[Rezension] Suzanne Collins – Tödliche Spiele

Titel:  Tödliche Spiele (Die Tribute von Panem 01)

Autor: Suzanne Collins

Gebundene Ausgabe: 414 Seiten
Verlag: Oetinger
ISBN: 978-3789132186

Erster Satz:

„Als ich aufwache, ist die andere Seite des Bettes kalt.“

Inhalt:

In einem dystopischen Nordamerika leben die letzten überlebenden Menschen in „Distrikten“, die vom übermächtigen Kapitol kontrolliert werden. Jedes Jahr verstaltet es die sogenannten „Hungerspiele“, bei denen je ein Junge und ein Mädchen aus jedem der 12 Distrikte in einer riesigen Arena gegeneinander antreten müssen. Nur einer von ihnen kann dieses grausame Spiel, das im Fernsehen übertragen wird, gewinnen und somit mit dem Leben davon kommen – denn es geht um Sterben oder Sterben lassen.

Als die erst neunjährige Prim aus Distrikt 12 für das Spiel ausgelost wird, geht ihre Schwester Katniss für sie in die Arena, um sie zu retten. Dort warten nicht nur die 23 anderen Gegenspieler auf sie – sondern auch Peeta aus ihrem eigenen Distrikt, den sie aus ihrer Kindheit kennt.

Meine Meinung:


Vorweg: „Tödliche Spiele“ liest sich weg wie ein Ein-Akter und ist ein absoluter Pageturner. Trotzdem habe ich hier und da ein wenig zu beanstanden, weshalb der Roman in meinen Augen an den 5 Kaffeetassen vorbeischrammt.

Einen riesigen Pluspunkt bekommt der erste Teil der „Tribute von Panem“-Trilogie allein schon für die außergewöhnliche Idee. Sicher, Suzanne Collins erfindet mit ihrem post-apocalyptischen Endzeitszenario im ehemaligen Nordamerika das Rad nicht wirklich neu. Innerhalb der Jugendliteratur finden sich jedoch (nachdem sich die anspruchsvolle Fantasy immer mehr etabliert) gute Science Fiction Romane aber leider immer noch selten. Obwohl ein Jugendbuch, setzt sich Collins‘ Roman ungeschönt mit den Folgen des globalen Krieges in der Zukunft auseinander und hat Mut, Brutalität und Grausamkeit dabei nicht aus dem Weg zu gehen.
Vor allem die Idee zu den „Hungerspielen“ finde ich faszinierend und großartig. Mit der Thematik, sich bis aufs Blut bekämpfender Jugendlicher in Form eines „Spiels“, wagt sich die Autorin auf einen ziemlich wackligen Pfad, trifft dabei jedoch voll ins Schwarze: die jugendlichen Leser, aufgewachsen mit dem Fernsehen und Berichterstattungen aus aller Welt, wissen sehr genau, was in Krisengebieten passiert und wozu Menschen in der Lage sind. Die manipulierte und endblößende Welt der Reality-Shows, in der sich die Tribute im Roman wiederfinden, kennt jeder aus dem Fernsehen. So gesehen sind die „Hungerspiele“ gar nicht allzu utopisch.
Hinzu kommt – last but not least – die unheimliche Spannung, die sich durch alle 414 Seiten zieht. Es ist einfach unmöglich, das Buch länger als für ein paar Stunden aus der Hand zu legen. Zu sehr bangt man mit Katniss und den anderen Hauptfiguren, bis alle Fäden beim großen Showdown zusammengeführt werden.

