[Rezension] Alice Hoffman – The museum of extraordinary things

Hoffman, The museum of extraordinary thingsTitel: The museum of extraordinary things

Autor: Alice Hoffman

Gebunden: 384 Seiten

Verlag: Scribner (18. Februar 2014)

Sprache: English

ISBN: 978-1451693560

Erster Satz:

„You would think it would be impossible to find anything new in the world, creatures no man has ever seen before, one-of-a-kind oddities in which nature has taken a backseat to the coursing pulse of the fantastical and the marvelous.“

Inhalt:

Coney Island, 1911: Die achtzehnjährige Coralie ist abgeschottet von der Außenwelt aufgewachsen, die Begleiter ihrer Kindheit sind die Menschen, die als „lebende Wunder“ und „Monstrositäten“ im Museum ihres Vaters arbeiten, dem „Museum of Extraordinary Things“. Auch Coralie ist anders als die meisten Menschen, denn sie ist mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern auf die Welt gekommen, die sie stets unter ihren Handschuhen verbergen muss. Außer für ihre Auftritte im Wassertank des Museums, in dem ihr Vaters sie dem staunenden Publikum als „menschliche Meerjungfrau“ präsentiert. Jede Nacht schwimmt Coralie stundenlang im eiskalten Hudson River, um die Kapazität ihrer Lungen zu trainieren. Und träumt heimlich von einem freien, normalen Leben.

Nicht weit entfernt wächst der jüdische Junge Eddie auf, der gemeinsam mit seinem Vater aus der Ukraine fliehen musste und wie viele andere Einwanderer unter erbärmlichsten Verhältnissen in einer Nähfabrik schuftet. Das Schicksal führt ihn schließlich zu einem meisterhaften Fotografen, der ihn aufgrund seiner Hartnäckigkeit unter die Fittiche nimmt und in seiner Kunst ausbildet. Durch die Linse seiner Kamera beginnt Eddie, die Welt anders wahrzunehmen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Schicksal Coralie und Eddie zusammenführt.

Meine Meinung:

„The museum of extraordinary things“ ist ein buntes Potpourri verschiedenster Charaktere und Handlungsstränge; es ist gleichzeitig eine historische Geschichte, die wahre Begebenheiten in New York miteinander verbindet (der Untergang der Vergnügungsparks, das Leben jüdischer Einwanderer, die miserablen Arbeitsbedingungen in den Fabriken und nicht zuletzt das verheerende Feuer in der Shirtwaist Factory) und eine Mystery- und zarte Liebesgeschichte.

Hoffman zeichnet dabei vor allem sämtliche Haupt- und Nebenfiguren sehr genau und vielschichtig. Selbst die Stadt New York scheint ein lebendiger, atmender Protagonist ihrer Geschichte zu sein, wenn nicht sogar die dritte Erzählstimme neben Eddie und Coralie. Das Flair der damaligen Zeit ist wunderbar eingefangen und die historischen Hintergründe gut recherchiert und spannend in die Handlung verwoben.

Für mich war „The museum of extraordinary things“ eine lohnende Lektüre, auch, wenn ich mir noch ein wenig mehr von dem Roman gewünscht hätte. Der Leser weißt von Anfang an, dass Coralie und Eddie einander treffen werden, tatsächlich findet die erste Begegnung der beiden aber relativ spät in der Handlung statt, nur um die Wege der beiden für lange Zeit erneut zu trennen.

Liebe ist das große Wort, das über Hoffmans Geschichte schwebt, man bangt mit den jungen Leuten, ob sie die Wahrheit hinter diesem universellen Begriff finden werden, aber die Handlung will sich nie so recht darauf fokussieren und Hoffman gelingt es auch nie ganz, sie richtig einzufangen. Ebenso lässt sie die sorgsam gesponnenen Fäden des Mystery-Plots zwischendurch immer viel zu lange ruhen, sodass eine echte Spannung in dieser Hinsicht nie recht aufkommen will.

Was bleibt, ist ein vollkommen gelungener historischer Roman, der sich aber bemüht, mehr zu sein und dabei auf der geschickt erdachten zweiten und dritten Ebene nie sein volles Potential entfalten kann.

