[Rezension] Lynn Raven – Der Kuss des Kjer

Titel: Der Kuss des Kjer

Autor: Lynn Raven

Taschenbuch: 608 Seiten
Verlag: cbt (8. Juni 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3570304891

Erster Satz:

„Der Sturm riss heulend an ihrem blutbesudelten Gewand und peitschte ihr Schnee und Hagel entgegen.“

Inhalt:

Die junge Heilerin Lijanas wird von Mordan, dem ersten Heerführer des befeindeten Kjer-Volkes, entführt. Er hat den Auftrag, sie zu seinem König zu bringen, damit sie ihn von seiner schweren Krankheit heilt. Dass in Wirklichkeit ein ausgeklügeltes Komplott hinter diesem Befehl steckt, ahnt er nicht. Als er und Lijanas Gefühle füreinander entdecken, scheint ihr Schicksal besiegelt.

Meine Meinung:

Was hat dieses Buch beim Lesen meine Nerven strapaziert! Und zwar vor allem, weil ich mich innerlich immer wieder aufregen und dann wieder neugierig weiterlesen musste. Die Geschichte ist spannend! Sie enthält jedoch auch den ein oder anderen großen Wehrmutstropfen. Bis zum Schluss war ich mir nicht ganz sicher, ob ich dem „Kuss des Kjer“ drei oder vier Kaffeetassen geben sollte. Aber von vorn:

Lynn Raven weiß auf alle Fälle, ihre Leser(innen) bei der Stange zu halten. Das merkt man vor allem daran, dass die doch recht geradlinig erzählte Handlung auf 600 Seiten ausgewalzt wird. Ja, man liest immer wieder weiter und das Geschehen wird stetig voran getrieben, doch manchmal kann man dem Text seine Längen nicht absprechen, vor allem zu Beginn. Später sind es vor allem die langen Gedankenmonologe von Lijanas und Mordan, die zu ausschweifend sind, sich wiederholen, in Nebensächlichkeiten abdriften. Eine Straffung um 150 Seiten hätten der Geschichte ohne Frage gut getan. Dass an der Überlänge auch in gewisser Hinsicht der Verlag Schuld trägt, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber dazu gleich mehr.

Lynn Ravens Protagonisten sind leicht ins Herz zu schließen, vielleicht auch deshlab, weil sie – es tut mir leid – doch recht einfach gestrickt sind. Da hätten wir zum Ersten Lijanas, eine junge Heilerin (um die siebzehn?), Gefangene von Mordan und Dreh- und Angelpunkt in einer Verschwörung von höherer Stelle. Lijanas‘ wichtigste Attribute sind schnell aufgezählt – sie ist wunderschön, stolz und bewandert in den Heilkünsten. Das ist leider nichts, was man nicht an anderen Stellen in der Fantasyliteratur schon zigfach gelesen hätte. Aber man fiebert trotzdem mit ihr mit und bewundert sie dafür, dass sie trotz zahlreicher Widrigkeiten immer wieder aufsteht und sich nicht unterkriegen lässt. Warum ich trotzdem meine Probleme mit Lijanas hatte? Vielleicht, weil ich absolut nicht nachvollziehen konnte, weshalb jemand ausgerechnet sie entführen sollte. Besondere Kenntnisse als Heilerin? Wird zumindest behauptet, aber mitbekommen tut man davon herzlich wenig. Ganz ehrlich: kalte Wickel und Bandagen anlegen und ab und zu mal ein fiebersenkendes Mittel einflößen könnte ich sicher auch. Was Lijanas dafür aber besonders gut kann, ist, ihrem Entführertrupp den letzten Nerv zu rauben. Ständig brüllt sie herum und sträubt sich auch am fünften Tag noch gegen ihre Handfesseln. Seitenlang muss man sich zusammen mit Mordan ihr „Nein!“, „Ich will nicht!“ und  „Wagt es nicht, mich anzurühren!“ anhören. Schlagfertigkeit sieht anders aus. Später, als die Entführungs-Episode eine Wende nimmt, schreit sie immer dann „Nein!“, wenn Mordan im Kampf in eine ausweglose Situation zu geraten scheint. Ich kam einfach nicht darum herum, sie als etwas beschränkt zu empfinden. Dieser Eindruck wurde vielleicht noch von ihren ellenlangen Gedankengängen unterstützt, die in einfachen und sich immerfort wiederholenden Sätzen bestehen. Immer, wenn sie sich der Einsicht nähert, dass sie etwas für Mordan empfinden könnte, blockt sie sich selbst mit „Nein! Ich bin Ahmeers Braut!“ aus. So geht das über hunderte von Seiten, weiter denkt sie nie. Höchst unglaubwürdig.

