegen illegalen Straßenhandels verhaftet.  Während Julien den Behörden immer einen Schritt voraus sein muss, um dem Ursprung des Erregers auf die Spur zu kommen, fühlt er sich gleichzeitig zerrissen zwischen Clea, die ihn liebt, und Minh Thư, an die er sein Herz zu verlieren droht.

Meine Meinung:

François Lelords neuer Roman ist für mich ein ziemlich gutes Beispiel für „zu viel gewollt“. Vietnam ist die zweite Wahlheimat des Autors, wo er als Psychiater an der französischen Klinik arbeitet. Man merkt, dass er das Land gut kennt, doch seine Erzählungen bleiben auf eine beinahe gewählte Weise vage, als könnten nur jene die Geschichte ganz auskosten, die dieses geheimnisvolle Land selbst schon bereist haben. Im Laufe der Handlung kritisiert Lelord das immer noch tief im Kopf der Bevölkerung verwurzelte Bild der „französischen Kolonialmacht“, doch gleichzeitig hat man das ungute Gefühl, genau dieses Bild immer wieder durch den Erzählstil durchschimmern zu sehen. Julien verbringt die meiste Zeit damit, teetrinkend und sinnierend am See des zurückgegebenen Schwertes zu sitzen und die unterschiedlichen Farben des Wassers und das Spiel der Sonnenstrahlen auf der Pagode zu betrachten. Ab und zu trifft er ähnlich beschäftigungsarme Freunde von der Französichen Botschaft, die sich allabendlich mit vietnamesischen Barmädchen vergnügen und versucht ein wenig den Missstand unter der armen Bevölkerung zu mildern, indem er regelmäßig Memorabilia von den Straßenhändlern kauft. Reisende, Bürokraten und Ärzte, auf die er trifft, sprechen allesamt gutes bis hervorragendes Französisch und Beschreibungen schöner Architektur beschränken sich ausnahmslos auf Gebäude im Kolonialstil.

Und dann bleibt da noch Julien, der junge, gutaussehende Arzt aus Paris, der die Augen der jungen Vietnamesinnen zum Strahlen bringt und der bei jeder neuen Bekanntschaft mit dem weiblichen Geschlecht aufs Neue versucht ist, den lockenden Kirschmündern zu erliegen.

Sicher sind die französische und die vietnamesische Geschichte heute untrennbar miteinander verknüpft und immerhin wird  „Die kleine Souvenirverkäuferin“ aus der Sicht eines Franzosen erzählt,  aber dennoch ist mir die Geschichte in Hinsicht auf dieses sensible Thema nicht differenziert genug. Lelord will ein kritisches Zeitbild heraufbeschwören, aber irgendwie gelingt es ihm nicht ganz. Stattdessen gibt er dem Leser eine ausführliche Unterrichtstunde in Sachen französiche Kolonialzeit, Kommunismus und Katholische Kirche in Vietnam und erdrückt damit die zarte Geschichte zwischen Julien und Minh Thư . Was noch Raum für den im Klappentext angekündigten „zauberhaften Roman über eine unmögliche Liebe“ gelassen hätte, wird angefüllt mit politischen Verstrickungen, die mit dem neuen Virus einhergehen. Da fällt es leicht, schnell den Überblick zu verlieren bei all den Botschaftern, Beauftragten und anderen Staatsgewalten, die sich hier gegenseitig auf die Füße tappen, um Herr über die brisante Situation zu werden. So ist es, zugegeben, etwas ermüdend, zwischen politischen Krimi, zarter Liebesgeschichte, Rückbesinnung auf den christlichen Glauben und Medizin-Thriller einen klaren Kopf zu bewahren. Was für mich dabei auf der Strecke bleibt, ist ein fühlbares Bild der Kultur des heutigen Vietnam- dafür ist mir die Geschichte zu sehr Sachbuch, zu sehr politische Abhandlung. Nichtsdestotrotz habe ich einige neue Erkenntnisse sammeln können und die zwischen den Zeilen versteckte Geschichte der Namensgeberin des Buches – der kleinen Souvenirverkäuferin – hat mich berührt und gefesselt.

Fazit: Lelord versucht, medizischen Politthriller, Kolonialzeit,  Kommunismus, Katholische Kirche und eine zarte Familien- und Liebesgeschichte in Vietnam auf 319 Seiten zusammenzuführen und übnimmt sich dabei. Die Geschichte um die kleine Souvenirverkäuferin wird einfühlsam erzählt, doch die sparsam eingestreuten Häppchen dieser Liebgesgeschichte reichen leider nicht, um den Titel zu rechtfertigen.

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