Fazit:

Ein genreübergreifender, in erster Linie aber doch historischer Roman, der in Sachen Liebes- und Mystery-Geschichte ein Paar Wünsche offenlässt.

4_Kaffeetassen

[Rezension] Flavio Steimann – Bajass

Steimann, BajassTitel: Bajass

Autor: Flavio Steimann

Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
Verlag:
 Edition Nautilus (August 2014)
ISBN:
 978-3894017972

Erster Satz:

Es war noch vor Tag, als Gauch die steilen Kehren des Karrwegs von der Station Maria Zell hinauf zum Gand unter die Füße nahm.“

Inhalt:

Eine kleine Stadt in der Schweiz, um 1900. Albin Gauch ist Ermittler bei der Polizei in einer kleinen Landgemeinde und kurz vor dem Ruhestand. Er ist ein Einzelgänger, der sich zusehends seiner körperlichen Gebrechen bewusst wird.

Als die Gandbauern, ein altes Ehepaar, von einem Beil erschlagen auf ihrem Hof aufgefunden werden, zieht man Gauch zur Lösung des Falls heran. Auf der Suche nach Hinweisen findet dieser einen Knopf aus Horn, einen Schuhabdruck im Schlamm, den er mithilfe von Gips kopiert und ein einzelnes Foto, auf dem dessen Rückseite das Wort „Bajass“ steht.

Mit diesen wenigen  Beweisstücken in der Tasche heftet sich Gauch an die Fersen des Mörders. Seine Suche führt ihn aus seinem Heimatort hinaus und bis auf ein Auswandererschiff mit Kurs auf Amerika.

Meine Meinung:

„Bajass“ ist eine Novelle, die vor allem durch ihre herausragende und präzise Sprache besticht. Hier schwingt eine Melodie aus vergangenen Zeiten mit und es finden sonderbare veraltete Wörter Verwendung, alles ist stark gefärbt von schweizerischem Lokalkolorit.

Neben dem kriminalistischen Hauptplot geht es vor allem um den Mief und Zerfall und, im krassen Gegensatz dazu, den Fortschritt  der Industriellen Revolution im Fin de Siècle, um Kinderknechte und Verdingkinder auf dem Land, um Aufbruch und Suche nach dem Glück.

So sehr mich Steinmanns Sprache fasziniert hat, habe ich jedoch auch meine Schwierigkeiten gehabt, zwischen den außergewöhnlichen Wörtern und Satzkonstruktionen die eigentliche Geschichte um Gauch und den gesuchten Mörder zu finden. Die nebligen, atmosphärischen Bilder, die Steimann heraufbeschwört, klingen noch lange nach, einige Worte erscheinem einem wie antike Kostbarkeiten, die ein Sammler sorgfältig zusammengetragen hat. Man muss sie wie ein unbekanntes Gewürz auf der Zunge wirken lassen, um ihrer Bedeutung nachzuspüren. Beim Zuklappen des Büchleins fragt man sich aber unweigerlich: Das war es jetzt? Was genau ist passiert? Wo ist die Geschichte hin? Mir zumindest ging es so.

Fazit:

Sprachgewaltige, für meinen Geschmack aber irgendwie inhaltsarme Novelle. Der reizvolle, ungewohnte Stil ist das Lesen jedoch allemal wert.

4_Kaffeetassen

[Rezension] Andy Weir – Der Marsianer

Der Marsianer von Andy WeirTitel: Der Marsianer

Autor: Andy Weir

Broschiert: 512 Seiten
Verlag:
 Heyne (13. Oktober 2014)
ISBN:
 978-3453315839

Erster Satz:

„Logbuch: Sol 6. Ich bin so was von im Arsch.“

Inhalt:

Es ist der dritte bemannte Flug zum Mars, den die Crew der Hermes zu „Ares 3“ unternimmt. An Tag sechs der Mission bricht die Hölle los: Ein Sandsturm von zerstörerischen Ausmaßen überrollt die Station und die Mission muss abgebrochen werden. Auf dem Rückweg zur Kapsel wird Mark Watney, Biologe und Ingenieur des Teams, von einer losgerissenen Antenne getroffen und von der Gruppe getrennt. Sein Bioscanner fällt aus, seine Kameraden müssen ihn für tot erklären. Im immer mörderischer werden Sturm schaffen es die fünf übrigen Crew-Mitglieder nicht einmal mehr, seine Leiche zu bergen. Gerade noch gelingt ihnen der Start und die Rückkehr zum Schiff.