Nun zu meinen zu bekritelnden Punkten. Zunächst einmal wären da die Charakterzeichnungen. Katniss, aus deren Perspektive wir die Geschichte lesen, bleibt die ganze Zeit über verbissen und berechnend. Sicher, sie hat ein äußerst schweres Los gezogen, muss sie doch ihre in völliger Armut lebende Familie ernähren und schließlich bei den Hungerspielen ums Überleben kämpfen. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass ihre Gefühlswelt etwas eindimensional geschildert wird. Ihre Sorgen um ihre Mutter und ihre Schwester Prim scheint sie immer wieder auszuschalten und in ruhigeren Momenten sind sie plötzlich wieder da, ebenso wie ihre Gefühle zu Peeta und Gale, die sie nur selten an sich heran lässt. Vor allem, wenn es um das Töten in der Arena geht, bleibt sie relativ kalt und agiert zum Teil bloß wie Figur in dem tödlichen Spiel. Hier wäre entschieden mehr Potential da gewesen (innere Zerrissenheit, Selbstzweifel, etc.) Auch die Nebenfiguren hätten mehr Tiefe verdient, allen voran Peeta, Katniss‘ Verbündeter.
Zum zweiten hatte ich den Eindruck, dass Collins‘ Beschreibungen oftmals nur an der Oberfläche kratzen. Wie sieht Distrikt 12 aus, wo Katniss lebt? Sind die Häuser heruntergekommen oder vom Krieg zerstört, sind die Straßen sauber oder voller Müll? Darüber erfährt man nichts. Auch, wie der Ort des Kampfes, also die Arena der Hungerspiele, aussieht, bleibt im Halbdunkel. Im Wald wachsen Bäume, ja klar, aber mehr Nadel- oder Laubbäume? Ist der Boden kalkig oder moosbedeckt? Wie riecht es hier? Harzig, würzig? Wie sieht die Landschaft im Allgemeinen aus? Hier beschränkt sich die Autorin nur auf das Notwendige, um die Szenen zu beschreiben, büßt aber mächtig Potential ein, um eine unverwechselbare Atmosphäre zu schaffen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist ebend die Jagd und Sammelei, mit der sich Katniss durch die Wildnis außerhalb ihres heimatlichen Distrikts und im Wald in der Arena schlägt. Man merkt, dass Collins kein fundiertes Wissen über essbare Pflanzen besitzt, denn ihre Beschreibungen beschränken sich auf Oberflächlichkeiten. Ich weiß, sie ist ja auch Autorin und keine Pflanzenexpertin, aber ihre Protagonistin Katniss soll bewandert auf diesem Gebiet sein und man nimmt es ihr einfach nicht ab. Ebenso ihre Künste als Bogenschützin: ich bin mir sicher, selbst ein Sportschütze bringt die Kunststücke, die Katniss mit Pfeil und Bogen drauf hat, nicht zustande. Und wenn ich mir die Jagdausbeute von diversen Naturvölkern, die noch immer mit dem Bogen unterwegs sind, ansehe, dann bezweifle ich ernsthaft, dass es möglich ist, drei wilde Truthähne hintereinander zu schießen, ehe sich der Schwarm mal überlegt, vielleicht wegzufliegen. Also auch in dieser Hinsicht nicht immer schlüssig und glaubhaft. 😉
Nun aber schnell mein letzter – aber leider größter Kritikpunkt: „Tödliche Spiele“ birgt im Ansatz das großartige Potential für eine gesellschaftskritische Auseinandersetzung – mit Sensationslüsternheit, mit der Schere zwischen Arm und Reich, mit Unterdrückung, Kontrollte und Diktatur. Suzanne Collins aber verschenkt hier ihre Möglichkeiten und lässt „Tödliche Spiele“ zu einem zwar brutalen, aber moralisch unkritischen Aktiondrama verflachen. Vielleicht will sie auch gar nicht groß kriteln, sondern nur eine spannende Geschichte erzählen, aber ich finde, dass mit dieser Thematik eine gewisse Auseinandersetzung mit oben genannten Aspekten – Kameraüberwachunge, Diktatur – unabdingbar ist.

Fazit: „Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele“ zeichnet sich vor allem durch seinen rasanten Erzählstil, die ungewöhnliche und unverbrauchte Idee, den Mut der Autorin zu diesem Thema und die atemlose Spannung aus. Einen Punkt ziehe ich für die verschenkten Möglichkeiten, was eine ausgefeiltere Beschreibung der Charaktere und des Settings angeht und die kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Problemen, die sich aus dem Plot ergeben, ab.
Nichtsdestotrotz war mein Lesespaß ungetrübt. Empfehlenswert!

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