[Rezension] Ursula Poznanski – Saeculum

Titel: Saeculum

Autor: Ursula Poznanski

Broschiert: 496 Seiten
Verlag: Loewe Verlag
ISBN: 978-3785570289

Erster Satz:

„Bastian hörte das Klirren der Schwerter schon von Weitem.“

Inhalt:

Als Bastian von seiner neuen Freundin Sandra überredet wird, bei einem einmaligen Spektakel der LARP-Gruppe Saeculum mitzumachen, sagt er voller Neugierde zu. Eine Woche lang will die 13 Mann starke Truppe an einem geheimen Ort irgendwo im Wald wie im Mittelalter leben und sich verschiedene Aufgaben stellen.

Doch nicht lange nach ihrer Ankunft verschwindet einer der Teilnehmer spurlos. Seltsame Zeichen und Ereignisse beginnen sich zu häufen und scheinen in einer seltsamen Verbindung mit einer alten Legende zu stehen, die man sich über dieses Waldstück erzählt … Und ehe es sich Bastian und die anderen versehen, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, ein Spiel auf Leben und Tod.

Meine Meinung:

Die Idee hinter „Saeculum“ ist so interessant und erfrischend neu; so viel wäre hier herauszuholen gewesen. Gerade die Leitthemen „Wald“, „Mittelalter-Rollenspiel“ und „alter Fluch“ haben mich auf dieses Buch neugierig gemacht. Leider wurden diese guten Ansätze aber meiner Meinung nach ordentlich an die Wand gefahren, und das auf mehreren Ebenen.

Das fängt schon mit Bastian, der Hauptfigur, an. Er wird als zurückhaltender und etwas unsicherer Medizinstudent beschrieben, von seinem erfolgreichen Vater in eine  Form gezwängt, die nicht seinen eigenen Wünschen entspricht. Von Ines, der zweiten Hauptfigur, wird er zu Anfang gedanklich als „langweiliger Streber“ bezeichnet, ein Klischee, das absolut zutrifft – und das er leider, leider bis zu Ende nicht mehr abstreifen kann. Er bleibt ein blasser Held, dessen Charakter die ganze Zeit über eine Spur zu biegsam, zu willkürlich, zu formelhaft bleibt.

Auch die Sprache konnte mich nicht vollends überzeugen. Abgesehen von einer etwas dürftigen Umschreibung der Gegend und einigen Längen im Text holperten meiner Meinung nach die Dialoge zu sehr. Ich weiß, dass das geschriebene Wort einige Freiheiten zulässt, aber ich nehme Ursula Poznanski einfach nicht ab, dass Jugendliche oder Anfang-Zwanziger so sprechen. Beispiel (als Bastian sich mit seinem Vater streitet): „Ich komme nicht mit, das habe ich bereits gesagt und du hast es gehört. Wenn du meinst, du kannst dich darüber hinwegsetzen, liegst du falsch. […]“ Wenn ich ehrlich bin, bezweifle ich sogar, dass überhaupt irgendjemand so spricht. Viel zu gewählt, zu gestelzt. Eine Schwäche, die sich fortsetzt und die mich immer wieder aus dem Lesetrott herausgerissen hat. Liebe Frau Poznanski, bitte denken sie nochmal über Ihre Dialoge nach! Niemand legt sich all seine Sätze zurecht, bevor er den Mund aufmacht. Manchmal sagt man viel weniger, als man tatsächlich meint. 😉

Leider steht es um dem Plot nicht besser. Der Wald, in dem das Ganze spielt, atmet nicht. Ich hätte mir viel atmosphärischere Beschreibungen gewünscht, etwas, dass dem Ganzen ein ganz besonderes Flair gegeben hätte, genauso ungewöhnlich wie die Idee an sich. Leider blieb das Setting aber relativ blass. Auch das Thema Mittelalter spielt hier eine verschwindend kleine Nebenrolle. Auf knapp 500 Seiten hätte ich mir doch etwas mehr Mittelalter-Feeling gewünscht, doch zu mehr als dem „Aufhänger“ der Story reicht es hier nicht. Tatsächlich hat das eigentliche Geschehen fast gar nichts mit Mittelalter zu tun, einmal abgesehen von der Kleidung. Nicht einmal Zelte haben die Akteure im Wald zur Verfügung, weshalb die Beteiligten von zwei Regengüssen bis auf die Haut durchnässt werden. Gab es im Mittelalter keine Zelte? Konnte das Organisationsteam nicht kurz vor Beginn den Wetterbericht checken? Ganz ehrlich: ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst eingefleischte Mittelalter-Fans spätestens nach dem zweiten Unwetter den Spaß am Spiel verlieren, denn gerade Lederklamotten lassen sich in einem durchweichten Wald ganz schlecht wieder trocknen.