Mark Watney jedoch ist nicht tot. Benommen kommt er wieder zu sich und muss feststellen, dass er allein auf der tödlichen Oberfläche des Mars zurückgeblieben ist, mit nichts als zwei Rovern, der zeltartigen Wohnkuppel und Lebenserhaltungssystemen, die für eine 31tägige Mission konstruiert wurden. Ohne jede Hoffnung auf Rettung setzt Watney alles daran, zu überleben – so lange wie möglich.

Unterdessen findet die NASA anhand von Satellitenbildern heraus, dass Watney wie durch ein Wunder überlebt hat. Es gibt keine Möglichkeit, mit ihm zu kommunizieren. Ein Defekt des Oxygenators, des Wasseraufbereiters oder ein Riss in der Kuppel würde seinen Tod bedeuten. Selbst, wenn alle Systeme stabil bleiben, reichen die Essensvorräte auch streng rationiert nicht einmal für ein Jahr. Und die nächste Marsmission wird „Ares 4“ erst in vier Jahren erreichen, tausende Kilometer von „Ares 3“ entfernt. Watneys Rettung scheint aussichtslos …

Meine Meinung:

Allein die Veröffentlichungsgeschichte von Andy Weirs Roman ist außergewöhnlich: Rein hobbymäßig schrieb der Programmierer, der sich in seiner Freizeit auch mit Physik, Mechanik und der bemannten Raumfahrt beschäftigt, an seiner Geschichte. Dabei versuchte er, diese so realistische wie möglich zu erzählen, basierend auf existierenden technologischen Möglichkeiten. Die Geschichte stellte er Kapitel für Kapitel zum kostenlosen Download auf seine Website. Als immer mehr Leser Probleme mit dem Herunterladen auf ihren Kindle äußerten, lud Weir den fertigen Roman im ePub-Format auf Amazon hoch. Da ein kostenloses Einstellen nicht möglich war, setzte er den Mindestpreis auf 99 Cent fest. Bald schoss das E-Book in die Top-Ten der Science Fiction Bestseller-Liste, woraufhin ein Lektor von Random House auf den Roman aufmerksam wurde, ihn einem befreundeten Agenten zeigte und dieser sich daraufhin an Andy Weir wandte. Ein Vertrag kam zustande und „The Martian“ erschien endlich als richtiges Buch, ohne dass Weir irgendeine Anstrengung in diese Richtung unternommen hätte. Ein Selbstläufer im Rückwärtsgang, sozusagen. Das Buch platzierte sich ganz oben in den Bestsellerlisten, mittlerweile gibt es mehr als zwanzig Übersetzungen des Romans, der als Meilenstein in der Science Fiction Literatur gefeiert wird. Die Dreharbeiten der Hollywood-Verfilmung starten in diesem Herbst.

So viel zur Vorgeschichte. Nun zu meiner Rezension:

„Der Marsianer“ hat mich begeistert. Wer das Gefühl kennt, sich bei einem Film vor lauter Spannung am Kinosessel festkrallen zu müssen, weiß, wie es mir beim Lesen dieses Buches ging. Andy Weir ist genial. Das zeigt sich schon in seiner Figur Mark Watney, der mit unglaublich riskanten und garantiert tödlichen Situationen konfrontiert wird und sich diesen mit ungeheurer Findigkeit stellen muss. Gerade, wenn man denkt, Weir hätte den Zenit der Spannung erreicht, toppt er das Ganze mit einer neuen Überraschung. Dabei erklärt er Naturwissenschaftliches und Technisches ganz genau, und, soweit ich mitbekommen habe, sehr fundiert. Laien wie ich verstehen dabei vielleicht nicht jedes Detail, (das sollen wir auch nicht, solange Watney versteht, was er tut), aber im Großen und Ganzen kann man alles nachvollziehen. Diese Details sind es auch, die der Geschichte einen unheimlich starken Sinn für Realität verpassen. Alles wirkt schlüssig und sogar wahrscheinlich, man kann sich sehr gut vorstellen, dass eine Katastrophe dieser Art unter ganz ähnlichen Umständen passieren könnte und dass vieles, was im Roman passiert, auch in Wirklichkeit möglich wäre. Es ist einfach unglaublich, dass sich Andy Weir all dieses Wissen rein aus privatem Interesse angeeignet und die im Buch beschriebenen Szenarien aus purer Neugierde gedanklich durchgespielt hat. Das Wort, das mir beim Lesen immer wieder einfiel, war „genial!“.

