[Rezension] Rohinton Mistry – So eine lange Reise

Titel: So eine lange Reise

Autor: Rohinton Mistry

Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag  (18. Oktober 2010)
ISBN: 978-3596140060

Erster Satz:

„Kaum dass der Himmel im ersten Morgenlicht erstrahlte, wandte sich Gustad Noble nach Osten, um Ahura Mazda seine Gebete darzubringen.“

Inhalt:

Erzählt wird die Geschichte von Gustad Noble und seiner Familie, die am Stadtrand Bombays im sogenannten „Khodadad-Gebäude“ lebt. Gustad führt ein weitgehend einfaches Leben als Angstellter bei der Bank, doch als sich sein Sohn von ihm abwendet, weil er nicht die angesehene Universität besuchen will, für die er sich qualifiziert hat, sondern lieber Kunst studieren will, und sich sein lang vermisster Freund bei ihm meldet, der inzwischen für den indischen Geheimdienst arbeitet, stellt sich seine Welt vollkommen auf den Kopf.

Meine Meinung:

Mistry verwebt die alltäglichen Konflikte der Bewohner des Khodadad-Gebäudes mit der eindringlichen Atmosphäre Bombays in den Siebzigerjahren vor der Hintergrund des Indisch-Pakistanischen Krieges. Mitreißend sind da vor allem die Schicksale der hervorrangend portraitierten Bewohner des Khodadad-Gebäudes, in dem die Familie Noble wohnt – sei es die in die Jahre gekommene und Magie-kundige Miss Kutpitia, die, seit sie ihren Mann und ihren Sohn verloren hat, nicht mehr ihre Wohnung verlassen hat oder der durch einen Sturz vom Baum geistig behinderte Themul, der über den Hof des Gebäudes wacht und Ratten fängt, um mit den paar Paisas, die er von der Stadtverwaltung dafür bekommt, zum „Haus der Käfige“ zu gehen, zu den Frauen, von denen er sich endlich Zuwendung erhofft …
Oder aber der einsame Pflastermaler, der von Gustad engagiert wird, um die als Freilufttoilette missbrauchte Hausmauer am Gebäude durch seine Götter-Gemälde in eine öffentliche Gebetsstätte zu verwandeln …
Gerade die Beschreibungen dieser einzelnen Schicksale, die aber gleichzeitig ein ganzes großes soziales und zeitgeschichtliches Bild der indischen Stadtbevölkerung entwirft, machen „So eine lange Reise“ zu eindrücklich und plastisch.

Abzüge muss ich machen, da man obgleich der interessanten Handlung etwas Geduld beim Lesen aufbringen muss, da sich alles sehr gemächlich entwickelt und die Geschichte ganz ohne vordergründige „Action“ auskommt.
Ärgerlich ist lediglich, dass es keinen Anhang oder ein Glossar gibt, in dem die unzähligen indischen Begriffe in der Geschichte übersetzt werden oder eine kurze Erläuterung zu besonderen indischen Ritualen und geschichtlichen Ereignissen – denn ganz ohne Vorwissen fällt es schwer, den politischen Entwicklungen im Buch zu folgen, ohne den Überblick zu verlieren.

Fazit:

Wer etwas Geduld aufbringt, gern über realistische Personen und ihre Schicksale liest und das Bombay der Siebziger vor seinem inneren Augen auferstehen lassen will – zugreifen, lesen!

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