Als nächstes blieben für meinen Geschmack (bis auf Paul und Steinchen) auch alle Nebenfiguren unglaublich schwach gezeichnet. Schnell werden alle Akteure in klassische Rollenbilder wie  „Der Beschützer“, „Die Schöne“, „Der Ängstliche“ oder „Der Mitläufer“ gezwängt. Das unterstütze natürlich meinen Unglauben, als das Camp bereits am zweiten Tag der LARP in Aufruhr, Verzweiflung und beginnende Phantastereien über Übernatürliches stürzt, weil ein Mitglied verschwunden ist und ein paar mystische Zeichen aufgetaucht sind. Stellt man sich das Ganze mal realistisch vor, würde die Mehrheit der Gruppe wahrscheinlich glauben, dass ein oder zwei verschwundene Mitglieder womöglich heimlich losgezogen sind, um die anderen mit Absicht auf die Folter zu spannen und ein wenig Abwechslung ins Mittelalter-Spiel zu bringen. Aber dass gleich alle ausrasten und an einen tausend Jahre alten Fluch zu glauben beginnen, halte ich für ausgemachten Unsinn. Dass diese Gruppe abenteuerlicher Nerds, die extra über die österreichische Grenze fährt, um einen möglichst passenden Ort für ihre Mittelalter-Con zur Verfügung zu haben, gleich nach der Ankunft förmlich den Kopf verliert, überspannt den Bogen doch etwas. Mir kam unwillkürlich der Gedanke: Wie oft haben diese unbedarften Großstädter wohl „Blair Witch Project“ geguckt?

Was natürlich nicht heißt, dass ich keinen Spaß beim Lesen hatte. Ja, für den Umfang des Buches war mir der Hintergrund nicht gut genug ausgestaltet, die Figuren hätten etwas mehr Profil vertragen können und die ein oder andere Unglaubwürdigkeit lässt sich nicht von der Hand weisen, aber alles in allem habe ich das Geschehen doch mit Spannung verfolgt und trotz einer gewissen Ahnung doch bis zum Schluss nicht gewusst, was hinter all den merkwürdigen Vorkommnissen steckt.  Außerdem gibt es ein dickes Plus für die außergewöhnliche Idee und die wirklich gut getroffenen Charaktere Steinchen und Paul, die mir beide sehr gut gefallen haben, trotz  ihrer Unterschiede. Und nicht zuletzt das grandiose Cover mit dem dazu passenden schwarzen Blattschnitt, das „Saeculum“ wirklich zu einem Hingucker macht.

Fazit: Eine großartige Idee wird hier leider nur mittelmäßig umgesetzt. Die Charaktere bleiben zu blass, der Handlung fehlt es (vor allem zu Beginn) an Glaubhaftigkeit und eine Straffung der bombastischen 500 Seiten hätte „Saeculum“ meiner Meinung nach gut getan. Keine Empfehlung meinerseits, für jugendliche Thriller-Leser aber eventuell lesenswert.

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3 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Sat
    Dez 28, 2011 @ 11:34:03

    Ich freu mich trotzdem drauf 😛

    Antwort

  2. keeweekat
    Dez 28, 2011 @ 16:57:56

    Bitte bitte, alles hier Geschriebene ist ja auch rein subjektiv. 🙂

    Antwort

  3. Sat
    Dez 28, 2011 @ 17:59:26

    Habs heut geschenkt bekommen! Aber ich glaube da vergeht noch etwas Zeit bis zum Lesen.. Hab hier soooooooo einen Stapel. Und das ist nur das, was frisch von Weihnachten ist xD

    Antwort

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