Und nicht zuletzt beweist Weir mit seinem Debüt auch, was für ein geschickter Erzähler er ist. Der fünfhundert Seiten starke Roman ist von Anfang bis Ende spannend, selbst ruhige Passagen, in denen vor allem viel erklärt wird, blättert man hastig und nägelkauend weiter, so bildhaft ist die Sprache. Dazu kommt, dass Mark schlicht und einfach ein ursympathischer Held ist. Die Prämisse „allein zurückgelassener Astronaut auf dem Mars ohne Aussicht auf Rettung“ hätte auch auf einen düsteren, beklemmenden Roman hinauslaufen können, doch Mark ist ein unverbesserlicher Optimist, der, statt in einer handfesten Depression zu versinken, in den Problemlösungs-Modus schaltet, fest entschlossen, allen Widrigkeiten so lange wie nur möglich zu trotzen. Man könnte ihn einen genialen MacGyver im Weltraum nennen. Einen Robinson Crusoe auf dem Mars. Man könnte auch sagen: Der Marsianer – eine Mischung aus „Apollo 13“ und „Gravity“. (Wobei „The Martian“, wohlgemerkt, vor „Gravity“ erschien.)

Ein grandioser Roman. Etwas Spannenderes habe ich schon lange nicht mehr gelesen und ich kann nur hoffen, dass Andy Weirs nächster Roman nicht allzu lange auf sich warten lässt!

Fazit:

Genial! Ein Science Fiction Roman im besten Sinne. Ich freue mich schon auf die Ridley Scott Verfilmung (mit Matt Damon, Jessica Chastain u.a.)!

5_Kaffeetassen

[Rezension] Matthew Goodman – In 72 Tagen um die Welt

In 72 Tagen um die Welt von Matthew GoodmanTitel: In 72 Tagen um die Welt: Wie sich zwei rasende Reporterinnen im 19. Jh. ein einmaliges Wettrennen lieferten

Autor: Matthew Goodman

Gebundene Ausgabe: 719 Seiten
Verlag:
btb
ISBN:
978-3442753994

Erster Satz:

“Sie war eine junge Frau im karierten Mantel und mit einer Kappe auf dem Kopf, weder groß noch klein, weder dunkelhaarig noch blond und nicht so hübsch, dass man sich nach ihr umdrehte: die Sorte Frau, die, falls notwendig, in einer Menge untertauchen konnte.”

Inhalt:

In Amerika wurde sie in den 1890’er Jahren als Volksheldin gefeiert und galt als berühmteste Frau der USA: Nellie Bly, die es als erste schaffte, die Erde in einer Rekordzeit von nur 72 Tagen zu umrunden.

Bis heute ist der Name Nellie Bly noch vielen ein Begriff. Dass sie damals eine Konkurrentin hatte, die am selben Tag in die entgegengesetzte Richtung startete und sich bald einen Wettlauf gegen die Zeit und ein von der Öffentlichkeit heißdiskutiertes Rennen mit der berühmten Reporterin Nellie Bly lieferte, weiß heute kaum noch jemand. Ihr Name war Elizabeth Bisland.

Sachbuchautor Matthew Goodman hat das Rennen der beiden Reporterinnen gründlich recherchiert und erzählt von zwei abenteuerlustigen, grundverschiedenen Frauen, die Geschichte schreiben sollten.

Meine Meinung:

Mit seinem Buch ist es Matthew Goodman nicht nur gelungen, auf spannende Weise das revolutionäre Wettrennen zwischen Bly und Bisland zu dokumentieren, sondern auch das Leben und die Karriere zweier Journalistinnen und das vieler anderer Frauen, die sich zu dieser Zeit in dem von Männern dominierten Metier durchsetzen mussten.

