[Rezension] Krystyna Kuhn – Das Tal 1.1 Das Spiel

Titel: Das Spiel (Das Tal Season 1)

Autor: Krystyna Kuhn

Broschiert: 264 Seiten
Verlag: Arena
ISBN-13: 978-3401064727

Erster Satz:

„In einer Höhe von knapp zweitausend Metern wurde Julia vom Quietschen der Bremsen aus dem Halbschlaf gerissen.“

Inhalt:

Die Geschwister Robert und Julia treffen kurz nach Beginn des neuen Schuljahres im Grace College ein, ein College für Hochbegabte, das versteckt hoch oben in einem Tal in den Rocky Mountains liegt. Ihre Mitschüler ahnen, dass beide ein Geheimnis mit sich herumtragen, wissen aber nichts von ihrer gefälschten Identität und ihrer düsteren Vergangenheit. Dann geschieht ein Unfall – und bald darauf stellt sich heraus, dass es sich um Mord handeln muss. Und was hat es mit den unerklärlichen Geschehnissen im Tal auf sich? Julia versucht, den Dingen auf den Grund zu kommen und begiebt sich dabei selbst in Lebensgefahr …

Meine Meinung:

Krystyna Kuhn war mir schon zuvor ein Begriff, gelesen hatte ich allerdings noch nichts von ihr, da Thriller eigentlich gar nicht mein Genre sind. Ihre neue Mystery-Serie hat mich allerdings neugierig gemacht, vor allem, weil ich in einem Interview las, dass sie durch TV-Serien wie „Lost“ auf die Idee gekommen sei.
Ich habe „Das Spiel“ gerne und relativ zügig gelesen, und doch sind mir einige Kritikpunkte aufgefallen, die ich hier nicht außen vor lassen kann.

Zunächst einmal kam ich nicht umhin zu bemerken, dass sich die Geschichte anfangs ziemlich langsam entwickelte. Wirklich Fahrt nahm sie erst zur Mitte hin auf. Ich weiß ja selbst, dass manche Romane erst mal Zeit zur Einführung ihrer Figuren brauchen, aber wirklich genutzt hat die Autorin die ersten 150 Seiten dafür nicht.
Fast alle Charaktere bleiben leider ziemlich blass. Die Nebenfiguren beschränken sich auf die drei weiblichen und die drei männlichen Mitbewohner von Julia und Robert, ansonsten kommen eigentlich nur noch die beiden Senior-Studenten aus demselben Wohnflur vor. Allen wird gleich zu Anfang eine Art Charakterstempel aufgedrückt – da hätten wir die Besonnene und Nachdenkliche, den Computernerd mit der Filmkamera, die Verschlossene, das Mathematikgenie, die nervige Zicke, den coolen Sprücheklopfer, den Emo und den Sunnyboy. Dass man da ein etwas grob zusammengeschustertes Muster zu erkennen glaubt, ist wohl nicht verwunderlich.

Selbst Julia, aus deren Perspektive wir die Geschichte erleben, bleibt dem Leser leider sehr distanziert. Man erfährt bis kurz vorm Schluss nicht, was nun der Grund für ihre falsche Identität ist. Da man zwischendurch nicht mal mit kleinen Hinweisen gefüttert wird, fängt das Ganze irgendwann unweigerlich an zu nerven. Nachdem Julia zum zehnten Mal aufgrund ihrer nebulösen Vergangenheit einen inneren Konflikt mit sich austrägt, glaubt man langsam kapiert zu haben, dass sie … eine nebulöse Vergangenheit hat. Man kommt aber leider nicht viel zum Rätselraten, weil einem die Autorin einfach keinen Anhaltspunkt gibt.

Zum Zweiten wäre da der kriminalistische bzw. mysteriöse Plot in der Geschichte. Als das erste Mal unerklärliche Ereignisse am Lake Mirror geschehen, passiert das alles so unglaubwürdig spektakulär, dass ich die Sache einfach nicht ernst nehmen konnte. Mehrmals musste ich die Handlungen einzelner Protagonisten hinterfragen, weil mir manchens einfach unglaubwürdig erschien. Zum Ende hin wird es zwar richtig spannend, als Julia kurz davor ist, den Mord aufzuklären, dabei bedient sich die Autorin aber – als versierte Krimiautorin! – einmal zu oft des deus ex machina. Die ganze Krimihandlung in der Geschichte ist einfach nicht gut genug konstruiert, immer mal wieder kommt Julia der Lösung durch (haarsträubende) Zufälle naher. Zumindest das fand ich doch recht ärgerlich.

