[Rezension] Suzanne Collins – Flammender Zorn

Titel: Flammender Zorn (Die Tribute von Panem 03)

Autor:  Suzanne Collins

Gebundene Ausgabe: 430 Seiten
Verlag: Oetinger
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3789132209

Erster Satz:

„Ich stehe da und schaue zu, wie sich eine dünne Ascheschicht auf meine abgetragenen Lederschuhe legt.“

Inhalt:

Auch die Zweite Runde der Hungerspiele hat Katniss überlebt, doch nun findet sie sich als Instrument der Rebellenanführer wieder und muss als „Spotttölpel“ das Symbol für die Revolution spielen. Der Krieg gegen das Kapitol und Präsident Snow hat begonnen – doch alles, woran Katniss denken kann, ist Peeta, der sich in der Gewalt der Gegner befindet.

Meine Meinung:

Beim Lesen von „Flammender Zorn“ hat mich vor allem eine Frage beschäftigt: was war mit Suzanne Collins los, als sie dieses Buch schrieb? Hat die Muse sie verlassen? Musste sie unter zu hohem Zeitdruck arbeiten, weil der Abgabetermin ins Haus stand? Oder hatte sie schlichtweg keine Lust mehr auf ihre eigene Geschichte?

Was auch immer der Grund für diesen lieblos heruntergeschriebenen Abschlussband sein mag, ich bedaure sehr, dass er nicht im Geringsten an die beiden Vorgänger heranreicht. Die gesamte erste  Hälfte des Buches liest sich, als hätte Collins sie im Halbschlaf verfasst. Die Handlung will und will einfach nicht von der Stelle kommen, Atmosphäre baut sich nicht auf und es werden auf jeder Seite neue Figuren ins Geschehen geworfen, die außer einem Namen keine weiteren Erkennungsmerkmale erhalten und  deshalb während ihrer späteren Auftritte vor allem eins tun: verwirren.

Während ich durch die ersten beiden Bände nur so geflogen bin, fehlt hier von Spannung jede Spur und man fragt sich spätestens auf Seite 150, wann denn endlich mal was passiert. Kein Wunder, dass ich Wochen für die erste Hälfte gebraucht habe. Schwächen, die es bereits in Band 1 und 2  gab, von der Spannung und der geardezu cineastischen Wucht der Bilder allerings überlagert wurde, brechen der lauen  Geschichte hier das Genick: Collins‘ Charaktere sind einfach wahnsinnig holzschnittartig. Alle, die hier neu dazukommen, sind dermaßen uninspiriert gezeichnet, dass mich ihr Schicksal herzlich wenig juckte. Die Protagonisten, die die Gemetzel der ersten Bücher überlebt haben, bleiben auch in „Flammender Zorn“ die facettenreichsten. Und das meine ich nicht als Kompliment, denn auch vorher schon fand ich die handelden Personen recht grob umrissen. Gale, Haymitch und Peeta sind im Großen und Ganzen so geblieben, wie wir sie in Erinnerung haben, wobei letzterer einen der interessanten Parts durchzustehen hat und zum Ende hin als einziger an Profil gewinnt. Und Katniss, die durch ihre rebellische und draufgängerische Natur eine gute Hauptfigur in den beiden Hungerspielen abgab, verflacht hier zu einer Art zappelnder Marionette, die man als Leser nur mit gewissem Abstand und mehr oder weniger unbeteiligt beobachtet. In einer Schlüsselszene erkennt sie zwar selbst erstaunt, wie berechnend und gefühlskalt der Krieg und die Hungerspiele sie gemacht haben,  zieht daraus aber offenbar keine Konsequenz und wurde mir gegen meinen Willen als Heldin immer unsympatischer. Da half es auch nicht, dass die zweite Hälfte des Buches zwar deutlich an Tempo gewinnt, nun jedoch zu einer Art dystopischen Computerspiel mit haarstreubenden Fallen und „Zehn kleine Negerlein“-Effekt mutiert. Die dröge Handlung vom Anfang wird plötzlich von einem bunten Potpurri skurrilster Einfälle abgelöst, die meistens fehl am Platze und irgendwie unlogisch wirken. In meinen Augen ein leider überambitionierter Versuch, an die Vorgängerbände anzuknüpfen. Gerade hier fiel mir auf, wie viel mehr ich mir von der Autorin gewünscht hätte. Ausführlichere Beschreibungen. Tiefere Einbilcke in das Innenleben der Protagonisten, allen voran Marionetten-Katniss. Dialoge, die nicht abgehackt wirken.

Aus dieser Kritik spricht natürlich in erster Linie meine große Enttäuschung über dieses schwache Finale. Nichtsdestotrotz habe ich das Buch aber bis zum Ende gelesen und nachdem die wirklich schleppende erste Hälfte überwunden war, vermochte mich die Geschichte die letzten 200 Seiten zu unterhalten und bei der Stange zu halten, trotz ihrer Ungereimtheiten und der himmelschreiend stumpfen Charaktere. Die Handlungsfäden werden zu einem zufriedenstellenden Ende zusammengeführt und immerhin das Finale weiß durch einen unerwarteten Zwist und jene atemlose Spannung zu überzeugen, die die Panem-Reihe zu so großem Erfolg gemacht haben. Katniss gewinnt im letzten Fünftel wieder ein wenig an Profil und ein paar meiner Sympathiepunkte zurück. Und nicht zuletzt findet die zentrale Frage „Peeta oder Gale?“ einen rührenden – und nachvollziehbaren – Abschluss.

Fazit: Da Teil 3 der „Panem“-Installation auf die spannungsgeladenen Hungerspiele der ersten beiden Teile verzichten muss, fallen ihm hier die Schwächen, die schon in den Vorgängern mitschwangen, auf die Füße: die Protagonisten sind zu grob gezeichnet, Nebenfiguren reduzieren sich hin und wieder auf Geschlecht und Namen und sind nicht selten Auslöser streckenweiser Verwirrung. Auch die Handlungsorte glänzen vor allem von Beschreibungsarmut. Positiv: viele neue Ideen erschienen mir aufgesetzt und schlecht inszeniert, die ein oder andere zündete aber doch. Die Schrecken des Krieges nehmen immerhin zum Ende hin blutige und verachtenswerte Ausmaße an, genau so, wie es sein muss. Und mit den letzten Kapiteln von „Flammender Zorn“ erhält die Trilogie einen gebührenden Abschluss, der den Leser das Buch nachdenklich und leise zuklappen und zufrieden aufatmen lässt.

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