Sowohl Bly als auch Bisland verschlägt es nach New York, wo sie, obwohl von unterschiedlicher sozialer Herkunft, mehr oder weniger mittellos ihr Glück bei den großen Zeitungen der Stadt versuchen. Bly ergattert eine Anstellung bei der World und macht sich bald einen Namen als investigative Journalistin, während Bisland bei dem monatlich erscheinenden Magazin Cosmopolitan unterkommt und, ihrem Charakter entsprechend, in relativer Anonymität hochwertige Aritkel verfasst.

Im November 1889 nimmt alles seinen Anfang. Um die etwas kränkelnde Auflage seiner Zeitung zu steigern, entschließt sich der Herausgeber der World, eine von Blys früheren Ideen für eine sensationsheischende Reportage in die Tat umzusetzen und schickt sie, ohne jeden Aufschub, auf ein Rennen um die Welt. Das Ziel: die 80 Tage, die die Figur des Phileas Fogg in Jules Vernes berühmten Roman brauchte, zu unterbieten.

Als der Herausgeber des konkurrierenden Blatts Cosmopolitan von Blys Abreise Wind bekommt, überredet er seine Reporterin Elizabeth Bisland dazu, das Rennen in die entgegengesetzte Richtung – nach Westen – anzutreten mit dem Ziel, Bly zu schlagen. Nach einigem Zaudern willigt Bisland ein und startet noch am selben Tag und nur wenige Stunden nach Bly ihre Tour.

Was folgt, ist eine beispiellose Hatz über Ozeane und Kontinente per Schiff und Bahn unter dem enormen Interesse der Öffentlichkeit. Jede Verzögerung durch maschinelle Defekte oder Widrigkeiten der Natur kann den verpassten Anschluss an das nächste Verkehrsmittel und somit die Niederlage bedeuten. Die Eindrücke, die Bly und Bisland auf Schiffen, in Eisenbahnen und in den zu durchreisenden Ländern wie Japan, China, Indien, Nordafrika, Italien, Frankreich und England erleben, liest sich vor allem aufgrund ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten und den daraus resultierenden verschiedenen Eindrücken sehr unterhaltsam. (In Frankreich konnte Bly sogar Bekanntschaft mit Jules Verne höchstpersönlich machen, was ihr zu Hause nur noch mehr Ruhm einbrachte.)

Goodman hat sehr genau recherchiert, jede Aussage und jeder Dialog ist in schriftlichen Quellen belegt und kann im Anhang nachgeschlagen werden. Das Bild, das er von den beiden Frauen und ihrer Reise zeichnet, ist unheimlich lebendig und in seinen Beschreibungen so genau, dass sich der Leser fühlt, als würde er den reisenden Reporterinnen über die Schulter schauen und selbst mitten im Geschehen sein. Der Fokus liegt dabei stets auf dem Reisen, also dem Vorankommen an sich. Von den bereisten oder vielmehr durchreisten Länden bekommt man oft nur flüchtige Eindrücke, da sich die beiden Frauen ja nie lange an einem Ort aufhalten und vor allen Dingen möglichst schnell möglichst viel Strecke machen mussten.

Das mag ein kleiner Wermutstropfen für die sein, die sich besonders für die historischen Begebenheiten in den aus Sicht damaliger Westler „exotischen“ Ländern interessieren. Auch ist das Buch mit seinen 719 (ohne Anhänge 665) Seiten recht opulent und es schleicht sich hin und wieder doch eine kleine Länge oder das Gefühl von Wiederholung ein. Daher ist „In 72 Tagen um die Welt“ für mich vielleicht kein perfektes, aber doch ein gelungenes und unterhaltsames erzählendes Sachbuch, das ich mit großem Interesse gelesen und aus dem ich nicht nur die beiden faszinierenden Frauen Elizabeth Bisland und Nellie Bly kennen-, sondern auch unheimlich viel über das Reisen im ausgehenden 19. Jahrhundert gelernt habe.