Zum Dritten: Das „Grace“ ist angeblich ein College für Hochbegabte. Es ist daher wirklich unverstänlich, warum die Autorin ÜBERHAUPT NICHT weiter darauf eingeht. Ich glaube, jeder Leser ist gespannt zu erfahren, was für Leute wohl ein College für Hochbegabte besuchen, in welchen Gebieten diese sich wohl hervor tun und wie das „Grace“ diese Talente fördert.
Aber nein. Niente. Alles, was wir erfahren, ist, dass Robert eine seltsame Affinität zu Zahlhen und Gleichungen hat und Julia gut tauchen kann. Ach ja, und dann gibt es eine gute Hackerin an der Schule. Aber sonst? Keine Spur. Außerdem kommen einem sämtliche handelnde Personen völlig normal vor. Das Wort „Lernen“ fällt im Buch nicht einmal. Überhaupt machen die Schüler augenscheinlich nichts anderes, als sich die Gegend im Tal anzugucken, eine Party zu besuchen und einen Film zu gucken. Dass das alles in einer SCHULE spielt, nimmt man nur am Rande wahr. Lehrer kamen (zumindest bist jetzt) nicht vor, bis auf den Philosophie-Lehrer, dessen Stunde einmal vorkommt, aber auch nur deshalb, weil sie die Krimihandlung etwas vorantreibt.
Das bleibt mir einfach unverständlich. Wieso? Warum nutzt die Autorin nicht die vielen Möglichkeiten, die sich hier ergeben? Ich hoffe hier auf mehr in den weiteren Bänden.
Und zum Vierten: Sie Sprache. Ich glaube, mich zu erinnern, dass in jenem Interview mit der Autorin auch erwähnt wurde, dass sie aufgrund der schnellen Erscheinungsfolge der einzelnen Bände nur ca. zwei Monate Zeit zum Schreiben pro Buch hätte (eine große Leistung, nebenbei bemerkt). Nichtsdestrotrotz glaube ich aber gerade deswegen einige stilistische Schwächen entdeckt zu haben. Ein paar landschaftliche Beschreibungen hapern ein bisschen, eine Rezensentin erwähnte an anderer Stelle  schon das sogenannte „Vampirrot“, das an einer Stelle gleich mehrmals auftaucht. Was bitte ist „Vampirrot“?^^

Was mich aber weit mehr gestört hat, ist, dass sich die Jugendlichen nicht wie Jugendliche unterhalten. Jedenfalls nicht sehr glaubhaft. Wenn jemand cool reden soll, verwendet er engliche Wörter, was vielleicht hinnehmbar wäre, würde das Ganze in einem nicht englischsprachigen Land spielen. Da wir aber in Canada sind und das Buch auf Deutsch ist, kommt das etwas Lächerlich rüber. Hat sich die Autorin überhaupt mal mit der heutigen Jugendsprache, bzw. mit den Interessen der heutigen Jugendlichen auseinandergesetzt? An einer Stelle kam ich da sehr ins Zweifeln, nämlich, als Chris sagt: „Manchmal fühle ich mich echt wie in einem Bruce Willis Film.“ Und Rose (18, amerikanischer Teenie, nicht auf den Kopf gefallen) antwortet: „Wer ist Bruce Willis?“ Und Chris: „Ach, vergiss es.“
Worauf ich mich als Leser natürlich frage: welcher Teenager, wenn er nicht gerade aus der äußeren Mongolei kommt, kennt nicht Bruce Willis?

Trotz dieser ausführlichen und nicht gerade minimalistischen Kritik gebe ich dem Buch aber trotzdem ganz knappe dreieinhalb Sterne, und zwar, weil ich das Buch trotzdem mit Spaß gelesen und nicht all zu lange dafür gebraucht habe. Weil ich die Idee gut finde und gespannt bin auf weitere Geheimnisse aus dem Tal. Was steckt wohl hinter all dem? Und hat wirklich jeder, der hierher gekommen ist, eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen? Hoffentlich erährt man all das innerhalb „Season 1“.
Weiter geht es mit Die Katastrophe, die ich bereits mit Spannung zu lesen begonnen habe.

Fazit: Für mich in der Idee zwar interessant, in der Umsetzung allerdings nicht ganz überzeugend. Die vielen Kritikpunkte lassen sich in meinen Augen nicht übersehen und drücken dementsprechend die Anzahl der Sterne. „Das Tal“ ist kein Muss, aber wer Spannung gepaart mit Mystery sucht, wird sie in diesem Buch bestimmt finden.

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