Kommen wir noch schnell zu Mordan. Ich mochte ihn, obwohl der Name schon reichlich abgenudelt klingt, soll er uns doch das „martialische“ seines Charakters quasi mit der Holzhammermethode einhämmern. (Ein anderer Name, über den ich übrigens jedes Mal gestolpert bin, ist Ladakh. Bitte, man kann doch eine Person in einer High-Fantasy-Geschichte nicht nach einer Region im Kashmir benennen. Genausowenig geeignet wie Bochum oder Sachsen.) Und anstatt Vertrauen in ihre Leser zu setzen und sie selbst entdecken zu lassen, was für ein abgründiger und zerrissener Charakter Mordan ist, wird er von Lijanas gedanklich auch noch ständig  „schwarzer Krieger“ oder „dunkler Krieger“ genannt. Sicher, der Typ hat schwarze Haare und guckt drein, als hätte ihm jemand den Nachtisch weggenommen, aber nach fünfhundert Seiten konnte ich kein „dunkler Krieger“ mehr lesen. 😉 Nein, ich mag Mordan, er ist ein spannender Mensch, äh, Kjer und um einiges facettenreicher als die weibliche Heldin. Daher soll es mit dem Gemecker an dieser Stelle genug sein.

Vom Plot her gibt es nicht sonderlich viel zu ezählen – vielleicht, weil man das Meiste so oder in ähnlicher Form schon einmal gelesen hat. Lynn Raven erfindet das Rad hier gewiss nicht neu. Man ahnt von Anfang an, wie es ausgeht, auch, wenn die ein oder andere Idee ganz nett verpackt daher kommt. Was mich etwas nervte, war das ewige Umeinanderschleichen von Lijanas und Mordan. Der Konflikt lässt sich mit „Nein, er ist ein Kjer und außerdem bin ich verlobt!“ und mit „Nein, sie gehört zum Feind und außerdem habe ich meine Befehle zu befolgen!“ gut zusammenfassen. Hinzu komm das Mantra-gleich wiederholte Handlungselement, dass einer von beiden schwer verletzt wird und der jeweils andere vor Sorge fast umkommt, bis auch dieses Drama überstanden ist. Zugegeben, diese Episoden lesen sich immer wieder spannend, aber irgendwann ist es auch genug mit dem Um-sein/ihr-Leben-Bangen. 😉

Was ich nun aber noch zu bemängeln habe, ist, ich muss es einfach sagen, Lynn Ravens Schreibstil. Sie kann schreiben, keine Frage, und die Fabulierlust merkt man ihr auch an, aber meiner Meinung nach hätte hier wirklich mehr drin sein können. So neigt sie vor allem zu Wiederholungen und manchmal auch seltsamen Formulierungen. Ich versuche mal, mich etwas präziser zu erklären: Mehrmals zum Beispiel „verhält“ jemand sein Pferd (huh?) und immer wieder ist von „fahlen“ Schweißtropfen die Rede. (Wenn schon ein Adjektiv davor muss, dann doch bitte eines, dass Sinn ergibt!) Beinahe schmunzeln musste ich, als auf einer einzigen Seite Wortsalate wie „krankfahler Dunst“, „mattweißer Schatten“ und „flüssiges Gleißen“ auftauchen. Ein anderer Satz lautet: „Ihre Hände wurden klamm und feucht, Schweiß sickerte kalt ihren Nacken hinab und rann wie Eis über ihren Rücken.“ Autsch! Klamm und feucht ist doppelt-gemoppelt, sickern finde ich in Bezug auf Schweiß sehr unglücklich gewählt – und kann Eis wirklich rinnen? Das klingt nur auf den ersten Blick poetisch und ist weit entfernt von – beispielsweise – den geschliffenen Formulierungen Jenny-Mai Nuyens.

Bei all dem muss ich Lynn Raven aber auch zugestehen, dass sie trotz merkwürdiger Wortakrobatik und nerviger Wiederholungen äußerst flüssig und eingängig schreibt und es wirklich Spaß macht, die Geschichte zu verfolgen. Einen Großteil meiner Kritik laste ich auch dem Lektorat an, das, meiner Meinung nach, hier wirklich schludrig gearbeitet hat. Autoren stecken oftmals zu sehr in der Materie und und hängen zu sehr an ihrer Geschichte, als dass sie ohne Hilfe zu rabiaten Kürzungen fähig wären. Das ist Aufgabe des Lektors und ich finde, hier hätte wirklich deutlich gekürzt – und über unglückliche Formulierungen hinweggeholfen – werden müssen. Das Bild der schludrigen Arbeit rundet sich durch zahlreiche Ausdrucks- und Rechtschreibfehler ab, die einfach übersehen wurden (und ich besitze die 2. Auflage …).

Fazit: Ambitionierte, jedoch reichlich unausgereifte High Fantasy Geschichte, der man anmerkt, dass es sich um das Debut der Autorin handelt. Von Verlagsseite wurde das Buch offenbar recht stiefmütterlich behandelt und hätte unter einem liebevolleren Lektorat mit Sicherheit an Qualität gewonnen. Die spannende Liebesgeschichte weiß jedoch mitzureißen und lässt einen das Buch am Ende mit einem befriedigten Gefühl zuschlagen.

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