Fazit:

Ein fasznierender Blick auf das Leben der Journalistinnen Nellie Bly und Elizabeth Bisland und ein spannender, unterhaltsamer Reisebericht.

4.5_Kaffeetassen

[Rezension] Neil Gaiman – Der Ozean am Ende der Straße

Gaiman_Der_Ozean.inddTitel: Der Ozean am Ende der Straße

Autor: Neil Gaiman

Gebundene Ausgabe: 236 Seiten
Verlag:
 Eichborn (8. Oktober 2014)
ISBN:
 978-3847905790

Erster Satz:

“Es war nur ein Ententeich, ein Stück weit unterhalb des Bauernhofs.”

Inhalt:

Der Erzähler der Geschichte ist sieben Jahre alt, als mit dem plötzliches Tod des Opalschürfers, der gerade erst als Untermieter im Haus seiner Eltern eingezogenen ist, eine Reihe unglaublicher Ereignisse seinen Gang nimmt. Als nächstes lernt der Junge nämlich Lettie Hempstock kennen, das Mädchen von der etwas abgelegenen Hempstock-Farm am Ende der Straße. Lettie, viel weiß und Dinge tun kann, die für ein normales elfjähriges Mädchen unmöglich wären (und vielleicht ist sie in Wirklichkeit auch gar nicht elf?). Ihre Hilfe ist jedenfalls dringend vonnöten, denn die Träume der Menschen scheinen plötzlich real zu werden – mit grausamen Folgen. Und die grausamste von allen tritt in Gestalt von Ursula Monkton in Erscheinung, dem neuen Kindermädchen, das böse Absichten verfolgt …

Meine Meinung:

Dies ist mein erster Gaiman. „Der Sternwanderer“ und „Coraline“ kenne ich bisher nur als Verfilmungen (sie zählen zu meinen Lieblingsfilmen), deshalb war ich umso gespannter auf sein langersehntes neues Buch für Erwachsene.

„Der Ozean am Ende der Straße“ wird dafür, dass er sich anfänglich aus der Sicht eines Siebenjährigen mit den Problemen eines Siebenjährigen beschäftigt, sehr schnell ziemlich düster. Ursula Monkton hat selbst mir eine Gänsehaut den Rücken hinuntergejagt. Und es tauchen Wesen auf, die so angsteinflößend und absonderlich sind, dass Gaiman deren unheimliches Aussehen hauptsächlich der Phantasie seiner Leser überlässt. Das ganze düstere Abenteuer unseres Helden und seiner Freundin Lettie ist zudem gewürzt mit einigen magischen Zutaten – es gibt Bannsprüche, Hexenringe, verzauberte Gegenstände, magische Katzen, eine Menge Dinge, die nicht sind, wonach sie aussehen und natürlich den Teich hinter der Hempstock-Farm, der in Wirklichkeit ein Ozean ist.

Der wahre Kern der Geschichte ist aber natürlich der Blick auf die Kindheit aus der Sicht des Erwachsenen. „Der Ozean am Ende der Straße“ ist bis an den Rand gefüllt mit nostalgischen Eindrücken, mit der Vermischung aus Traum und Realität, mit Erinnerungen und Kinder-Wahrheiten, die Erwachsenen allzu schnell vergessen zu haben scheinen.

Alles in Allem habe ich „Der Ozean am Ende der Straße“ als lyrische, düstere kleine Geschichte gelesen, die mir in seinem sympathischen kleinen Helden und seinem nostalgischen, melancholischen Ton gut gefallen hat, aber ich bleibe ein wenig ratlos zurück. Der Plot erscheint mir etwas wacklig zusammengeschustert und nicht ganz rund. So gut mir einige Passagen gefallen haben, genauso verwirrt war ich von anderen. Nicht selten hatte ich beim Lesen ein Fragezeichen auf der Stirn und nicht all meine Fragen wurden am Ende beantwortet. Überhaupt lässt Gaiman den Leser mit einem recht offenen Ende allein, was zu einem Teil durchaus passend ist, aber einiges bewusst auch im Argen lässt, was frustrierend, aber je nach Leserperspektive wohl auch genau richtig sein kann. Mehr möchte ich, ohne etwas vorweg zu nehmen, gar nicht sagen.

