[Rezension] Jennifer Benkau – Dark Canopy

Titel: Dark Canopy (1. Teil der Duolgie)

Autor: Jennifer Benkau

Gebundene Ausgabe: 524 Seiten
Verlag: Script5 (1. März 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3839001448

Erster Satz:

„Ich hatte immer behauptet, der erste Percent, der in meinen Wurfradius tritt, würde ihn nicht lebend verlassen.“

Inhalt:

Großbritannien, viele Jahre nach Ende des dritten Weltkrieges: Die 20-jährige Joy kämpft in einer Gruppe von Rebellen außerhalb der abgeriegelten Stadt ums Überleben. Die Menschen werden unterdrückt von den sogenannten „Percents“, einer ehemals von ihnen selbst gezüchteten Form von Kriegern. In der Vergangenheit versklavt und als lebendige Waffen im Krieg eingesetzt, drehten die Percents irgendwann den Spieß um und begannen ein beispielloses Gewaltregime. Seitdem liegt ein graues Dämmerlicht über der Welt, denn Dark Canopy, eine geheimnisvolle Maschine, sorgt dafür, dass die für die Percents gefährliche Sonne nur zwei Stunden am Tag durch den Vorhang aus künstlichen Wolken bricht.

Joy, die ihre Eltern auf der Flucht vor den Tyrannen verloren hat, schwört, bis zum letzten Atemzug gegen das Regime zu kämpfen. Doch als sie dem Feind schließlich in die Hände fällt, gerät ihre Welt ins Wanken. Denn unter ihnen befindet sich Neél, ein junger Krieger, der sie zu einem Soldaten ausbilden soll. Für ihn muss sie am alljährlichen Chivvy teilnehmen, jenem Spiel, aus dem nur ein Einzelner lebend herauskommen kann …

Meine Meinung:

Mit „Dark Canopy“ legt Jennifer Benkau eine der ersten deutschen Dystopien vor, einem noch recht jungen Genre, das bisher vor allem von amerikanischen Autoren dominiert wird. Erfrischender Weise ist das All Age Debüt der Autorin keine Kopie bereits erfolgreicher Kollegen – sie schafft es, ihren ganz eigenen Stil zu finden. Benkau schreibt unverblümt, aber mit sanfter Poesie, kann auch mal rotzfrech und dreckig werden, um im nächsten Moment voller Melancholie über die Schönheit des Sternenhimmels zu philosophieren.  Sie lässt sich in kein Raster zwängen und will bewusst nicht imitieren, sondern einen ganz eigenen Ton finden. Dabei umschifft sie gekonnt gängige Klischees und wird trotz des romantischen Grundthemas nie kitschig.

Joy ist eine wunderbare Heldin, die permanent mit den Widrigkeiten ihrer Welt, der feindlichen Übermacht, unerwartet die Seiten wechselnden Freunden und vor allem sich selbst kämpfen muss. Die Autorin scheint eine diebische Freude daran zu haben, ihre Protagonistin schonungslos immer wieder knietief in den Dreck fallen und sich wieder herausstrampeln zu lassen, was dem ganzen ein sehr realistisches Gefühl gibt und einen an den Zeilen kleben lässt wie die Fliege im Netz.

Joys Counterpart, der junge Percent Neél, ist selbstverständlich ein (Anti-)Held /Antagonist (so einfach macht es einem die Autorin nicht) zum Niederknien und sobald er und Joy zusammentreffen, fliegen die Funken. Nach und nach enthüllt er seine verborgenen Seiten, ohne jemals alle Geheimnisse preiszugeben und seine düstere, geheimnisvolle Art zu verlieren.

Bei all meiner Freude an diesem gelungenen Buch gibt es aber doch ein paar Punkte, die ich bekritteln muss. So fiel es mir die ersten fünfzig Seiten über schwer, mich in die Welt von „Dark Canopy“ einzufinden einen Zugang zu Joy zu finden. Außerdem kam mir die ansonsten gelungene locker-freche Schreibe Jennifer Benkaus am Anfang noch etwas verkrampft und nicht immer ganz passend vor, ein paar „Echt jetzt?“ und „Ach nee!“ erschienen mir ungelenk und die Szene im Intro, als Joy vor Panik „vier oder fünf wie abgehackte H klingende Geräusche“ und ein langes, pfeifendes „Hhhüü“ ausstößt, musste ich dreimal lesen, um mir darunter überhaupt etwas vorstellen zu können. Dieser etwas ungelenke Einstieg steht aber konträr zum restlichen Buch, in dem ich den mitreißenden und unkonventionellen Schreibstil sehr mochte.

Ein anderer Punkt, den ich unbedingt ansprechen muss, ist, dass mir streckenweise die Bilder gefehlt haben. Jennifer Benkaus Stärke liegt ganz eindeutig im Beschreiben des Zwischenmenschlichen, des Atmosphärischen. Man kann alles ganz unmittelbar mitfühlen, steckt in der Haut der Protagonisten, liebt und leidet mit jeder Faser mit. Ich hätte mir allerdings auch mehr Beschreibungen von Äußerlichkeiten gewünscht. Die Stadt, in der ein Großteil der Handlung spielt, bleibt relativ blass, sehr sparsam werden nur hier und da  Einzelheiten wie Stuck an einer Fassade, eine Holztür oder ein paar Händler mit ihren Karren beschrieben. Auch das Aussehen der Akteure bleibt größtenteils der Fantasie des Leser überlassen, die Percents kann ich mir nur vage mit ihrer braunen Haut und den katzenhaften Pupillen vorstellen. Hier fehlten mir umfangreichere Schilderungen, um mir alles bildhaft vorzustellen. „Dark Canopy“ ist vor allem ein Buch der Gefühle, man spürt die Handlung viel mehr, als dass man sie vor seinem inneren Auge sieht.

Und zuletzt ist es die Dynamik zwischen Joy und Neél, die nach meinem Geschmack etwas zu schnell ihre Kratzbürstigkeit verliert. Die Liebesgeschichte der beiden ist mitreißend vom Anfang bis zum Ende, aber so richtig feurig war es zwischen ihnen vor allem am Anfang, als sie sich bis aufs Blut miteinander „gekloppt“ haben. Da konnte man die von amoklaufenden Hormonen geschwängerte Luft förmlich schmecken. Es wird auch plausibel erklärt, weshalb Neél sein Verhalten Joy gegenüber bald ändert, aber ich habe seine Entwicklung vom (um es plakativ auszudrücken) Raubein zum Romantiker doch etwas wehmütig verfolgt.

Nichtsdestotrotz hat mir „Dark Canopy“ viele spannende Lesestunden bereitet und der Plot und vor allem Jennifer Benkaus entzückend unangepasster Schreibstil haben mich angenehm überrascht. Der zweite Teil (es soll bei einem Zweiteiler bleiben, noch ein Bruch mit dem aktuell Üblichen, den ich wunderbar finde), steht für 2013 schon ganz oben auf meiner Leseliste.

Fazit: 

„Dark Canopy“ ist eine mitreißende deutsche Dystopie, die mit ihrer Unkonventionalität ihren großen amerikanischen Brüdern kräftig in den A*sch zu treten weiß. Für den zweiten Teil wünsche ich mir noch ein paar bildhaftere Beschreibungen und wieder ein wenig von der deftigen Bissigkeit vom Anfang der Beziehung zwischen Neél und Joy, dann bin ich glücklich. 🙂

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