Fazit:

Ein lyrischer, düsterer kleiner Roman über verlorene Erinnerungen an eine Kindheit und das Verschwimmen zwischen Traum und Realität. Eine faszinierende Geschichte mit einem etwas dünnen Plot, in ihrem melancholisch-nostalgischen Ton jedoch durchaus reizvoll.

4_Kaffeetassen

[Rezension] Karine Tuil – Die Gierigen

Tuil, Die GierigenTitel: Die Gierigen

Autor: Karine Tuil

Gebundene Ausgabe: 479 Seiten
Verlag:
 Aufbau (18. August 2014)
ISBN:
 978-3351033781

Erster Satz:

“Mit seiner Wunde hatte es angefangen, ja, mit ihr hatte es angefangen, dem letzten Stigma einer Tyrannei, der Samir Tahar ein Leben lang zu entkommen suchte: einer drei Zentimeter langen Schnittwunde am Hals, die er einmal von einem Schönheitschirurgen am Times Square mit einem Diamantschleifkopf hatte glätten lassen wollen, vergeblich, es war zu spät gewesen, er würde sie als Souvenir behalten und sie jeden Morgen ansehen, um sich daran zu erinnern, woher er kam, aus welcher Gegend/ aus welchem Umfeld der Gewalt.”

Inhalt:

Samir, Samuel und Nina kennen sich seit dem Studium. Erst waren sie unzertrennliche Freunde, dann kam ihnen die Liebe in die Quere und riss die enge Freundschaft auseinander. Zwanzig Jahre später lebt Samir, der sich jetzt Sam nennt, als gefeierter Staranwalt in New York und ist verheiratet mit der Tochter einer der reichsten und wichtigsten jüdischen Familien der USA. Als Nina und Samuel, die immer noch als Paar in einem heruntergekommenen Stadtteil von Paris leben, ihn im Fernsehen erblicken, gerät das Leben der beiden in eine gefährliche Schieflage. Samuel erkennt, dass Samir ihm seine Identität gestohlen hat, um in seiner jüdischen Kanzlei aufzusteigen. Die uralte Eifersucht auf seinen Rivalen flammt wieder auf. Nina soll nach New York fliegen, um Samir zur Rede – und seine alte Leidenschaft für sie – erneut auf die Probe zu stellen.

Meine Meinung:

Ein großes gesellschaftliches Panorama breitet die französische Autorin Karine Tuil in ihrem Roman „Die Gierigen“ aus. Von den Abgründen der Pariser Vorstädte mit ihrer Kriminalität, ihrer Armut, dem Drogensumpf, problematischen Immigrantenvierteln und gescheiterten Existenzen geht es in die Lofts und das Luxusleben der Superreichen Manhattans. Es geht um Geld, Macht und Ansehen, um Armut, Hilf- und Hoffnungslosigkeit, um religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Identität.

Samir hat im Leben alles aufgegeben, um es bis nach ganz oben zu schaffen, an die Spitze der Gesellschaft. Samuel leidet unter chronischem Selbsthass, weiß, dass er es nie zu irgendetwas bringen wird. Nina hat nichts als ihre Schönheit und sexuelle Ausstrahlung. Doch das Wiedersehen der drei wirft ihr Leben komplett über den Haufen, lenkt ihre Schicksale in völlig neue Bahnen – und womöglich in den Abgrund.

Karine Tuil hat einen Roman über das Scheitern in all seinen Facetten geschrieben – mitreißend und erschütternd. Dabei bleibt sie jedoch stets auf fühlbarem Abstand zu ihren Figuren, was den Leser bewusst zu kritischer Beobachtung und Hinterfragung auffordert.

Fazit:

Ein mitreißender Gesellschaftsroman, der tief in die Abgründe menschlichen Versagens entführt, dabei aber stets einen emotionalen Abstand zu seinen Figuren wahrt. So durchlebt man die Höhen und Tiefen im Leben von Samir, Samuel und Nina, ohne selbst in ihren dunkelsten Stunden wirklich berührt zu werden.

4_Kaffeetassen

[Rezension] Benjamin Monferat – Welt in Flammen

Monferat, Welt in FlammenTitel: Welt in Flammen

Autor: Benjamin Monferat

Gebundene Ausgabe: 784 Seiten
Verlag:
 Wunderlich (August 2014)
ISBN:
 978-3805250696

Erster Satz:

“Der Himmel im Osten war flüssiges Feuer.”

Inhalt:

Mai 1940: Während Europa in den Krieg zieht, bricht in Paris ein letztes Mal der legendäre Orient-Express zu seiner Fahrt nach Istanbul auf.  An Bord befindet sich eine äußerst illustre – und undurchsichtige – Gesellschaft. Jeder der Reisenden hat einen ganz bestimmten Grund, diese letzte Fahrt anzutreten. Eine inzwischen glanzlose Stummfilmdiva fürchtet das Vergessen und hofft, in Istanbul einen reichen Gönner zu finden. Ein im Exil lebender Balkanfürst will die Macht über sein Land zurückgewinnen. Seine jüdische Geliebte ist auf der Flucht vor den Deutschen. Eine russische Großfürstenfamilie ist gezwungen, unterzutauchen. Ein Spion der Bolschewiki geht über Leichen, um einen Gegenstand von allergrößtem Wert an sich zu bringen. Agenten aller kriegführenden Mächte befinden sich Wagon an Wagon, Abteil an Abteil. Ein Pulverfass, das jeden Moment in die Luft zu gehen droht.

Der Ausgang der Reise ist unabsehbar. Jeden Moment kann die politische Situation in den zu durchfahrenden Staaten kippen, jeder Grenzübertritt, jeder neue Tag kann das Ende bedeuten. Und schließlich bricht Chaos und Zerstörung an Bord aus …

Meine Meinung:

Was für ein Klopper, habe ich mir gedacht, als ich das Buch das erste Mal in der Hand gehalten habe. Und was für ein reißerischer Klappentext. Da scheint ja wirklich alles drin zu stecken. Das wird entweder richtig toll, oder es geht gewaltig in die Hose.

Es wurde richtig toll. Und es steckt wirklich alles drin: Große Geheimnisse. Große Gefahren. Große Gefühle. Große Action. Ein Schmöker, ein großer Abenteuerroman. Eins der Bücher, in die man eingekuschelt am Kamin versinken könnte, wenn man einen Kamin hätte. Oder mit denen man sich die Nacht um die Ohren schlägt, während draußen ein kolossaler Sturm tobt. Mit denen man seine Haltestelle verpasst. Oder die man im Laufen vor sich her trägt, weil man die elenden Minuten bis zur Haustür nicht vergeuden will.

Ich habe „Welt in Flammen“ wirklich gefressen. Ich habe nicht auf die Seitenzahlen geachtet, bin beim Lesen nie mit den Gedanken abgeschweift, habe keine einzige langweilige Passage gefunden, ich bin nicht mal mit den vielen Figuren durcheinandergekommen. Und das bei einem Umfang von 784 Seiten und einem Aufgebot von über dreißig wichtigen Figuren. 784 Seiten, deren Handlung einen Zeitraum von gerade einmal drei Tagen umfasst und beinahe ausschließlich an Bord des Express spielt. Die Erzählperspektive springt dabei immer wieder zwischen den einzelnen Reisenden hin und her, was sich äußerst abwechslungsreich liest und die Spannung zusätzlich anfacht. Die Figuren sind allesamt sehr charakteristisch und vielschichtig gezeichnet. Beinahe habe ich mich manchmal in einen alten Film hineinversetzt gefühlt, so bildhaft erschienen mir die Figuren, die Szenen, die Dialoge.

Fazit:

Wer mal wieder Lust hat auf einen echten Schmöker, auf einen Roman, der bis an den Rand gefüllt ist mit all dem, was man sich in eine richtig gute Geschichte hineinwünscht, der sollte zu „Welt in Flammen“ greifen.

Und jetzt hätte ich gerne eine Verfilmung davon. Am liebsten einen süffigen, toll ausgestatteten  TV-Mehrteiler. Kommt schon, der Stoff bietet sich doch geradezu dafür an. Was die Briten können, können wir doch auch, oder?😉

5_Kaffeetassen

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